Fortbildungskurs "Psychische Traumatisierung bei Flüchtlingen"

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Roland Jakaytis und Christina Borkowski beantworten die Fragen der Gäste. (Foto: Fröhlich)
 
(v.l.) Birte Hoffmann, Christina Borkowski, Roland Jakaytis, Joyce Gerlind von "Netzwerk" und Petra Masuch-Thies von der Evangelischen Erwachsenenbildung. (Foto: Fröhlich)
    Dorsten: Evangelisches Gemeindehaus |

Kaum etwas hat Deutschland in letzter Zeit mehr beschäftigt als das Thema Flüchtlinge. Es ist eine Herausforderung für unsere Gesellschaft, wie es sie schon lange nicht mehr gab, eine Angelegenheit, die jeden beschäftigt und betrifft. Damit diese Herausforderung gemeistert werden kann, müssen alle helfen. Aber wie? Wie kann man von Krieg, Verfolgung und Flucht traumatisierten Menschen unter die Arme greifen und sie in unser Land integrieren? Genau mit dieser Frage beschäftigte sich der Fortbildungskurs „Psychische Traumatisierung“ am 24. Februar.



Etwa 40 Prozent aller ankommenden Flüchtlinge sind aufgrund von Krieg, Gewalt, Verfolgung und Flucht traumatisiert. Die Notwendigkeit solcher Kurse spricht also für sich. Am Mittwochabend um 18 Uhr kamen dann vierzehn Menschen dem Fortbildungsangebot der Evangelischen Erwachsenenbildung im evangelischen Gemeindezentrum in Barkenberg nach; darunter Lehrer, Sozialarbeiter, kirchlich Tätige, Jugendhelfer und viele weitere. Obwohl die Teilnehmer aus verschiedenen Bereichen stammten, hatten sie alle eines gemein: Die Entschlossenheit zur Flüchtlingshilfe. Denn diese ist in unserer heutigen Zeit besonders wichtig, darüber waren sich alle einig.

Petra Masuch-Thies, Kulturbeauftragte der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten, organisierte den Kurs gemeinsam mit dem Gladbecker Kinder-, Jugend- und Familienzentrum „Netzwerk“ (Mehr zu Netzwerk: Siehe unten).
Durch den Abend führte Christina Borkowski, Diplom Sozialpädagogin und Fachbereichsleiterin der ambulanten Bereiche von „Netzwerk“, zusammen mit Einrichtungsleiter Roland Jakaytis. Erstmalig waren auch Birte Hoffmann und Joyce Gerling, Sozialpädagoginnen und traumazentrierte Fachberaterinnen des Netzwerks, dabei.

Der Kurs


In einem Stuhlkreis stellten sich zunächst alle Teilnehmer vor und erzählten von ihren Erwartungen an den Abend. Die meisten Gäste hatten nur vage Vorstellungen von dem, was sie erwarten sollte, doch alle schienen äußerst interessiert und gewillt, etwas zu lernen.
Nach der Vorstellungsrunde begann Borkowski mit dem Vortrag.

Der Fortbildungskurs wurde in zwei thematische Einheiten und eine Übung gegliedert. Punkt eins war die Funktionsweise des Gehirns bei traumatischen Erfahrungen. „Denn um besser verstehen zu können was ein Trauma ist und warum es entsteht, muss man erst einmal verstehen wie ein Trauma entsteht.“, so Borkowski.

Danach ging es um das Trauma selbst. Es entsteht durch eine Überstrapazierung psychischer Schutzmechanismen. Eine solche Überstrapazierung kann von traumatisierenden Geschehnissen, wie Gewaltverbrechen, Katastrophen, Unfällen oder schweren Schicksalsschlägen ausgelöst werden und führt dazu, dass der Betroffene ein solches Erlebnis nicht verarbeiten kann.

