Ein Bild - Eine Geschichte
Engelstränen

„Daria, was machst du denn da?“ Henrik blieb stehen und schnappte nach Luft. Daria stand im Gras am Ufer des zugefrorenen Sees. In der Mitte der spiegelglatten Oberfläche öffnete sich ein schwarzes Loch. Wind kam auf und zerrte an ihrem Kleid.
Langsam drehte sie sich zu ihm um. Tränen rannen über ihre Wangen, fielen ins Gras und gefroren dort. „Es tut mir leid, aber ich muss dich verlassen.“
Henrik schüttelte heftig den Kopf. Sein Mund öffnete sich, doch er brachte kein Wort heraus. Er machte einige Schritte auf Daria zu. Sie hob die Hand und eine unsichtbare Wand hinderte ihn daran, weiter zu gehen.
„Bitte Henrik, mach es mir nicht schwerer, als es ist.“
Henrik stemmte sich gegen die Barriere und sank auf die Knie, als sie nicht nachgab. „Daria, lass mich nicht allein. Ich habe schon Annika verloren. Ich kann dich nicht auch noch verlieren.“
Daria sah ihn verzweifelt an. „Ich muss, es ist meine Aufgabe. Ich muss dich schützen, darum bin ich zu dir gekommen. Deine Seele ist ein zu hoher Preis. Luzifer gibt sich mit meiner zufrieden. Die Seele eines Engels fehlt noch in seiner Sammlung. Du musst leben und dein Werk zu Ende bringen. Das ist alles, was zählt.“ Ihre Gesichtszüge erstarrten, wurden durchsichtig und sie zersplitterte in unzählige Eiskristalle, die in das schwarze Loch gesogen wurden.
„Nein!“ Henriks Schrei verhallte ungehört. Er starrte auf das schwarze Loch, in dem seine Liebe verschwunden war. Er verfluchte den Tag, an dem er seine Seele verkauft hatte, um ein Heilmittel für seine Frau zu finden. Ein Heilmittel gegen diese tückische Krankheit, welche die Erkrankten langsam von innen auffraß, wie ein Parasit. Doch er war nicht schnell genug gewesen. Annika hatte die Schmerzen nicht mehr ertragen und sich das Leben genommen. Dann hatte Daria ihn aus seiner Verzweiflung geholt und ihm die Freude am Leben wieder gegeben. Nun hatte er auch sie verloren. Alles erschien ihm im Moment unwichtig. Wofür sollte er noch weiterforschen? Es war ihm egal, dass er viele Leben retten könnte.
Das Loch verschwand und mit ihm die Barriere, die Henrik davon abgehalten hatte, zu Daria zu gelangen. Er fiel in das Gras und kroch zu der Stelle, wo ihre Tränen zu Boden gefallen waren. Er pflückte die Grashalme. Durch die Wärme seiner Hände schmolzen Darias Tränen und vermischten sich mit den seinen.
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de

Autor:

Sabine Kalkowski aus Bergkamen

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