Kategorien-Denken – Nach Würge-Attacke: Uneinigkeit über Gewaltbereitschaft im Fußball

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Jedes Spiel ein Risiko? Die letzte große Eskalation gab‘s in der Pokal-Partie gegen Duisburg in der vergangenen Saison. Archivfoto: Gohl

Gegenseitig gingen sich die Fußball-Fans zum Regionalliga-Spiel Fortuna Düsseldorf II gegen Rot-Weiss Essen zwar nicht an die Gurgel, dafür aber den Ordnungshütern. Auch die polizeiliche Statistik bestätigt das Bauchgefühl einer gestiegenen Gewaltbereitschaft – bleibt dabei aber betont undeutlich.

Erst zündeten sie Pyros auf dem Bahnsteig, kurz danach würgte ein 22-jähriger Fan von Fortuna II einen Bundespolizisten bis zur Kehlkopfquetschung. Neben solchen Aktionen wie zum Spiel Rot-Weiss Essen gegen Düsseldorf am 14. November scheinen gerade die vielen Risikospiele an der Hafenstraße die Statistiken der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze zu bestätigen.
An Verletzten verzeichnet die Polizei in der Regionalliga-West in der Spielzeit 2013/2014 einen Anstieg von 33 auf 58 Personen. Als Grund dafür macht der Bericht besonders die Auf- und Abstiege von Traditionsvereinen wie Uerdingen und Aachen aus. Allein in den Partien mit Rot-Weiss wurden hier 21 Personen, 18 davon Polizisten, verletzt. Ein Vergleich zur Vorsaison sei wegen gestiegener Zuschauerzahl und anderer Erfassungsmethoden allerdings kaum möglich. Ähnlich undurchdringlich gibt sich die Statistik an anderen Stellen: Weil sich dem Randalierer vermutlich nicht vom Gesicht ablesen lässt, ob er nur zur Gewalt bereit ist – Kategorie B – oder diese sogar aktiv sucht – Kategorie C –, greift der Bericht hier explizit bloß auf Schätzungen zurück, landet aber trotz allem bei der konkreten Zahl von 922 gewaltbereiten Fans in der Regionalliga West.

Fanprojekte zur Deeskalation

Ganz anders sieht Dr. Michael Welling, Geschäftsführer von Rot-Weiss Essen, die Situation: „Zwar ist selbst die existierende Gewaltbereitschaft im Fußball noch zuviel, doch insgesamt lässt sich eher ein Rückgang beobachten.“ Als Grund für den gegenteiligen Eindruck zunehmender Gewalt erkennt der RWE-Chef unter anderem die mediale Berichterstattung: „Die Wahrnehmung ist heutzutage eine ganz andere als früher. Da treten Extremfälle viel deutlicher hervor.“ In der Pflicht sieht der Rot-Weiss-Geschäftsführer sich und seinen Verein trotzdem: „Wir müssen daran arbeiten, dass es noch weniger wird.“
Rot-Weiss kümmert sich dabei um die Sicherheit im und ums Stadion. Besonders lobt Welling die Fanprojekte: „Sie leisten eine ganz wichtige Arbeit.“ Verortet in Melches Hütte direkt vor dem Stadion Essen versuchen die Sozialarbeiter in erster Linie über Deeskalation und Aufklärung Gewaltbereitschaft schon im Keim zu ersticken. Im Gegenzug sollen die kreativen Kräfte der Fans gefördert werden.

Keine Sorge?

Und in der Praxis? Trotz vieler Risikospiele – auch bedingt durch Neuzugänge der Regionalliga-West – gab es seit dem Duisburg-Debakel keine Eskalation der Gewalt mehr bei RWE-Partien. Ob Rückgang oder Zunahme – der Stadionbesuch dürfte für normale Besucher kaum gefährlicher sein als im Jahr zuvor.
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