Fritz Textor – eine umstrittene Persönlichkeit mit vielen Facetten

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von Prof. Dr. Ulrich Pfeil
„Ich bin es nämlich auch schon wieder leid. Vor allem jetzt, wo man sich vor Einladungen zu Weihnachtsfeiern nicht retten kann. Ab und zu muß ich da auch noch passende Worte erfinden. Aber es gibt eine Verantwortung, der man sich nicht entziehen kann, und das ist mein einziger Rechtfertigungsgrund“. Am 19. Dezember 1948, also nur wenige Wochen nach seiner Wahl, gab der ehemalige Bürgermeister von Ennepetal, Fritz Textor, seinem Freund, Mentor und Historikerkollegen Franz Petri einen Einblick in sein Seelenleben. Er war am 10. November gegen den heftigen Widerstand der örtlichen SPD gewählt worden, die ihm wegen „seiner politischen Vergangenheit“ vorwarf, „nicht die Voraussetzungen“ zu erfüllen, „die die demokratische Öffentlichkeit von der ersten politischen Persönlichkeit des Amtes Milspe-Voerde verlangt und auch verlangen muss“. Grund für die damalige Kritik war bereits seine Mitgliedschaft in NSDAP und SA während des „Dritten Reiches“.

Die bisweilen heftigen Diskussionen in den letzten Wochen in Ennepetal zeigen, welche lokale Sprengkraft – gerade im Vorfelde von Kommunalwahlen – die Vergangenheit des ersten (Nachkriegs-)Bürgermeisters von Milspe-Voerde/Ennepetal immer noch besitzt. Fritz Textors Biographie reduziert sich jedoch nicht nur auf seine Funktion als Kleinstadtbürgermeister, Lehrer und Direktor des Reichenbach-Gymnasiums. Spuren seiner verschiedenen Tätigkeiten finden sich somit nicht alleine im Stadtarchiv, sondern u.a. auch im Universitätsarchiv Bonn, im LWL-Archivamt für Westfalen (Münster), im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und im Pariser Nationalarchiv. Er hat daher in der Vergangenheit schon öfters das Interesse der Wissenschaft hervorgerufen, wenn auch eher am Rande.