„Wie entsteht Angst?“


Bevor die Folgen eines Traumas und die möglichen Hilfeleistungen Betroffener behandelt wurden, kam es zunächst zu einer Übung. Um ein besseres Gefühl zu bekommen, was Angst, die Menschen in Kriegsgebieten ertragen müssen, überhaupt ist, wurde 20 Sekunden lang die Geräuschkulisse eines Kriegsgebietes eingespielt, während man zum besseren einfühlen seine Augen geschlossen lassen sollte. Alarmsirenen, Gewehrfeuer und Bombendetonationen, alles klang sehr real; und wirkte weit länger als nur 20 Sekunden.
Durch die Geräusche sollte man sich besser hineinversetzen können in das, was viele Flüchtlinge früher jeden Tag durchmachen mussten, es „sich unter die Haut gehen lassen“, wie Borkowski es ausdrückte. Dadurch sollten Gefühle hervorgerufen werden, die nötig sind um auf einer gewissen Gefühlsebene mit Traumatisierten in Kontakt zu treten und ihnen helfen zu können.

Die Gäste reagierten gemischt. Eine ältere Frau erinnerte mit sich mit Tränen in den Augen an Kriegszeiten zurück, an Zeiten in denen sie sich bei Bomberalarm mit ihrer Familie im Keller verstecken musste. Obwohl sie damals noch sehr jung war, schienen ihr die Erinnerungen sehr gewahr. „Dafür musste ich nicht einmal meine Augen schließen“.
Und obwohl man derartiges selbst nie erleben musste und es sich bei der Übung nur um das Abspielen von Aufnahmen handelte, überkam einen „ein seltsames Gefühl der Gefahr“, wie es eine andere Frau beschrieb. „Kaum vorstellbar, dass Kinder so etwas ertragen können, wenn jedes einzelne dieser Geräusche den Tod bedeuten kann.“
„Wenn es schon uns so empfinden lässt, muss es für Kinder unter solchen Umständen unerträglich sein“, stimmte ein anderer zu.

Die Reaktivierung eines Traumas


Schafft es ein Mensch nicht selbst ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten und bekommt auch keine Hilfe dabei, kann es zu einer Traumafolgestörung kommen. Folgen können unter vielen anderen erhöhte Aggressivität, Konzentrationslosigkeit, geistige Abwesenheit und auch ständiges Wiedererleben des traumatischen Erlebnisses durch sogenannte „Trigger“ sein. Trigger sind Schlüsselreize wie Gerüche, Geräusche oder Bilder, die ein Trauma wieder wachrufen können.
Ein Beispiel wären Silvesterknaller, die Traumatisierte schnell an Schüsse oder Explosionen zurückerinnern können. „Man denkt garnicht darüber nach, was man schon mit so etwas auslösen kann.“, so eine Kursteilnehmerin.
Nimmt man ein aktuelles Beispiel, wie die fremdenfeindlichen Krawalle im sächsischen Clausnitz, bei denen ein wütender Mob einen Bus mit ankommenden Flüchtlingen aus einem Kriegsgebiet umstellt hat, kann man sich vorstellen was dies bei ohnehin schon traumatisierten Menschen anrichten kann. Solche Ereignisse können besonders bei Kindern ein ständiges Gefühl der Hilf- und Schutzlosigkeit hervorrufen. Dadurch können sie in einen Zustand der andauernden Unsicherheit geraten, der sie „zwingt“ ihr „Schutzschild“ immer aufrecht zu erhalten; die Schutzmechanismen bleiben also sozusagen im „Dauerstress“.

Wie kann man helfen?


