Ungewöhnliche Inszenierung von Peter Weiss' „Marat / Sade“ in den Kammerspielen
Liberté, Egalité, Pfefferminztee

Lukas von der Lühe, Sabine Schrader und Renate Stahl (von links) loten das Spannungsfeld von Selbst- und Fremdbestimmung aus.
  • Lukas von der Lühe, Sabine Schrader und Renate Stahl (von links) loten das Spannungsfeld von Selbst- und Fremdbestimmung aus.
  • Foto: Krauß
  • hochgeladen von Nathalie Memmer

Wer „Marat / Sade“, die Kooperation des Schauspielhauses mit dem Performancekollektiv Monster Truck, noch nicht gesehen hat, sollte sich sputen: Bereits am Freitag, 12. Juli, fällt in den Kammerspielen der letzte Vorhang für diese Produktion – und die ist wirklich ein Ereignis.
Manuel Gerst und Sahar Rahimi von Monster Truck stehen als Regisseure mit auf der Bühne und fügen Peter Weiss' ohnehin schon komplexem Bühnenwerk, dessen voller Titel „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ lautet, eine weitere Dimension hinzu: Performer mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen spielen die Insassen des Hospizes, die im frühen 19. Jahrhundert unter Anleitung des ebenfalls internierten Skandalautors de Sade, verkörpert von der Dragqueen Renate Stahl, Marats Ermordung auf die Bühne bringen und das Spannungsfeld zwischen Kollektivismus und radikalem Individualismus ausloten. Der Schauspieler Lukas von der Lühe und die Tänzerin Dasniya Sommer fungieren als Figurenspieler – Sinnbild für das Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Bevormundung, in der Betreuung, bei der Theaterarbeit und anderswo.

Fundamentale Fragen

Dabei werden fundamentale Fragen verhandelt: Wie funktionieren gesellschaftliche Zuschreibungen? Was ist authentisch, was Fiktion? - Im zweiten Teil gerät das Spiel im Spiel im Spiel zeitweilig aus den Fugen, ganz wie in der berühmten Vorlage. Und am Ende übernimmt dann mit Napoleon ein neuer „starker Mann“ das Ruder, aber auch dieses Bild ist mehrdeutig.
Im Zusammenspiel von Performern mit und ohne wahrnehmbares Handicap entstehen berührende Momente. Das ist hier nicht einfach ein Nebeneffekt, sondern integraler Bestandteil einer rundum überzeugenden Inszenierung.

Termine
- „Marat / Sade“ ist am Dienstag, 9. Juli, um 19.30 Uhr wieder in den Kammerspielen des Schauspielhauses zu sehen
- Eine weitere Vorstellung folgt am Mittwoch, 10. Juli, um 19.30 Uhr.
- Zum letzten Mal ist das Stück am Freitag, 12. Juli, ebenfalls um 19.30 Uhr zu sehen.
- Die Theaterkasse ist unter Tel.: 3333 5555 zu erreichen.

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