Altenessen: Wiederaufbau der historischen Orgel in der Alten Kirche hat begonnen

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In der Alten Kirche Altenessen hat der Wiederaufbau der historischen Sauer-Orgel begonnen. Zu Beginn der Arbeiten stehen erst einmal Putzen, Ölen, Hobeln und Feilen auf dem Programm. Pressefoto: Kirchenkreis Essen/Stefan Koppelmann
 
Fehlende Holzteile werden vor Ort hergestellt und bearbeitet. Pressefoto: Kirchenkreis Essen/Stefan Koppelmann.
 
Die ganze Orgel- und Seitenempore der Alten Kirche gleicht momentan einer Werkstatt. Pressefoto: Kirchenkreis Essen/Stefan Koppelmann
Essen: Alte Kirche Altenessen |

Im April 2015 begann die Orgelwerkstatt Rieger mit dem Abbau der wertvollen Sauer-Orgel in der Alten Kirche Altenessen – knapp zwei Jahre später sind die ersten restaurierten oder auch rekonstruierten Teile wieder in der traditionsreichen protestantischen Gottesdienststätte an der Altenessener Straße eingetroffen. Bis in den Mai hinein wird der Wiederaufbau des Instruments dauern; die Einweihung ist am 24. Juni vorgesehen.

Empore der Alten Kirche hat sich in eine Werkstatt verwandelt

Seit Montag gleicht die Orgel- und Seitenempore in der Alten Kirche einer großen Werkstatt. Es riecht nach Holzöl, mehrere Werkbänke sind aufgestellt, auf den Kirchenbänken liegen die langen Holzpfeifen und harren ihrer Bestimmung. Denn zuerst wird vor allem gehobelt und geleimt, geputzt und geölt, werden fehlende Holzteile ergänzt, der Staubsauger brummt. Auf dem Treppenabsatz lagern alte Pfeifen und der ausrangierte Spieltisch, auch das Kirchenschiff wird einbezogen und dient als Lagerraum für zwei große Blasebälge und die beiden restaurierten Windladen. Eine Orgelführung ist immer interessant – das gilt natürlich erst recht, wenn man den Aufbau einer Orgel so hautnah miterleben kann wie in diesem Fall!

Intonation und Stimmung müssen zwei Jahre lang kontrolliert werden

Wer dem fünfköpfigen Team des österreichischen Orgelbauers Rieger bei der Arbeit zusieht und mit Orgelbaumeister Matthias Wagner ins Gespräch kommt – was bei dessen Leidenschaft für die „Königin der Instrumente“ ganz leicht ist – erfährt viele interessante Details. Wussten Sie zum Beispiel, dass sich eine Kirchenorgel nach dem Einbau erst einmal von den damit verbundenen Strapazen erholen muss, fast so ähnlich wie ein Patient nach einer Operation? Zwei Jahre etwa dauert es, bis sich die Orgel akklimatisiert hat, bis sich Pfeifen, Holz und Mechanik an das stets besondere Raumklima eines Kirchenschiffs angepasst haben. In dieser Zeit müssen Intonation und Stimmung immer wieder kontrolliert und angepasst werden; kleinste Drehungen an den vielen Stellschrauben ändern den Ton und die Lautstärke jeweils um Nuancen und sorgen dafür, dass das Instrument an jedem Punkt des Kirchenraums genau gleich klingt. Dass sich eine Orgel anders anhört, wenn das Kirchenschiff voller Zuhörer ist, muss der Orgelbauer dabei immer mitberechnen. Oder wussten Sie, dass neben Feilen und Pinseln auch ein Bügeleisen zu den wichtigsten und unverzichtbaren Werkzeugen zählt? Nur bei der Frage, aus wie vielen Einzelteilen die Orgel zusammengesetzt ist, muss Matthias Wagner passen. Zwar hat er jede einzelne Komponente einmal angefasst, viele der kleinen metallenen Stifte in mühseliger Kleinarbeit auch selbst geschmiedet – doch hat er die vielen Teile dabei nicht gezählt: „Es mögen zwölftausend sein – oder auch mehr…“

