"Der eklatante Tabubruch macht Kunst zum Spekulationsobjekt"

Seit Jahren ist die Casinogesellschaft Westspiel im Besitz der Warhol-Kunstwerke „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ und will die millionenschwere Kunst verkaufen, um seine Verluste auszugleichen und ein neues Kasino in Köln errichten zu können. Die Kunstszene regt sich auf, weil der öffentliche Museumsbesitz von Kunst damit nicht mehr gesichert sei. Drei Fragen an Gochs Museumsleiter Dr. Stephan Mann.

1.

Herr Dr. Mann, die Westspiel ist ein rechtlich selbstständiges Unternehmen und ihr gehören die Bilder. Wozu also die Aufregung?

„In der Tat ist die Westdeutschen Spielbanken GmbH & Co KG (Westspiel) ein selbständiges Unternehmen. Allerdings gehört sie, wenn auch über Umwege 100 Prozent dem Land NRW und zwar über die 100-prozentige Tochter des Landes, der NRW Bank. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen dem Land NRW und seinen Tochterfirmen ist nicht zu leugnen. Es bleibt die Gesamtverantwortung des Staates gegenüber einmal ausgegebener Steuer mittel sowie gegenüber den erworbenen Gegenständen.“

2.

Bei jedem anderen Gegenstand hat jeder das Recht, diesen wieder auf dem freien Markt zu verkaufen. Wird Kunst nicht überbewertet, wenn sie zum nicht vermarktbaren Gut stilisiert wird?

„Kunst, beziehungsweise Kulturgüter sind essentieller Bestandteil unseres Selbstverständnisses als Menschen, die in eine bestimmte Kultur hineingeboren werden. Sie definieren unsere Herkunft und unsere Gegenwart.
Sie begründen unsere Identität. Das wird vielleicht angesichts eines Warhols nicht unmittelbar deutlich, im Fall aber des Kölner Doms oder der eines Schlosses wie Neuschwanstein wird es vielleicht leichter verständlich. Die Kunst ist also unmittelbarer Bestandteil unserer Definition als Nation, als Kulturlandschaft oder auch als Teil unserer Menschheitsgeschichte. Und damit nie überbewertet.“

3.

Künstler und Mäzene bildeten schon in der Antike eine Einheit. Nur die Reichen konnten sich Kunst leisten. Hat die Kunst ihr sinnstiftendes und gesellschaftsveränderndes Potential nicht längst eingebüßt und ist stattdesen vielmehr zum Spekulationsobjekt geworden?

„Nein. Erst durch einen solchen eklatanten Tabubruch wird sie zum Spekulationsobjekt. Im übrigen sind die Bilder seinerzeit mit Steuergelder, wenn auch indirekt angekauft worden.
Kunst bleibt weiter sinnstiftend und existentiell für unsere Gesellschaft. Sie stellt neue Fragen, reizt zu unkonventionellen Antworten und ist für uns das, was für den Fisch das Wasser ist. Spekulationsobjekt ist sie dort, wo Menschen meinen alles der Gewinnmaximierung unterordnen zu müssen.
Die Errungenschaft des 18. Jahrhunderts ist das Museum. Durch das Museum wurde die Kunst, auch die privat finanzierte öffentlich und damit zum Besitz aller Bürger unseres Landes.
So ist dies ja auch in Goch mit der Sammlung des Museums. Auch diese Kunstwerke gehören allen Gocherinnen und Gocher und sind somit Teil unserer Identität in dieser Stadt.“

Autor:

Franz Geib aus Goch

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