Unterversorgt: Nicht ausreichend Fachärzte für Orthopädie hat der Essener Norden

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Eine Alternative? Die Bezirksvertretung V schlägt zur Schließung der Versorgungslücke eine Kooperation mit dem Marienhospital vor. Foto: Müller

57.000 potenzielle Patienten sind einiges an Arbeit für einen Arzt. Mit einer solchen Menge sieht sich der einzige Orthopäde im Essener Norden konfrontiert. Abhilfe in dieser Not schaffen will die Bezirksvertretung V, stößt dabei mit der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) an die Grenze: Bürger und Patienten werden hilflos Spielball eines antiquierten bundesweiten Gesetzes.

Wer im Moment einen Termin beim einzigen Orthopäden des gesamten Bezirks V möchte, darf sich auf eine Wartezeit von acht Wochen einstellen, Schmerzpatienten sitzen ihr Leiden sechs Stunden lang im Wartezimmer ab: „Das finde ich reichlich überzogen!“, bemängelt Theodor Jansen, Fraktionsvorsitzender SPD in der Bezirksvertretung V. Insbesondere für mögliche Patienten mit Schwierigkeiten im Bewegungsapparat seien weder die Wartezeiten noch die langen Wege in den Essener Süden zumutbar. Wegen des demographischen Wandels und der steigenden Lebenserwartung sei es gut möglich, dass die Situation sich in den kommenden Jahren nur weiter verschlimmert. Die Lösung: „Dass die Kassenärztliche Vereinigung überprüft, ob die Gebietsverteilung so in Ordnung ist.“

Stadtweite Bedarfsplanung

Entscheidende Größe dafür ist die Bedarfsplanung, weiß Dr. Heiko Schmitz, Leiter Kommunikation Kassenärztliche Vereinigung: „Die Bedarfsplanung ist eine Bundesrichtlinie und regelt, wie viele Ärzte sich in bestimmten Planungsbereichen niederlassen dürfen. Bei den Orthopäden ist das gesamte Gebiet der Stadt Essen der relevante Planungsbereich.“ In Essen sind zurzeit 32 Orthopäden ansässig, damit liegt der statistische Versorgungsgrad sogar bei 128 Prozent – ab 110 wird der Bereich für die jeweilige Ärztegruppe gesperrt. Nachrücken ist also nicht möglich.
Auf die ungleichmäßige Verteilung innerhalb des Stadtgebiets durch Vorschriften Einfluss nehmen kann die KV nicht: „Ärzte sind Freiberufler. Wir könnten das nur vorschlagen und auf die Situation verweisen“, erläutert Schmitz. Einziger Hoffnungsschimmer ist das als „Seehofer-Bauch“ (s.u.) bekannte Phänomen: Eine große Gruppen von Ärzten, die 65 plus ist, wird voraussichtlich in den kommenden fünf bis sieben Jahren die wohlverdiente Rente antreten, erst dann ist wieder Spiel für eine Neuverteilung innerhalb der Stadt. Dank dieses altertümlichen Bundesgesetzes haben die Patienten schlechte Karten auf eine positive Veränderung: „Da stellt sich doch die Frage, ob diese Regelung überhaupt noch der Zeit entspricht“, kommentiert Jansen.
In dem entsprechenden Antrag wird zusätzlich eine Kooperation mit der Notfallpraxis des Marienhospitals vorgeschlagen, Oliver Gondolatsch, Pressesprecher der Katholischen Kliniken Essen, weiß davon nur indirekt: „Bisher ist keiner von der Bezirksvertretung auf uns zugekommen.“ Den Kliniken selbst fehlen die Befugnisse: „Da haben wir überhaupt keinen Einfluss drauf. Inwieweit wir unterstützen und helfen können, müsste man klären“, lädt Gondolatsch zum Gespräch ein.

Patienten leiden

Wie sehr der einsame Orthopäde des Bezirks V von der Situation profitiert und ob die vielen Patienten für den Mediziner eher Arbeitsbelastung oder finanzieller Segen sind, konnte der Nord Anzeiger nicht herausfinden: Der Arzt war für ein Gespräch nicht zu erreichen. Vielleicht zu viel zu tun? Leidtragende des rechtlichen Durcheinanders sind wie so oft die Patienten: auch in der nahen Zukunft drohen ihnen weite Wege und lange Wartezeiten.

Der Seehofer-Bauch

Namensgeber ist der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer. Im Jahr 1992 erließ der CSU-Politiker ein Zugangssperre für Fachärzte, weil die Berufsgruppe damals zu zahlreich vertreten war. Durch diese Maßnahme fehlt heute eine ganze Generation von Ärzten, in den kommenden Jahren droht deshalb bundesweit eine massive Versorgungslücke.
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