„Flüchtlinge sollen diesen Schutzschild wieder verlieren. Genau darum geht es hier“, so Jakaytis.
Die Netzwerkgruppe nutzt ein durch das DeGPT und BAG-TP zertifiziertes „4-Phasen Modell“.
Die erste Phase ist die Orientierungsphase, in der es darum geht, eine Beziehung mit dem Betroffenen aufzubauen und ihn kennenzulernen. „Das wichtigste ist der Beziehungsaufbau“, erklärte Birte Hoffmann. „Nur wenn man sein Gegenüber kennt und es Vertrauen zu dir hat, kann man wirklich helfen.“ Kennenlernen, beobachten, hineinversetzen, Gedanken machen, Verständnis zeigen, helfen; oder einfach: die „Antennen ausfahren um besser zu helfen“.
Die Stabilisierungsphase ist die zweite der Phasen. Es muss eine körperliche, eine soziale und eine psychische Stabilisierung geschaffen werden. Ein sicheres und vertrautes Umfeld zu schaffen um für innere Sicherheit zu sorgen ist hierbei ebenso wichtig wie Ablenkungen zu bieten. Ablenkungen können selbst kleinste Dinge wie ein Spaziergang oder ein leckerer Tee sein. Zudem muss man helfen gute Dinge wahrzunehmen, „gute Gedanken“ machen, Kraftquellen geben und zeigen, dass man sich nun in Sicherheit und unter Vertrauenspersonen befindet. Dadurch schafft man es die Selbstheilungskräfte der Betroffenen wieder zu aktivieren. Sehr essentiell bei der Hilfe mit Traumatisierten ist es sie über alles zu informieren, vollkommene Offenheit und Ehrlichkeit zu wahren und ihnen die Kontrolle, also die Selbstbestimmung über alles zu geben. „Transparenz und Information schafft Kontrolle“, lautet ein Sprichwort bei Netzwerk.
Phasen drei und vier sind die Traumaverarbeitung und schließlich die Integration und der Neubeginn. Man muss dabei helfen dem Trauma „einen Platz im Leben zu geben“, klar machen, dass es Vergangenheit ist und das Leben nun weiter geht.
Maßgeblich bei allen Punkten ist es Flüchtlinge als das zu behandeln was sie sind: Menschen.

Abschlussrunde


Am Ende gab es dann noch eine offene Frage- und Antwortrunde. Von den Teilnehmern gab es positive Resonanz. Besonders die Hintergründe eines Traumas, wie die Hirnfunktionsweise, kamen gut an und halfen dabei Traumatisierte besser "verstehen" zu können. Zudem kamen die Teilnehmer zu dem Schluss, dass das in dem Kurs erlente, auch gut in den Alltag einflechtbar ist; denn Traumata beziehen sich nicht nur auf Flüchtlinge.
Alles in allem bot der Kurs sehr interessante und (nicht nur) für die Flüchtlingsarbeit hilfreiche Einblicke in das Thema psychische Traumatisierung. „So etwas sollte es viel öfter geben und viel mehr Leute müssten davon erfahren“, schwärmte eine teilnehmende Lehrerin.

Weitere Termine


Über die Erwachsenenbildung plant Petra Masuch-Thies noch für dieses Jahr eine ganze Fortbildungsreihe für Tätige in der Flüchtlingsarbeit. Die Fortbildungsreihe soll aufgrund der hohen Nachfrage auch wieder Kurse zur psychischen Traumatisierung mit den Mitarbeitern von Netzwerk beinhalten. Zudem wird es unter anderem Kurse mit dem Thema „Deutsch als Fremdsprache“, „Die rechtliche Situation von Flüchtlingen – Anerkennungsverfahren“ und „Transkulturelles Kompetenztraining“ geben. Näheres dazu wird die Evangelische Erwachsenenbildung noch preisgeben.

Wer nicht so lange warten möchte, kann sich einige Inhalte auch auf den Internetseiten der DeGPT und der BAG-TP durchlesen. Ansonsten kann man sich bei Fragen auch an das Netzwerk-Zentrum wenden, Tel.: 02043/957975-0.

Zu "Netzwerk"


Als freier Träger der öffentlichen Jugendhilfe bietet Netzwerk ambulante, sozialpädagogische und traumazentrierte Jugendhilfe nach den Richtlinien der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) und der Bundesarbeitsgemeinschaft Traumapädagogik (BAG-TP) an.

Text: David Fröhlich
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