Urgestein Horst Weckelmann (85) schreibt über die 70-er Jahre
Vom "Pütt-Lehrling" zum Sozialplaner

Laptop oder elektrische Schreibmaschine? Fehlanzeige, Horst Weckelmann greift in seinem Arbeitszimmer lieber zum Stift.
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  • Laptop oder elektrische Schreibmaschine? Fehlanzeige, Horst Weckelmann greift in seinem Arbeitszimmer lieber zum Stift.
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Von St. Reimet „Autofreier Sonntag“, „Wahlrecht mit 18“, „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss sauber werden“ – Die Slogan der Politik aus den 70er Jahren sind der älteren Generation noch bekannt. In Erinnerung bleiben die Leitsätze auch dank Horst Weckelmann aus Massen, der jetzt seinen 85. Geburtstag feierte. In einem Buch über dieses Jahrzehnt veröffentlicht er jetzt drei Kapitel zur Gesellschaftspolitik der Willy-Brandt-Ära.

Die heutige Diskussion über eine Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre oder gar ein Kinderwahlrecht hätte vor rund 50 Jahren wie Science-Fiction angemutet. Einen Stimmzettel in die Wahlurne werfen durfte nur, wer das 21. Lebensjahr vollendet hatte. Bereits Ende der 60er Jahre formierte sich Widerstand der jungen Erwachsenen. „In das Arbeitsleben mit 15 und zum Barras (umg. f. „Bundeswehr“) mit 16 Jahren dürfen wir, aber nicht wählen.“ Die Diskussion in der Gesellschaft führte schließlich zur Herabsetzung auf 18 Jahre, als Erwachsener galt man aber weiter ab 21. „Das war ein großer Erfolg der Jugendverbände“ erinnert sich Horst Weckelmann. Und wünscht sich, dass heute mehr Jugendliche das Wahlrecht zur eigenen Pflicht machen. Horst Weckelmann schreibt in seinen Beiträgen  aus eigener Erfahrung. Und das viele Jahre für die  Jahrbücher einer Zeitungsgruppe bereits in den 60er Jahren. Jetzt sprach ihn Autor Ulrich Hohmann an, ob er einen Blick auf die 70er Jahre werfen wolle. Denn Horst Weckelmann schöpft aus einem großen Fundus an Berufs- und Lebenserfahrung gepaart mit Interesse an der Historie des Ruhrgebiets.
Bergbau
Die Jugendarbeit in der IG Bergbau und Energie bildete das Fundament der Gewerkschaftsarbeit von Horst Weckelmann. Schließlich ging er als Stepke im Alter von 14 Jahren „auf´m Pütt“ in Gelsenkirchen. Der Vater war Bergmann, verstarb mit 45 Jahren an der Staublunge, von der geringen Rente der Mutter konnte die Familie kaum leben. Mit einer Ausbildung zum Schlosser und Schweißer folgte Weckelmann zunächst der Familientradition. Als junger Bergmann bekam er „Wind“ davon, dass die SPD-Landespolitik Nachwuchs für die Jugendarbeit suchte. Er nahm die Herausforderung einer Ausbildung zum Erzieher und Heimleiter an. Am Chiemsee und Rheydt im Winkel lenkte er die Geschicke von Jugendheimen. „Aber Erziehung ist nicht das Einfachste“. Sein Talent für Organisation und Planung blieb nicht unerkannt. Die IG Bergbau bot ihm eine Posten als Jugendsekretär an, dafür besuchte Weckelmann die heutige „Europäische Akademie der Arbeit“. Anfang der 60er Jahre trat er eine Stelle als Sekretär der IG Bergbau in Hamm an. Ein Höhepunkt seines Berufsweges war seine Berufung zum Bundesjugendsekretär 1964.
"Soziale Anpassungen"
Die Auswirkungen der Kohlekrise erlebte Horst Weckelmann nicht nur, er gestaltete die Auswirkungen für die Bergarbeiter aktiv mit. Als Leiter des Referats „Soziale Anpassungen“ hatte er mit den Stilllegungen der Zechen direkt zu tun. „Sozialpläne“ sollten den Kohlearbeitern den Übergang in andere Beschäftigungsverhältnisse bzw. Umschulungen erleichtern. Die Maxime der Politik „Kein Kumpel darf ins Bergfreie fallen“ setzte Weckelmann in rund 100 Sozialplänen mit um. Als Personalchef der Gewerkschaft erhielt er einen noch größeren Verantwortungsbereich, beklagte aber die häufigen Ortswechsel. Es zog ihn mit Familie in den Bereich Dortmund/ Hamm. „Hier gefiel mir die Mentalität der Menschen, hier komme ich gut klar.“ Zudem wollte er sich mehr der Familie widmen, der Sohn studierte, die Tochter befand sich in der Ausbildung. Als Sozialdirektor arbeitete er sieben Jahre bei der neu gegründeten Preussag AG Kohle in Ibbenbüren. Als sich Horst Weckelmann mit 60 Jahren in den Ruhestand verabschiedete, war für ihn klar: „Die Erinnerung an die Ortsgeschichte und die Kohleära möchte ich erhalten.“
Buderus-Siedlung
In Massen recherchierte er zunächst die Geschichte der Zechen, veröffentlichte Broschüren zur Heimatgeschichte. In den Jahrbüchern einer Zeitungsgruppe veröffentlichte er bereits in den 60er Jahren Beiträge. Insbesondere der Historie der Buderus-Siedlung widmete er sich umfassend. Horst Weckelmann wirkte mit daraufhin, das Gedenken an das Grubenunglück in Massen, bei dem im Jahre 1883 auf der Zeche Massen I/II bei.
"Geragogik"
Seine Berufserfahrungen gab Horst Weckelmann mehr als 30 Jahre als VHS-Dozent weiter. Seinen Berufseinstieg fand er über die Jugendarbeit, nach nur fünf Jahren im Ruhestand reizte ihn die „Soziale Gerontologie und Geragogik“, die Pädagogik älterer Menschen. An der Uni Dortmund immatrikulierte er sich für den Studiengang, machte ein studiumbegleitendes Praktikum bei der Ev. Kirche in Massen und hielt 1999 das Abschlusszertifikat Soziologie in den Händen.
In Massen lebt Horst Weckelmann seit über 50 Jahren und hat für seinen Ort einen Wunsch: „Massen muss attraktiver werden.“ Flug- und Verkehrslärm sieht er als Hauptprobleme des größten Unnaer Ortsteils. Denn in seinem Garten möchte er etwas mehr Ruhe genießen können.

Info:

Das Buch „Die 70-er Jahre“ erschient im April im Essener Klartext Verlag. weitere Infos folgen

Laptop oder elektrische Schreibmaschine? Fehlanzeige, Horst Weckelmann greift in seinem Arbeitszimmer lieber zum Stift.
Besonders die Zeit des Strukturwandels im Ruhrgebiet liefert für die Beiträge von Horst Weckelmann aus Massen, der jetzt seinen 85. Geburtstag feierte,   reichlich Stoff.
Autor:

Stefan Reimet aus Holzwickede

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