Wer sich heute ein Bild von Fritz Textor machen, sich seinem Denken und Handeln annähern will, muss daher in die 1930er Jahre zurückgehen, als er als Student, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande (Bonn) in den Kreis einer Historikergruppe kam, die es sich zum Ziel gemacht hatte, die germanischen Wurzeln jener Territorien historisch zu belegen, die Deutschland in der Folge des Versailler Vertrages verloren hatte.
Der junge Textor tat sich in diesen als „Abwehrkampf“ verstandenen Aktivitäten mit seiner Dissertation 1937 als „Hardliner“ hervor, so dass der liberale Straßburger Historiker Gaston Zeller bereits 1938 schrieb: „Auf diese Weise dient man nur schlecht dem Frieden, der gerade uns so sehr braucht. Es ist ein Beispiel für eine falsch verstandene Wissenschaft, die in der Vergangenheit Elemente für eine Anklageschrift gegen eine einzige Nation sucht. Die Geschichte, die wirkliche Geschichte, objektiv und ausgewogen, ernährt sich nicht durch solche vergifteten Gerichte“. Der Bonner Historiker Andreas Rutz attestierte Textors Schrift im Jahre 2007 einen offenen „Zynismus“, der zeige, „wie sehr Textors historische Analysen und Interpretationen dem politischen Zeitgeist im Deutschland der dreißiger Jahre entsprechen“. Der Luxemburger Historiker Gilbert Trausch kam 1984 in Bezug auf einen Artikel von Textor aus dem Jahre 1938 zu dem Fazit: „Von der Sprache zum Volkstum, und im Hintergrund lauert die Vorstellung von der Rasse“. Textors beruflicher Lebensweg kannte somit vorläufig keine Brüche, und auch die Bonner Dozentenschaft attestierte ihm systemkonformes Verhalten im Jahre 1939: „Er war stets zu aktivem Einsatz als Nationalsozialist bereit“.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und besonders dem siegreichen „Westfeldzug“ der deutschen Wehrmacht begann für Textor eine neue Lebensphase. Wie andere Historiker und Archivare wurde auch er in die besetzten Gebiete geschickt und der Kulturabteilung des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich zugeordnet. In Brüssel war er für die Universitäten und Schulen zuständig. Er hatte als Rädchen im Apparat der Besatzungsmacht dafür zu sorgen, dass sich Professoren, Studenten und Lehrer nicht deutschfeindlich betätigten und versuchte zugleich, sie für die Kollaboration zu gewinnen. Darüber hinaus beschäftigte er sich wissenschaftlich mit Wallonien und reihte sich damit in den sogenannten „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“ ein. Bei einem Vortrag in Köln 1942 sagte er: „Deutschland stützt sich nicht alleine auf seine materialistische Macht. Seine stärkste Kraft sind die neuen Ideen, deren Träger es ist. Die Wallonie, die einst ein tätiges und williges Glied des Reiches war und der vor allem im letzten Jahrhundert lediglich ein Zerrbild von Deutschland eingehämmert worden war, sieht nun eine ganz andere Wirklichkeit […]. So kann die Wallonie zu ihrem eigenen Vorteil und zum Nutzen des Reiches das werden, was ihre aufgeschlossenen Geister schon heute wünschen: ein williges Glied des zukünftigen Europas“.
Mit Aussagen wie diesen beteiligte sich Textor an den Neuordnungsplänen des „Dritten Reiches“, das sich im Anschluss an den „Endsieg“ anschicken wollte, ein Europa unter deutscher Vorherrschaft aufzubauen. Er selber strebte nun die Habilitation an und erhielt die Unterstützung der NS-Dozentenschaft: „Nach den hiesigen Unterlagen bestehen keine Bedenken gegen die Zulassung von Dr. Fritz Textor zur Habilitation. Textor tut seit 1933 SA-Dienst, ist Pg. und wird auch seiner ganzen Einstellung nach als Nationalsozialist betrachtet“. Die wissenschaftlichen Gutachten der Bonner Historiker waren jedoch so vernichtend, dass Textor nach der Habilitation die Lehrbefugnis nicht erhielt und stets nur „Dr. habil.“ blieb. Dass bei diesen Urteilen die auch in der aktuellen Diskussion immer wieder genannte „Denunziation“ eine Rolle spielte, kann nicht ausgeschlossen werden. Die Äußerungen des Kommissionsmitglieds Fritz Kern mögen es nahelegen, die Reaktionen der anderen Mitglieder (unter ihnen der berühmte Romanist Ernst Robert Curtius) vielleicht auch (im Detail dazu im angekündigten Gutachten für den Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen).
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Textor relativ problemlos entnazifiziert. Wie er gegenüber seinem Freund Franz Petri jedoch immer wieder betonte, befürchtete er aber stets noch eine Hochstufung in den Entnazifizierungskategorien. Warnendes Beispiel war für ihn Petri selber, der in Brüssel sein direkter Kollege war, nach 1945 aufgrund seiner Tätigkeit in Belgien länger interniert blieb und seinen Lehrstuhl an der Universität Köln verlor. Textor entwickelte sich in dieser Zeit zu einem vehementen Gegner der Entnazifizierung („Wann werden diese üblen Antifaschisten und Pharisäer mal Vernunft annehmen“, 1950), so dass er sich „einige Abwehrwaffen zurechtlegen“ wollte. So wurde er in den 1950er Jahren u.a. ein vielgelesener Autor von Schulgeschichtsbüchern bei Klett („Um Volksstaat und Völkergemeinschaft“), mit denen er auch gegen die von den Westalliierten eingeführten „Machwerke“ vorgehen wollte.
Die Biographie des 1911 geborenen Fritz Textor ist in vielerlei Hinsicht ein typischer Werdegang im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Sie reicht vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik, sieht sich mit Regimebrüchen konfrontiert und muss sowohl nach Kontinuitäten als auch nach persönlichen Zäsuren fragen. Dabei drängt sich bei dem protestantisch geprägten Textor der Eindruck auf, auch vor dem Hintergrund des anfänglichen Zitates, dass er zu den mittleren Funktionseliten gehörte, die sich in den verschiedenen Regimen dem Ethos der Pflichterfüllung verschrieben hatten. Das mag beim Blick auf die Entwicklung der Bundesrepublik nach 1945 beruhigen, beim Blick auf die 12 Jahre nach 1933 bewirkte dieser Ethos jedoch auch bei Textor eine geistige Mobilisierung, die das Regime in ihren Zielen stützte.

Autor:

Sven Hustadt aus Ennepetal

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