"Jugendhilfe ist im Zentrum der Gesellschaft angekommen"

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Beate Schiffer an ihrem Schreibtisch. Foto: Pielorz
Hattingen: Rathaus |

Das Vorzimmer ist bereits geräumt. Die Mitarbeiterin versieht jetzt bei Baudezernent Jens Hendrix ihren Dienst. Im Zimmer der Beigeordneten Beate Schiffer ist allerdings noch alles beim Alten, obwohl die 63jährige bereits offiziell in den Ruhestand verabschiedet wurde, ihre letzte Ratssitzung bereits hinter ihr liegt und am 31. August auch der Dienstvertrag endet. Acht Jahre hat sie ihren Dienst in Hattingen als Beigeordnete versehen, zuständig für Weiterbildung und Kultur, Soziales und Wohnen, Jugend, Schule und Sport.

Beate Schiffer wohnt in Heiligenhaus. Verheiratet ist sie mit einem Musiker und ihre Vorlieben gehören dem Segeln und Campen. Die Vegetarierin liebt die mediterrane Küche – und für das und ihre Familie wird sie nun auch mehr Zeit haben. Zumindest wird sie der Weg nicht mehr täglich in die Ruhrstadt führen. „Ich habe Sozialpädagogik studiert und später eine familientherapeutische Ausbildung gemacht. Meine ersten Jahre habe ich in der Drogenprophylaxe in Essen, Berlin und Amsterdam und in der Mädchenheimerziehung gearbeitet. Täglich wurden wir dort mit sehr widersprüchlichen Emotionen konfrontiert. Wurden wir in der einen Stunde auch schon einmal derbe beschimpft, lag das gleiche Mädchen kurze Zeit später weinend in unserem Arm. 1994 wurde ich Jugendamtsleiterin in Heiligenhaus. Damals hatte ich für mich entschieden, eine Änderung und Verbesserung der Inhalte nur durch eine Verbesserung der Strukturen erreichen zu können. Deshalb wurde ich damals Jugendamtsleiterin und deshalb habe ich mich 2010 auf die Stelle der Beigeordneten in Hattingen beworben.“
Noch heute ist Beate Schiffer von der Richtigkeit überzeugt. „Kita und Schule sowie die außerschulische Jugendbildung hängen für mich unmittelbar zusammen. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass sie nur unter einer gemeinsamen Leitung auch zielorientiert bearbeitet werden können. Die Jugendarbeit ist immer eine personalintensive Arbeit gewesen und das wird sie auch bleiben. Vor allem der Bereich der wirtschaftlichen Jugendhilfe bindet Ressourcen. Wenn beispielsweise ein Kind in einem Heim untergebracht ist, dann muss das Jugendamt permanent die Zuständigkeit prüfen. Bei wem liegt das Sorgerecht, wo leben die Eltern? Leben sie getrennt? Sind sie umgezogen? Es ist ja nicht so, dass sich die Eltern bei uns an- oder abmelden. Hattingen ist ein Beispiel dafür, dass durch krankheitsbedingtes dauerhaftes Fehlen einer Mitarbeiterin und einem strengen Sparkurs im personellen Bereich auf der einen Seite Fehler gemacht wurden, indem Leistungen gegenüber anderen nicht abgerechnet wurden, auf der anderen Seite aber auch die gravierenden Personaleinsparungen Mehreinnahmen erbrachten, die die nicht abgerechneten Leistungen durchaus übersteigen. Man muss hier, so denke ich, beide Seiten einer Situation sehen, die insgesamt keinesfalls befriedigend war. Übrigens wurde danach der Personalbereich in der wirtschaftlichen Jugendhilfe deutlich aufgestockt von einer Stelle auf 3,2 Stellen.“

Nicht immer leicht gewesen

Leicht habe man es ihr in der Politik nie gemacht, sagt die parteilose Beigeordnete. Viel besser kam sie mit den Mitarbeitern des Jugendamtes, der Schule und der Kitas klar – sie verabschiedeten Beate Schiffer mit vielen Sonnenblumen. Für die scheidende Fachfrau ist klar: „Jugendhilfe ist im Zentrum der Gesellschaft angekommen. Wir diskutieren heute Inhalte, die bei uns früher nicht auf der Tagesordnung standen.“ Kleine, funktionierende Einheiten in der Stadtteilarbeit – beispielsweise die Quartiersentwicklung oder die Schulsozialarbeit – müssen sich einbinden in ein größeres Ganzes.
In die acht Jahre ihrer Dienstzeit fallen große Ereignisse: die Schließung des Kulturbüros, die gescheiterte „Museumsehe“ zwischen dem Hattinger Stadtmuseum und dem Märkischen Museum in Witten, die Schließung der Förderschule St. Georg, weil solche Förderschulen vom Gesetzgeber nicht mehr gewünscht sind. Auch die vielen Flüchtlinge, die nach Hattingen kamen, beschäftigten sie: Integrationsklassen, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – es gab viele Probleme, die es zu lösen galt. Die Angst vor dem Fremden sei bei vielen Begegnungen oft spürbar gewesen, sagt sie.
Jetzt will sie sich etwas mehr Zeit nehmen für Privates. Außerdem ist sie für zwei Jahre noch im Vorstand des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht. Ihre Nachfolge bei der Stadt Hattingen ist noch nicht geklärt. Ein von der Stadtspitze ausgewählter Bewerber war nach seiner Vorstellung in den Fraktionen im Juni wieder abgesprungen. Jetzt muss die Stelle neu ausgeschrieben werden.
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