Zeitzeuge „Charly“ Kippers schreckliche Erlebnisse im Dritten Reich

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Judenverfolgung, Reichspogromnacht, Arbeitslager: An einem geschichtsträchtigen Tag informierte Carl Heinz „Charly“ Kipper am Freitag über 400 Schülerinnen und Schüler als Zeitzeuge über die schrecklichen Dinge, die er als Kind und Jugendlicher erleben musste. Zweimal sprach der 86-Jährige vor den Schülern des Mendener Placida Viel Berufskollegs in der Aula des benachbarten Walburgisgymnasiums, sodass auch wirklich alle zuhören konnten. Mucksmäuschenstill waren sie über jeweils fast zwei Stunden – Kipper erzählte schülergerecht, erklärte Religiöses und Historisches und sprach über sein ganz persönliches Schicksal und das seiner Mutter.
Charly Kipper, das sagt er selbst, ist in Iserlohn bekannt wie kaum ein zweiter, war IBSV-Schützenkönig. Und: Er ist der letzte Iserlohner Jude (sogar der Letzte im Kreis), der die Zeit des Nationalsozialismus noch selbst erlebt hat. Die heile Kinderwelt eines katholischen Vaters und einer jüdischen Mutter brach Anfang der 1930er Jahre zusammen, auf einmal wurde er vom beliebten Spielkameraden zum „Saujuden“. Der Verweis vom Gymnasium, ungerechte Noten, verschwundene Lehrer, Drangsalierungen auf dem Schulhof folgten. 1942 wurde seine Mutter deportiert, Charly Kipper stand auf der Straße – und wurde von einer fremden Katholikin aufgenommen, die für ihn zu einer zweiten Mutter wurde. Als später auch noch der kleine Kipper deportiert wurde, meldete der NS-Ortsgruppenleiter dem Arnsberger Regierungspräsidenten: „Iserlohn ist jetzt judenfrei.“ Doch Charly Kipper überlebte ein Arbeitslager, seine Mutter das KZ Theresienstadt – und beide kehrten nach Iserlohn zurück.
Bemerkenswert: Er verachtet die Peiniger von einst, Hass empfindet er jedoch nicht. Seit Jahren referiert der Träger der Ehrennadel der Stadt Iserlohn in Schulen, der VHS, in Gefängnissen und anderen Einrichtungen und vermittelt so den Jugendlichen und Erwachsenen ein lebendiges, ergreifendes Bild von der Situation der Juden in der damaligen Zeit. Sein Wunsch: „Helfen Sie mit, dass so etwas nie wieder passiert!“
Kipper war bereits im März zu Gast am Placida Viel Berufskolleg gewesen und hatte vor einer kleinen Gruppe Schüler und Lehrer referiert, die so ergriffen von seinem Bericht waren, dass er nun vor der ganzen Schule sprach. Die sichtlich bewegten Jugendlichen nutzten die Chance und stellten viele Fragen. Zum Beispiel erfuhren sie, dass Kipper „stolz darauf ist, ein deutscher Jude zu sein“. Und „Ich spüre überhaupt keinen Antisemitismus in Iserlohn.“
Das Placida Viel Berufskolleg ist seit Juni eine „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Einmal im Jahr wird ein Projekt zum Thema Diskriminierungen durchgeführt – am Freitag der „Tag gegen Rechts“, der von einem Team aus Schülern und Lehrern um SV-Lehrerin Verena Fiebig organisiert wurde. Schülerin Frauke Enneper aus Iserlohn hatte die Begrüßung in der Aula vorgenommen.
Im Anschluss an die Vorträge reflektierten die Klassen mit Schülern, die das KZ Auschwitz besucht hatten, oder anderen SV-Schülern das Gehörte. Dann konnten sie entweder kreativ oder meditativ den Tag ausklingen lassen.

Text und Fotos von Katja Hofbauer

Autor:

Christoph Schulte aus Hemer

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