Gesundheit und Pflege
Was kostet ein Menschenleben? Was ist ein Menschenleben wert?

Die vergangenen Wochen haben eines gezeigt: Gesundheit ist unbezahlbar und laut unserem verehrten Gesundheitsminister, Jens Spahn, haben wir dazu noch eines der besten Gesundheitssysteme in Europa.

Corona kam unerwartet und viele Betriebe mussten dauerhaft oder zeitweise schließen, oder im Rahmen der neuen Hygieneverordnungen umstrukturieren. Dies war auch in den Krankenhäusern landesweit der Fall. Die Folgen waren finanzielle Verluste, aufgrund fehlender Einnahmen aus gängigen, gewinnbringenden aber verschiebbaren Operationen. Dafür sollten die Stationen Schutzausrüstung für jeden Mitarbeiter bereitstellen, um der bevorstehenden Corona Pandemie gegenübertreten zu können.

Doch die Pandemie kam und ging, denn im direkten Vergleich mit den USA, Italien, Spanien oder Großbritannien, sind wir gut davon gekommen. Ein totaler Lockdown wie in Italien konnte vermieden werden. Nun ist Sommer und der Alltag soll zurückkehren.
Doch was bedeutet das? Unternehmer und Händler werden sicherlich wieder Gewinn machen wollen, während die Urlausreifen Deutschen ins Ausland fahren. Kurz gesagt: Corona ist vorbei, alles wieder beim Alten.

Für eine Pflegefachkraft ( gemeint sind hier alle Angehörigen eines Pflegeberufs) bedeutet dies folgendes: Personalmangel, fehlende Materialien, Erschöpfung und Burn Out. Schon vor Corona war die Pflege jahrelang chronisch unterbesetzt und unterbezahlt. Die Pandemie hatte zur Folge das für eine kurze Zeit das Berufsbild Pflege und Medizin im Rampenlicht stand.

Es gab Werbespots mit Dankesreden, es wurde geklatscht und von den "Helden", gesprochen. Ja, sogar ein Bonus von 1500,00€ sollte für jede Pflegekraft, steuerfrei ausgezahlt werden. Wie sich allerdings nun herausgestellt hatte, ist mit jeder nicht gleich alle gemeint.

Derzeit ist dies kein Gesprächsthema und wird daher auch nicht groß in den Medien diskutiert. Die Pflege wird, wie sooft, alleine gelassen. Nun könnte man sich fragen:
Wenn ich in meinem Job, nicht anständig bezahlt werde und unter psychischen und physischen Schäden zu leiden habe, ja mir sogar Freunde und Bekannte raten, einen anderen Beruf zu erlernen, warum mache ich das dann nicht?

Dieser Gedanke beschäftigt die meisten Pflegefachkräfte und trotz der mangelnden Umstände lautet die Antwort immer: Wer macht es denn sonst?

Die Aufgabe sich um kranke und leidende Menschen zu kümmern ist eine Berufung und ein Privileg. Würden die Pflegekräfte nun allesamt ihre Arbeit niederlegen, würden die Schutzbefohlenen darunter leiden müssen.

Frau Müller (pseudonym) beispielsweise lebt alleine zu Hause und aufgrund ihrer Krankengeschichte ist sie nicht nur bettlägerig, sondern auch vollständig abhängig von einer Pflegefachkraft. Sie kann sich weder selbständig drehen, noch eine Brot selbständig schmieren geschweige denn die Toilette nutzen. Dabei ist Frau Müller eine zu allen Qualitäten orientierter Mensch und lebensfroh.
Es gibt zahlreiche Beispiele, die man an dieser Stelle nun aufführen könnte, dies soll aber nicht das Thema sein, sondern dass jeder Mensch, der Krankheit leidet ein Recht darauf hat anständig gepflegt zu werden. Die Rede ist von einer Menschenwürdigen Versorgung.

