Hedwig und der falsche Köder

Untertitel: Frauenfreundschaften sind etwas ganz spezielles - manchmal..

Hedwig, die sinnenfrohe Frau, erlaubte sich nach Jahren der Enthaltsamkeit mal eine so richtig schöne Kreuzfahrt auf der AIDA. Abgespeckt, aufgetakelt wie ein kleiner Tannenbaum, betrat sie das große Schiff und freute sich auf wohlschmeckende appetitliche Abenteuer an den reichhaltigen Büffets. Sie wollte die Fahrt nutzen, um weitere Pfunde zu verlieren. Wußte sie doch, das bei einem richtigen Eßverhalten am Büffet die Pfunde nur so purzeln, wenn man gleichzeitig seinen Body viel bewegt beim tanzen, schwimmen und im Fitneßraum. Die vier großen S sollten ihr helfen, die vielen Büffetangebote zu überstehen. Morgens Saft, mittags Salat, abends Suppe und danach nur noch Sekt.

Es dauerte nur wenige Tage, da war sie schon der Star auf dem Deck mit der deutschen Schlagermusik. Geschickt verstand sie es, sich bei der Sunshine-Band beliebt zu machen und nach wenigen Abenden schon durfte sie ihre vielen Schlager den Gästen zu Gehör zu bringen, die sie schon seit ihrer Kindheit – dank Radio Luxemburg – auswendig singen konnte.

Vom „Sugar Baby“ bis hin zum „Itsi bitsi teeny weeny honolulu strandbikini“ war ihr nichts fremd – ja selbst so ein kompliziertes Schlagerchen, wie den „Popocatepepel-Twist“ trällerte sie an den Abenden hemmungslos in den Salon hinein – sehr zu Freude eines einzel reisenden Herrn.

Dieser Herr namens Nikita stammte aus den Weiten Sibiriens und betrieb schon seit fast 30 Jahren eine Bäckerei in Herne. Er war 59 Jahre jung und buk nur biologische Ware. Er schaute abends immer sehr gelangweilt in die Welt, dachte an seine letzte Beziehung. Die Frau hatte ihn verlassen nach nur sechs Jahren, weil er mit ihr nicht Tango tanzen wollte. Er haßte es, zu tanzen, hielt sich für schrecklich ungelenk – und Tango kannte man ohnehin nicht in Sibirien. Dort tanzte man eher Kreistänze, so wie die Griechen.

Es kam, wie es kommen mußte, Nikita traf Hedwig an der Bar des nachts, nachdem sie schon eine Pulle Sekt gelehrt hatte – und er eine Pulle Wodka. Es gibt eben Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Zugegebenermaßen war er trotz seiner Leibesfülle recht attraktiv – nicht zuletzt, weil er in einem Ohr einen großen Totenkopf-Ohrring trug, der so wenig zu ihm paßte, wie ein Schlager auf eine Kirchenorgel.

Aber die unverbesserliche Hedwig hatte schon stets ein Faible für solch sonderbaren Gestalten und sprach den Nikita einfach an. Der wollte zwar nie wieder eine Frau kennen lernen, aber da die Hedwig so schön sang des Abends am Mikrofon, machte er hier eine Ausnahme. Sie hatte seine große russische Säle irgendwie berührt. Und das sie ihn, so wie eine echte Russin, einfach auf das Tanzparkett zu einem Tango Argentino schleifte, weckte in ihm Heimatgefühle. Ja, in Sibirien, da sind die Frauen noch direkt - „meine Säle hast du besessen – aber meinen Körper nicht, Du Hund“ - war dort ein geflügelter Satz. Nikita liebte diese emanzipierten Frauen über alles und hätte kaum gedacht, so was jemals wieder zu treffen. Aber er hatte die Rechnung ohne Hedwig gemacht. Die schmiegte ihre Beine an seine Beine, bog sich, lachte sich kaputt und letztendlich tranken sie sich gegenseitig immer schöner. Dennoch kam es nicht zum Äußersten auf dieser Kreuzfahrt. Das wollte Hedwig sich für zu Hause aufsparen.

Die Rückkehr nahte, man verabschiedete sich mit Küsschen, tauschte Telefonnummern aus und Hedwig erzählte ihrer besten Freundin beseelt von Nikita, dem Mann mit dem Totenkopf-Ohrring und der schönen Bio-Bäckerei in Herne. Sie hörte gar nicht mehr auf zu erzählen vor lauter Begeisterung und Uschi, die Freundin speicherte alle Koordinaten sorgfältig in ihrem Hirn.

