"Schatz" aus Schloß Broich ist gesichtet

Anzeige
V.l.: Dr. Gundula Lang (LVR-Amt für Denkmalpflege), Dr. Julia Obladen-Kauder (LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland), Heike Bläser-Metzger und Inge Kammerichs (beide MST) präsentieren den Inhalt der Kassette. (Foto: PR-Foto Köhring/PK)
 
Stadtansicht (Foto: MST)

Als Heike Blaeser-Metzger, Prokuristin der Mülheimer Stadtmarketing und verantwortlich für das Projekt Schloss-Sanierung, vor genau drei Wochen einen Anruf erhielt, dass Bauarbeiter etwas in der Mauer des Schlosses gefunden hatten, war die Aufregung groß.

Womöglich enthielt die Schatulle, die hinter einer Gedenktafel in der Mauer steckte und erst nach deren Abnahme entdeckt wurde, einen wertvollen Schatz? Heike Blaeser-Metzger zögerte nicht lange, ließ den Fund herausholen und meldete ihn am nächsten Tag direkt dem für Archäologie zuständigen LVR-Amt für Bodendenkmalpflege.

Papier in gutem Zustand

Dr. Julia Obladen-Kauder, Leiterin der Außenstelle Niederrhein, und ihre Kolleginnen und Kollegen gingen unverzüglich ans Werk. Zunächst wurden die Dokumente vorsichtig entpackt, dann untersucht. „Wir haben Glück, dass das Papier zum größten Teil in gutem Zustand war“, erklärt die Denkmelpflegerin. Nun steht fest: Historisch wertvoll sind in der Schatulle zwei Teile: Ein Medaillon, das an den Einzug des Regimentes 159 im Jahr 1899 in Mülheim erinnert und eine Stiftungsurkunde, die die Geschichte des Regimentes und die Jahre nach der Auflösung 1918 beschreibt. „Vor allem die Urkunde ist in einem sehr guten Zustand“, freut sich Dr. Julia Obladen-Kauder.

Die noch in der Schatulle enthaltenen 28 Dokumente aus dem Jahr 1928, darunter Zeitungen, Bilder, und ein kompletter Münzsatz (siehe Bildergalerie unten), sind als „Gesamtpaket“ für die Historiker interessant. „Wir haben Dokumente aus dieser Zeit im Archiv. Da diese Schatulle so eine Art Zeitkapsel ist, ist es interessant zu sehen, was hineingelegt wurde und was nicht“, erklärt Dr. Kai Rawe, Leiter des Mülheimer Stadtarchives.

Kassette erst 1958 eingemauert

Eine Überraschung gab es dennoch: Dachte man zunächst, dass die Schatulle mit der Gedenktafel im Jahre 1928 an der Mauer platziert wurde, konnte die MST anhand von Zeitungsartikel anderes recherchieren. Ursprünglich wurde die Kassette am 1. Juli 1928 in den Sockel eines Denkmals, des Fackelträgers, an der damaligen Witthaushöhe eingemauert - dort steht das Ruhr-Reeder-Haus in der Nähe des Oppsprings. Bereits 1933 aber wurde die sechs Meter hohe Skulptur abgerissen und verschrottet - der Künstler Carl Moritz Schreiner galt den Nazis nach der Machtübernahme als entartet.

Wer kennt den Verbleib der Kassette zwischen 1933 und 1958?

Wo die Schatulle zwischen 1933 und 1958 geblieben ist, bleibt ein Rätsel. Die Archäologen vermuten, dass Hinterbliebene von Regimentsangehörigen die Kassette bewahrt haben und, als der Wunsch nach einer neuen Gedenkstätte für die Gefallenen des Weltkrieges aufkam, hinter der „neuen“ Gedenktafel am Schloß Broich am 4. Mai 1958 ein neuer Platz gefunden wurde. Wenn jemand mehr über die Geschichte der Kassette weiß: Die Mülheimer Stadtmarketing freut sich über Hinweise.

Als nächstes werden die Dokumente aufbereitet, die leichte Schädigungen aufweisen. Auch die Frage nach dem Eigentum muss noch geklärt werden - obwohl man davon ausgehen kann, dass die Stadt den Fund behalten kann - ist sie doch Finder und Eigentümer gleichzeitig. Ob die Kassette samt Inhalt in Zukunft auch in Mülheim ausgestellt wird, dass muss noch „am runden Tisch“ geklärt werden, wie Dr. Julia Obladen Kauder betont.

Hintergrund

>>Auch weiter ist die MST dringend auf Spenden angewiesen, um das Schloß zu sanieren. „Die Zeit hängt uns im Nacken, die Substanz bröckelt uns weg“, so MST-Chefin Inge Kammerichs.
>> 4,4 Millionen Euro kostet die Sanierung, 3 Millionen Euro fehlen noch.
>> Spenden kann man hier:
Stadt Mülheim an der Ruhr, IBAN: DE78 3625 0000 0300 0001 00
BIC: SPMHDE3EXXX
Verwendungszweck:
Kassenzeichen 9900000002249 Denkmalschutz

Mülheim als Regimentsstadt

Was ist an einer Gedenkmünze an ein Regiment ungewöhnlich? Eher die Tatsache, dass es in Mülheim überhaupt ein Regiment gab. Wie sagte Kaiser Wilhelm einst: „Ich will keine Soldaten und keine Studenten im Ruhrgebiet“. Als im Westen aber ein Standort gesucht wurde, bewarb sich Mülheim. „Damals hatte es schon ein Renommee, eine Regimentsstadt zu sein“, erklärt Dr. Kai Rawe. „Darum bewarb man sich wie heute als Standort einer Fachhochschule oder einer Sparkassen-Akademie.“ Nicht zuletzt waren die Soldaten ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor in einer Stadt. Und so war man in Mülheim hoch erfreut, als man das Regiment 159 und das ReserveInfanterie-Regiment 219 in die Stadt holen konnte.

Mülheim war einzige Regimentsstadt im Ruhrgebiet. Rund 2000 Soldaten waren an der Kaserne an der Kaiserstraße untergebracht und nahmen regen Anteil am städtischen Leben, wie Dr. Kai Rawe aus vielen Erwähnungen der Zeitungen weiß. „Unsere 159-er“ wurde das Regiment genannt. Nach seiner Auflösung im Jahr 1918 bildeten sich in den 1920-er Jahren in vielen Städten „Vereine ehemaliger 159er“.
3
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
12.701
Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 11.12.2014 | 06:10  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.