Der Fehler in unserem Geldsystem und seine Folgen. Darum: Lust auf neues Geld!

Nicht erst seit der Bankenkrise wird deutlich, dass mit unserem Geld- und Wirtschaftssystem etwas grundsätzlich nicht stimmt. Wie ist es denn zu erklären, dass trotz stetigen Wirtschaftswachstums die öffentlichen Kassen wie auch viele private immer leerer werden und auch Kinderarmut, die ja doch letztlich immer Armut von Familien ist, bei uns so zunimmt? Wie ist es zu erklären, dass vor dreißig Jahren öffentliche Einrichtungen wie z. B. Schwimmbäder gebaut werden konnten und heute nicht einmal mehr unterhalten werden können?

Der Wirtschaftsanalytiker Helmut Creutz hat seit fast dreißig Jahren Daten und Zahlen zusammengestellt und analysiert. Als eine Hauptursache der Misere hat er die Beschaffenheit unseres Geldsystems mit Zins und Zinseszins erkannt und in seinem Buch „Das Geldsyndrom“ behandelt.

Prozentuales Wachstum wie das von Zins- und Zinseszins zeigt einen exponentiellen Wachstumsverlauf, das heißt, in immer gleichen Zeitabständen verdoppelt sich die Ausgangsmenge. Bei 3 % Verzinsung z. B. wird eine Verdopplung des eingesetzten Kapitals bereits nach 24 Jahren erreicht, bei 6 % Zinsen schon nach 12 Jahren, bei 12 % Zinsen nach 6 Jahren. Das Ausmaß des Geldwachstums steigt relativ schnell in schwindelerregende Höhe, denn nach weiteren 24 bzw. 12 oder 6 Jahren ist das ursprüngliche Kapital schon auf das Vierfache, dann auf das Achtfache, Sechzehnfache u.s.w. angestiegen. Das Wachstum der Vermögen auf der einen und der Schulden auf der anderen Seite findet auf diese Weise inzwischen seit 60 Jahren in unserem Land statt.

Wer keine Schulden macht, zahlt keine Zinsen?

Nun profitieren ja alle von diesem Zinssystem, die Geld zur Bank bringen, und wer keine Schulden macht, wird auch nicht durch Zinsen belastet, meinen viele. Nicht gesehen wird dabei, dass nur etwa 6 % aller Kredite Konsumentenkredite sind, der große Anteil von 94 % der Kredite wird von Staat und Wirtschaft aufgenommen. Und aus den Steuergeldern und den über die Preise erzielten Einnahmen der Unternehmen fließen die Zinsen zu den Geldgebern, von denen die Kredite, vermittelt durch die Banken, erhalten wurden. In allen Preisen also, die wir für verschiedenste Produkte oder Dienstleistungen zahlen, ist ein Zinsanteil enthalten. Dieser beträgt heute im Durchschnitt 35 bis 40 Cent je ausgegebenem Euro. Hinzu kommt ein Zinsanteil von etwa 20 Prozent in den Steuerausgaben.

Auf diese Weise kommt es also durch das Zinseszinswachstum unseres Geldes zu einem ständigen Geldfluss von der überwiegend von Arbeit lebenden Bevölkerungsmehrheit zu der überwiegend von Besitz lebenden Minderheit, wobei Tempo und Umfang ständig zunehmen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass trotz des Wirtschaftswachstums die Kassen immer leerer werden. Das Wachstum der Vermögen ist so groß wie das der Schulden und es ist höher als das Wirtschaftswachstum, denn Produktion und menschliche Arbeitskraft können schwerlich exponentiell wachsen und sich immer wieder verdoppeln. In der Zusammenstellung von statistischen Zahlenmaterial der Deutschen Bundesbank (siehe Abbildung) wird diese Entwicklung der im Lauf der Zeit immer weiter aufgehenden Schere zwischen dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und dem Wachstum der Vermögen und Schulden eindrücklich belegt.

Wie viel leichter mit Geld als mit der Produktion von Gütern Gewinne gemacht werden können, wird darin ersichtlich, dass schon 1981 Daimler-Benz an Zinseinnahmen aus Vermögen mehr verdient hat als an der Lkw- und Pkw-Produktion, wie Prof. Dr. Horst Ehmke 1982 vor dem Deutschen Bundestag darlegte.

Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, unter welchem Druck die Unternehmen stehen: sie müssen zuerst einmal die Zinsen für ihre Investitionskredite erwirtschaften und u. U. zunehmend auch noch steigenden Renditeansprüchen genügen. Die nahe liegende Lösung ist die Steigerung der
Produktion bzw. der Umsätze. Das bedeutet immer wieder Wirtschaftswachstum und Konsumsteigerung, Ersatz von bezahlten Arbeitskräften durch Maschinen und Computer,
Qualitätsverschlechterung, Auslagerung von Arbeiten in Billiglohnländer, Globalisierung zur Erleichterung der Geld- und Materialflüsse über bestehende Grenzen hinweg und all dies unter großem Konkurrenzdruck.