Ein paar Tage später ergab es sich, das Hedwig und Uschi gemeinsam in einer stadtbekannten Altbierbrauerei in Düsseldorf ein sogenanntes Bierchen tranken. Nach dem sechsten Altbier teilte Uschi plötzlich der überraschten Hedwig mit, sie sei übrigens in Herne gewesen in der der schönen Bio-Bäckerei von Nikita. Nikita habe sich sehr überrascht gezeigt, eine Freundin von Hedwig kennenzulernen und habe ihr ein Brot, 10 Brötchen, einen Kranzkuchen und zwei Berliner geschenkt mit dem Bemerken, sie solle doch öfter kommen.

Hedwig fiel das Kinn auf die Schuhe – sie schluckte mehrmals heftig, verschluckte sich gar und ging irgendwie paralysiert nach Hause. Von Düsseldorf nach Herne ist ganz schön weit – ging es durch ihren Kopf. Was macht diese Blödkuh in Herne ? Da ist die doch sonst nie... will die meine Freundschaft zerstreuseln ?

Bei aller Toleranz – gut fand ihr Bauch das nicht. Obwohl das Gehirn ihr signalisierte: Das ist echt russisch !

Sie vertraute diese Schieflage einer Freundin an und diese hatte eine Idee. „Leg doch einfach mal einen weiteren Köder aus für die Frau – dann ist sie aus deiner Bahn draußen !“ Die beiden Freundinnen tuschelten lange und am Ende lachten sie und Hedwig ging ans Werk.

Sie nutzte ihre Bekanntschaft zu einem schwulen Diamantenhändler auf der Düsseldorfer Königsallee schamlos aus und schmiedete eine Intrige, nachdem sie ihn ins Vertrauen gezogen hatte. Sascha war mit vollem Herzen dabei, die heimtückische Uschi aufs Glatteis zu führen. Ja, er würde so gar nicht schwul reden, sondern sich mannhaft zusammenreißen, um der Dame einen Denkzettel zu verpassen. Weil: so geht man unter Freundinnen nicht miteinander um !

Hedwig verabredete sich also mit Sascha und Uschi in der Bar des Breidenbacher Hof und hier ließ Sascha die ganze Flirtpalette abspulen, die er so drauf hatte. Und das war nicht wenig. Er machte Uschi Komplimente, flüsterte ihr ins Ohr, wie süß sie sei und das er sich frage, wieso eine Dame in den vierzigern, die so hübsch sei, noch alleine lebe. (Uschi war 69 schon seit Jahren).

Aber was soll die Erzählerin sagen: er kam bei Uschi nicht an. Uschi war es gewohnt, ähnlich wie Nikita, sich voll zu sprühen mit einem grässlichen Parfüm und konnte einfach nicht an den normalen Duft eines Menschen andoggen. Es nützte nichts. Einen Tag später war sie schon wieder in Herne – diesmal hatte sie dem Nikita ein selbst gebackenes Törtchen mitgebracht mit einem Geheimnis drin.

Wenn er auf dieses Geheimnis – ein Haselnusskern – beisse, könne er sich alles von ihr wünschen. Natürlich biss der Nikita auf den Haselnusskern – war doch der ganze Kuchen gespickt mit hunderten von den Kernen. Jedenfalls wälzten sich die beiden spät am Abend in der Bio-Backstube im Dinkelmehl und genossen das, was sich die Hedwig doch so gern gewünscht hätte.

Ach, wenn die Hedwig gewußt hätte, was danach noch alles passierte.... Dann wäre sie nicht mit Trauerflor um die Augen über Wochen durchs Leben gegangen. Der Nikita war nämlich ein ganz und gar besitzergreifender Mann und verlangte von der Uschi mehr als nur Hingabe. So ganz nach dem Motto: „meinen Körper hast du besessen – aber jetzt gehört mir deine Säle“.

Er drückte die Uschi so fest an sich, das sie keine Luft mehr bekam, er schwor ihr ewige Liebe und Treue, machte sie mit seiner Familie bekannt und sie durfte fortan nicht mehr ohne ihn die Wochenenden verbringen. Keine Sauna mehr, keine Mädelsabende mehr, keine Telefonate mit Freunden, wo Nikita nicht gelauscht hätte. „Ich liebe Dich“ - sagte er Tag und Nacht und alle verborgenen Sehnsüchte wollte er mit Uschi ausleben – 24 Stunden am Tag. Sie schrieb Hilferufe aus Herne an die Hedwig: „Ich bin eine Geliebte – hol mich hier raus !“

Aber Hedwig war unerbittlich, packte ein Päckchen mit mehreren Flaschen Wodka, schickte es nach Herne und dachte bei sich im Stillen: „Gemein zu sein bedarf es wenig, doch wer gemein ist, ist auch mal König“.

Ja, Rache muß man kalt genießen ! (die Setzerin)

Autor:

Karin Michaeli aus Düsseldorf

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