Einzigartiges Instrument für die Musik zeitgenössischer Orgelliteratur

Die Orgel der Alten Kirche wurde durch die renommierte Orgelbauwerkstatt Wilhelm Sauer aus Frankfurt an der Oder errichtet und gilt als einzigartig in der Region; ihre Klangfarbe eignet sich in besonderer Weise für die Führung des Gemeindegesangs in der protestantischen Kirchenmusik und zur Wiedergabe der zeitgenössischen Orgelliteratur, etwa von Max Reger. Da das denkmalgeschützte Instrument seit seiner Erbauung im Jahr 1890 vielfach im Klang verändert wurde, hat die aufwändige Sanierung, die infolge starker Materialermüdung erforderlich wurde, auch das ehrgeizige Ziel, die ursprüngliche Disposition wieder zu rekonstruieren. „Erschwerend kommt in diesem Fall hinzu, dass viele Metallpfeifen im Ersten Weltkrieg zur Herstellung von Geschosshülsen genutzt und später nicht in derselben Qualität ersetzt wurden. Zudem sind wichtige Teile der ursprünglichen Mechanik nach einem Brand im Jahr 1949 – die Ursache ist bis heute nicht bekannt – verlorengegangen“, erläutert Orgelbaumeister Matthias Wagner. „Die Recherchen und Planungsarbeiten waren überaus umfangreich: Vorbilder für den Nachbau der mechanischen Komponenten fanden wir unter anderem in den Weinbaugemeinden in der Pfalz und Rheinhessen, die im 19. Jahrhundert zu Reichtum gekommen waren und sich eine Sauer-Orgel leisten konnten.“ Die Formen für die Pfeifen, die ersetzt werden mussten, fand Wagner schließlich in der lutherischen Kathedrale in Moskau. Stark verändert wurden im Laufe der Zeit auch die Windladen der Orgel; der Spieltisch muss komplett neu gebaut werden. „Viele Schritte sind erforderlich, um das einst so wertvolle Instrument wiedererstehen zu lassen“, erklärt der Orgelbauer. „Nun wird es ernst: Alle Komponenten müssen sich vereinigen und zu einem einzigen Organismus zusammenwachsen.“

Spenden für die Orgel-Restaurierung sind weiterhin willkommen

Für die Sanierung der Orgel wurden insgesamt rund 410.000 Euro veranschlagt, erläutert Pfarrerin Ellen Kiener, die das Projekt leitet. 90.000 Euro stellt die Kirchengemeinde aus eigenen Rücklagen bereit; dazu kommen derzeit rund 80.000 Euro, die von Stiftungen und dem Kirchbauverein Alte Kirche Altenessen stammen oder im Rahmen von Spendenaktionen gesammelt wurden. „Es stimmt, bei der Finanzierung ist noch viel Luft nach oben“, gibt die Finanzkirchmeisterin der Gemeinde, Ulrike Bauza, unumwunden zu. „Einen richtig großen Sponsor haben wir noch nicht gefunden. Gerade im Essener Norden wird die Zahl der sinnvollen Spendenprojekte ja zurzeit nicht gerade weniger.“ Auch in den Jahren nach der Wiedereinweihung wird es deshalb immer wieder Benefizaktion zugunsten der Orgel geben; kleine Beträge sind ebenso willkommen wie die Übernahme einer Orgelpatenschaft – Paten oder auch Spender größerer Summen erhalten eine der ausrangierten und ersetzten Orgelpfeifen als symbolisches Dankeschön und werden namentlich in einem aufwändig gestalteten „Orgelpatenbuch“ erwähnt.

Am 24. und 25. Juni 2017 wird die wiederaufgebaute Orgel eingeweiht

Trotz der mühevollen Finanzierung sind sich die Verantwortlichen aber sicher, dass sich der Aufwand lohnt: „Wir sind der Meinung, dass die Mitglieder unserer Gemeinde, im weiteren Sinne alle Menschen hier im Stadtteil und in dieser Region eine derartige Klangschönheit verdient haben“, sagt Ellen Kiener. „Für ein solches musikalische Geschenk, das Ohren der Zuhörer in den nächsten hundert Jahren erfreut und direkt zu den Herzen spricht, ist uns jedes Engagement wert.“ Davon, dass das auch wirklich gelungen ist, können sich alle Musikliebhaber erstmals am 24. und 25. Juni freuen – an diesem Wochenende werden sowohl die wiederaufgebaute Orgel als auch das neue, benachbarte Gemeindezentrum festlich eingeweiht. Für den 9. September plant Kreiskantor Thomas Rudolph eine große Orgelnacht mit Konzerten, Gospel, Lesungen und einem fairen Abendimbiss – an diesem Abend wird der Klang der historischen Sauer-Orgel in all seinem Facettenreichtum erstrahlen. Der Eintritt ist frei; Spenden für die Orgel sind willkommen. Und wenn Sie wissen möchten, wozu Orgelbauer das oben erwähnte Bügeleisen benötigen, sollten Sie schon in den nächsten Tagen einfach mal in der Alten Kirche an der Altenessener Straße 423 vorbeischauen. Orgelbaumeister Matthias Wagner beantwortet Ihre Fragen gern!
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