Zwang zum Wachstum und trotzdem leere Kassen

Dieses Geldsystem mit Zins und Zinseszins und ständig wachsenden Geldvermögen und Schulden führt demnach dazu, dass die Wirtschaft fortwährend wachsen muss mit den negativen Folgen von hohem Energie- und Ressourcenverbrauch, Umweltzerstörung sowie Arbeitslosigkeit und Armut für immer größere Bevölkerungsteile. Für soziale Belange, für Familien, für Erziehungs-und Pflegearbeit, für Bildung, Kultur oder gesellschaftliche Innovationen ist nach wie vor immer zu wenig Geld vorhanden. Bitter ist, dass trotz der jahrzehntelangen Anstrengungen zur Ankurbelung von Wirtschaft und Verbrauch – zum Preis der genannten Folgen für Mensch und Umwelt – das Auseinanderdriften des Wachstums der Wirtschaft und dem der Vermögen bzw. Schulden eben so wenig wie die Arbeitslosigkeit vermindert werden konnte. Im Gegenteil: Die Entwicklung findet in der derzeitigen Finanzkrise ihre Fortsetzung und es wird nun deutlich sichtbar, dass letztlich fast die gesamte Bevölkerung zu den Verlierern gehört.

Warum halten wir an diesem System fest statt Veränderungen zu suchen, durch die sich die Lage entspannen könnte? Können wir uns überhaupt vorstellen, wie es anders ginge? Und wie klar ist uns die Tragweite des Geschehens und die Art der Auswirkungen auf viele andere gesellschaftliche Bereiche? Warum findet so wenig öffentliche Diskussion über die genannten Wirkungen unseres Geldsystems und über weiterreichende Lösungen statt? Und warum überlassen wir dieses Terrain nahezu vollständig Politikern und Experten, statt uns als mündige Bürger selbst mit den uns betreffenden Zusammenhängen zu beschäftigen und uns einzumischen?

Zu komplex für unser Gehirn?

Schauen wir uns an, wie wir zu unseren Einsichten und Entscheidungen gelangen: Das menschliche Gehirn hat eine Unmenge von Eindrücken zu bewältigen und kann dies letztlich nur dadurch leisten, dass unser Bild von der Welt und von den Zusammenhängen vereinfacht wird. Dabei interessiert weniger, dass alle Details erfasst werden. Wichtig hingegen ist, dass die Regeln erkannt werden, die hinter den Erfahrungen und Ereignissen stehen, wie der Hirnforscher Manfred Spitzer berichtet. Denn überlebenswichtig war lange Zeit im Laufe der Menschheitsgeschichte, dass im Fall einer möglichen Gefahr diese schon durch kleinste Anzeichen erkannt wird und umgehend darauf reagiert werden kann, ohne erst alle Einzelheiten betrachten zu müssen. Fehlinterpretationen werden dabei hingenommen. Unser Gehirn lässt also aus wenigen wahrgenommenen Details ein Gesamtbild entstehen, das unseren vorangegangen Erfahrungen entspricht. Jahrelange Erfahrungen zusammen mit singulären emotionalen Ereignissen werden somit als allgemeingültig interpretiert und bilden die Grundlage für unsere Entscheidungen, die entsprechend meist zugunsten von Vertrautem erfolgen, ohne dass uns dies im Einzelnen bewusst ist.

Nun hat sich unsere Welt verändert. Sie ist wesentlich komplexer geworden und der Mensch greift stärker in die Zusammenhänge ein mit Folgen, die nicht von vornherein zu überblicken sind. Besonders interessant sind in dem Zusammenhang Studien von Hirnforschern und Psychologen, die sich mit der Untersuchung von Entscheidungskompetenzen befassen, wie Harald Willenbrock in GEO 08/ 2008 berichtet. So sind beispielsweise mit der Computersimulation des „Moroland-Szenario“ Probanden dazu aufgefordert, Handlungsstrategien zur Rettung des „Morolandes“ einzusetzen. Deren Langzeitfolgen werden mit Hilfe des Rechners durchgespielt – mit häufig erschütternden Ergebnissen, da offensichtlich die Wirkung von Rückkopplungsprozessen immens unterschätzt wird. Auch das Szenario vom „Problem des Handlungsreisenden“ zeigt, wie enorm die Zahl der Möglichkeiten mit der Anzahl der beteiligten Komponenten ansteigt und dies macht deutlich, wie unzureichend wir uns die Komplexität von Zusammenhängen vorstellen. Während wir darauf eingerichtet sind, auf akute Bedrohungen wirksam zu reagieren, scheint unser Gehirn mit der Wirkung komplexer bzw. allmählicher und langfristig wirkender Prozesse, wie z. B. auch dem Klimawandel, überfordert zu sein und blendet diese als „unwichtig“ aus.

Dies kann eine Erklärung dafür sein, dass unser Geldsystem von vielen Menschen nicht infrage gestellt wird, sondern Lösungen nur innerhalb der bestehenden Strukturen gesucht werden. Es wird immer wieder in alten Bahnen gedacht und gehandelt und eine offene Betrachtung unserer Lage und eine wirkliche Erneuerung finden nicht statt.

Durch Krisen und schwere Erschütterungen wird eine Veränderung von Denkstrukturen möglich. Tatsächlich scheint sich seit 2008 die Wahrnehmung zu verändern und Fragen zu unserem Geld werden häufiger und grundlegender thematisiert. So geschah es auch auf dem Kongress „Lust auf neues Geld?“ in Leipzig. Fachvorträge in verständlicher Form und mit Kabarett und Kultur gemischt brachten Zusammenhänge von Geld, Schuldenkrise und Demokratie und vor allem Lösungsansätze einem Publikum von knapp 2000 Menschen nahe. In Kürze wird ein Zusammenschnitt des Kongresses als DVD zu erhalten sein und auch im Rahmen der Gruppe Geld und Ökonomie innerhalb der „Transition Town Initiative – Essen im Wandel“ in Essen diskutiert werden.

Susanne Wiegel

Autor:

Susanne Wiegel aus Essen-Kettwig

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