Allerdings scheint es so, dass die Vorstellung darüber, was eine einzelne Person in der Pflege leistet den meisten unbekannt zu sein scheint. Stellen Sie sich stattdessen einfach folgendes vor:

Sie sind bettlägerig und können nichts außer Atmen, Schlucken und Sprechen sowie Denken und Fühlen. Alles weitere müssen sie an eine Fachkraft delegieren. Doch nun ist es so, dass sie nicht alleine sind und 10 weitere Personen sich in der gleichen Lage wie Sie befinden, mit nur einer Pflegefachkraft. Ob eine Person für alle 11 Menschen eine menschenwürdige Versorgung gewährleisten kann? Nein.

Fehlendes Personal und Unterbezahlung prägen also weiterhin das Berufsbild der Pflege. Diese Aussage lässt folgende Frage zu: Was ist die Versorgung eines Menschen wert? Sind es tatsächlich 1500,00 € oder ist es mehr? Kann man diese Arbeit überhaupt anständig und menschengerecht vergüten?
Nun, da lediglich ein Teil der Pflegefachkräfte einen Bonus bekommen soll, scheint es als wäre das Thema für den Großteil der Gesellschaft damit durch.

Für die Pflege wurde geklatscht, ein Teil bekommt einen Bonus ausgezahlt, das soll reichen.

Daher muss die Frage "was ist ein Mensch wert" revidiert werden. Was ist ein kranker Mensch wert? Auf diese Frage findet sich nur eine traurige Antwort: nichts. Denn letzten endlich sind es die Alten und Kranken die unter dem Pflegenotstand leiden müssen.

Für mich, der Autorin und Pflegerin, hat sich hieraus noch folgenden Frage gestellt: Sind wir bei dieser Fragestellung wirklich so viel anders, als die Nationalsozialisten? Natürlich ist es nicht so, dass wir alte und kranke Zusammenferchen und sie ermorden, aber ist der heutige Umgang mit diesen Menschen wirklich so viel anders? Patienten leider unter der mangelhaften Pflege , es kommt zu Fehlern und daraus resultierenden körperlichen Schäden (Druckgespüren, Kontrakturen, etc.).

Berufsanfänger in der Pflege steigen nach wenigen Jahren wieder aus, die älteren Kollegen erleiden im Verlauf ihres Berufslebens einen Burn-Out oder Bandscheibenvorfälle. Trotz der fehlenden angemessenen Bezahlung, bemüht sich eine Pflegende darum, dass es ihrem Patienten oder Bewohner an nichts mangelt.

Warum also sollte man jungen Menschen raten eine Ausbildung in der Pflege zu machen? Das Gefühl von Sinnvoll zu arbeiten, im Austausch für körperliche und seelische Belastungen? Nein, danke.

Fazit: Corona hätte ein Anlass sein können, unser Gesundheitssystem kritisch zu reflektieren und zu reformieren. Diese Chance wurde vertan, stattdessen muss man sich als Pflegefachkraft mit Klatschen auf den Balkonen und dem Pflanzen von Blumen und leeren Versprechungen aus der Politik vergnügen.

Ich möchte nun noch auf folgendes hinweisen: In unserer Gesellschaft hat sich die medizinische Versorgung in den letzten 200 Jahren verändert und Menschen werden im Schnitt bis zu 100 Jahre alt. Auch schwerstkranke haben, je nach Krankheitsverlauf, eine Chance bis zu 80 oder 90 Jahre alt zu werden. Es scheint so, dass jedermann alt werden möchte, allerdings bleibt der Gedanke Pflegebedürftigkeit auf der Strecke. Mit zunehmenden Alter, steigt auch die Wahrscheinlichkeit ein Pflegefall zu werden. Nun fragen Sie sich bitte selbst, von wem Sie erwarten würden, dass er/sie Sie pflegen soll? Möchten Sie, dass ihre Kinder ihnen Essen und Trinken anreichen und den Arsch abwischen, oder stattdessen eine Pflegefachkraft? Wenn es keine Pflegenden mehr gäbe, wer würde sich sonst kümmern?

Es fehlt nicht nur an Personal, Bezahlung, Wertschätzung, sondern auch an Respekt seitens der Gesellschaft gegenüber dem Pflegepersonal und dem Berufsbild.

Autor:

Julia Damer aus Herdecke

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