Science Fiction bietet mehr als nur Unterhaltung

Dem Militär- und Adelsexperten August Niemann blieb es vorbehalten, mit dem „Der Weltkrieg. Deutsche Träume“ 1904 die erste nationale Zukunftskriegsutopie geschrieben zu haben. Darin wird das British Empire durch ein deutsches Weltreich ersetzt. Er beflügelt damit die Vormachts-Phantasie der Nationalisten. Foto: Fortschritt und Fiasko/Golkanda Verlag
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  • Dem Militär- und Adelsexperten August Niemann blieb es vorbehalten, mit dem „Der Weltkrieg. Deutsche Träume“ 1904 die erste nationale Zukunftskriegsutopie geschrieben zu haben. Darin wird das British Empire durch ein deutsches Weltreich ersetzt. Er beflügelt damit die Vormachts-Phantasie der Nationalisten. Foto: Fortschritt und Fiasko/Golkanda Verlag
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Unter dem Titel „Fortschritt und Fiasko“ beleuchtet Hans Frey „die ersten 100 Jahre der deutschen Science Fiction - Vom Vormärz bis zum Ende des Kaiserreichs“ also den Jahren 1810 bis 1918. Dabei erstaunt er den Leser damit, wie politisch das Genre agierte oder besser für Vorlagen sorgte.

Eigentlich möchte Frey, der vielen noch als SPD-Landtagsabgeordneter im Gedächtnis ist, hiermit aber sein bereits viertes Buch vorstellt, einen Anstoß geben, um über die Geschichte und die Gegenwart nachzudenken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn er befürchtet: „Wir laufen Gefahr, dass „sich Geschichte wiederholt“.
Das Buch liefert eine einführende Erklärung dazu, was Science Fiction (SF) ist und sorgt für die richtige Einordnung des Genres. „Dabei geht es um einen wissenschaftlich-technischen Wandel und dessen Bezug auf die Menschen“, erläutert Frey.

200 Jahre Gattung Science Fiction

Bei seinen Recherchen hat er festgestellt, dass SF auf eine 200-jährige Geschichte als eigenständige Literaturgattung zurückblicken kann. Die „erdichtete Wissenschaft“, was die deutsche Übersetzung für SF wäre, ist ab etwa 1800 auch in Deutschland als eigenständiges Genre, der sogenannten Proto-SF bekannt. Damals natürlich noch als Zukunftsroman, utopischer Roman oder Fantasieroman bezeichnet.
„Die SF hat eine Sonderstellung in der Literatur, denn sie ist die einzige Sparte, die die reale Entwicklung von Wissenschaft und Technik belletristisch aufgegriffen und in fiktionaler Form dargestellt hat“, schildert der Autor.

Eine Preuße begründete die SF

Mit Erstaunen musste er seine eigenen bisherigen Einschätzungen revidieren, die besagten, dass Mary Wollstonecraft Shelley mit „Frankenstein“ im Jahre 1818 den Anfang der SF besiegelte. Denn nun entdeckte er den Preußen Julius von Voß, der bereits 1810 sein „Ini. Ein Roman aus dem 20. Jahrhundert“ veröffentlichte. „Der preußische Haudegen und die junge Britin haben ein Kind gezeugt und heraus kam die SF“, meint Hans Frey hintersinnig.
Nach Julius von Voß ging es weiter mit E.T.A. Hoffmann und seinen Mutanten und Robotern, aber auch Johann Wolfgang Goethe, der im zweiten Teil des Faust den künstlichen Menschen Homunkulus erschuf. Auch der Märchendichter Hans Christian Andersen wurde von Frey als SF-Autor enttarnt.
Während in Deutschland die März-Revolution von 1848 die Politik aufrüttelte, letztlich aber keine Veränderung brachte, lag die SF im Dornröschenschlaf. Dieser endete etwa mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871. Bis zum ersten Weltkrieg erlebte die SF nun einen wahren Boom, wie Frey erläutert.

Politische und unterhaltend-belehrende SF

„In dieser Zeit konnte man die SF in zwei Stränge unterscheiden. Zum einen gab es Texte um den politischen Kampf und zum anderen unterhaltend-belehrende SF. Es war die Zeit als man von der technichen Entwicklung profitieren wollte, aber bitte ohne Auswirkung auf die gesellschaftliche Entwicklung. Hier traf eine reformunfähige und autoritäre Politik auf den technischen Fortschritt“, stellte Hans Frey bei seinen Recherchen fest.
Hier nennet Frey als Autoren dieser Zeit Kurd Laßwitz und Bertha von Suttner, die im Jahre 1905 die erste Friedensnobelpreisträgerin wurde. Oder auch den protestantischen Pfarrer Friedrich Wilhelm Moder mit seiner Oper „Wunderwelten“. Sie kamen ohne Deutschtümelei aus, was aber nicht die Regel war. Denn parallel entwickelte sich die rechtskonservative Dystopie, die die SPD als Kannibalen und noch Schlimmeres darstellte. Der Nationalismus oder gar Faschismus wurde hingegen als utopisches Heilsversprechen gefeiert.

Nazis machten sich die SF zu nutze

„Die Nazis haben später sogar viele der Beschreibungen der Dystopie-Strömung für sich genutzt, wie Ariertum, Rassismus, Führerkult und mehr. Der Nationalsozialismus ist nicht in der Weimarer Republik vom Himmel gefallen, sondern wurde im Kaiserreich belletristisch vorgeformt“, erklärt Frey.
Zudem gab es zu der Zeit eine Zukunftskriegsliteratur, die die Kriegsbegeisterung schürte. Colonel George Tomkyns Chesney beschrieb in „The Battle of Dorking“ wie England von den Deutschen im Krieg überrannt und erobert wird. Andere folgten und beschrieben, wie Deutschland die Weltherrschaft in einem nur vier Monate dauernden Krieg an sich reißen würde.
Der Rest ist Geschichte...

Das Rad der Geschichte droht zurück gedreht zu werden

Mit dem Buch möchte Hans Frey die bislang sträflich vernachlässigte deutsche SF gebührend herausstellen. Aber auch darstellen, welche historische Entwicklung die SF beeinflusst hat. „Heute ist dieses Grundmuster des Nationalismus und Rassismus wieder spürbar. Es gibt Strömungen, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen. Diesem Prozess müssen wir uns stellen und gestalterisch dagegen wirken“, wünscht sich der Autor als Folge der Lektüre von „Fortschritt und Fiasko“.
Denn er befürchtet die Einflussnahme der Massenkultur auf die Menschen. Sei es die Filmwelt, die heute kaum ohne Gewaltszenen auskommt, die Gewaltdarstellungen in HipHop- oder Rap-Texten, Verschwörungstheorien oder auch das Gewaltpotential im Umfeld der Fußballspiele. „Massenunterhaltung produziert Meinungen, Gefühle und Weltbilder“, glaubt Frey und führt als Beispiel den Brexit an, der an die „Splendid Isolation“ erinnert, bei der die Briten ebenfalls ihre Beteiligung an dauerhaften Allianzen ablehnten.
Und darum gibt Hans Frey zu bedenken: „Ich bin sicher, dass sich die weltoffenen Konzepte durchsetzen werden. Aber die große historische Frage lautet: Zu welchem Preis?“ 

Autor:

silke sobotta aus Gelsenkirchen

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