Buchtipp für Herne

Buchautor Bertram Bednarzyk

"Cillys Schritte"
Meine spätere Oma "Josefa" wurde 1917 in der preußischen Provinz Posen von einem Soldaten aus Herne geschwängert und "Cilly", meine spätere Mutter, wurde geboren. Fünf Jahre später machte sich Josefa auf nach Herne, um Cillys Vater zu suchen: Dabei ließ sie Cilly bei ihrer Oma zurück. Der gesuchte Soldat wurde gefunden, hatte aber in Herne bereits eine Familie mit Kindern. 10 Jahre später verstarb Cillys Oma und da sie keiner in dem jetzt zu Polen gehörenden Wartheland haben wollte, hängte man ihr ein Schild um den Hals und "verjagte" sie nach Herne, zu ihrer Mutter.

Rezension

„Cillys Schritte“ – eine Reise ohne Ankommen – von Bertram Bednarzyk

Immer ist irgendwo Krieg - einhundert Jahre her der Beginn des ersten großen Weltmordens der jüngeren Zeit. Immer sind die Gründe gleich: Land, Macht, Geld. Zuvor wird Hass gesät, sonst kommt keiner. Immer werden Wenige reich und Millionen sterben. Und immer fängt alles neu an, aber nie lernen die Menschen.
Frauen, viel schuldloser als Männer, bleibt der Dreck, den die Kanonen vor die Haustür geprotzt haben. Wenn das Haus noch steht. Frauen wachsen ohne Männer über sich hinaus – oder vergehen in der Wirrnis zwischen Ursachen und Wirkungen, bewältigen Last und Pein nur über die eigene Versehrtheit.
Bertram Bednarzyk zeichnet mit dem Bild seiner Familie das letzte Jahrhundert nach. Viele vor ihm haben sich so zu befreien versucht von kollektiver Schuld. Aber jedes einzelne Schicksal ruft und mahnt auf seine Weise, auch dieses.
Es beginnt 1917 in Posen; einen polnischen Staat gibt es nicht mehr, die Polen sind dreigeteilt unter preußischer, russischer und österreichischer Herrschaft, und es kommt vor, dass sie im Krieg gegeneinander kämpfen müssen. Deutsche Soldaten liegen im Dorf Bargen. In einer Fischerhütte treffen sich Hubert Zinner aus Herne und Josefa, ein Polenmädel, und vergessen einen Moment das Elend. Bald wird Cilly geboren, der Vater ist auf und davon, denn der Krieg tobt mal hier und mal dort. Als er sein Ende findet, sucht Josefa nach Zinner, das Töchterchen bleibt zurück bei der Großmutter. – Die Jahre bei Oma Maria werden Cillys schönste Lebenszeit. Als die Großmutter stirbt, beginnt für Cilly ein Martyrium, das von wenigen glückseligen Augenblicken abgesehen, erst endet, als sie für immer die Augen schließt.
Wir verfolgen Cillys Schritte in Deutschlands dunkelster Zeit; auch als es wieder heller wird, dauert es noch lange, bis der Alp weicht, der die Brust schnürt. Bei Cilly weicht er nie. Ihr Lebensertrag sind vier Kinder von vier Männern und die Scham vor sich selbst, vor den Nachbarn und vor ihrem Gott – und endlich auch vor den eigenen Söhnen und Töchtern. Ihre Enttäuschung weint sie lautlos in sich hinein, krankt an den Umständen, zwischen die sie ins Leben geworfen und von denen sie wieder ausgespien wurde; Heilung ausgeschlossen. Das Buch fragt indirekt auch, ob wir uns abfinden wollen mit den Kriegen, die jetzt nicht mehr in Deutschland und Polen, sondern in Nahost und Afrika stattfinden.
Für des Autors Mutter Cilly ist es zu spät, sie verging an den Spätfolgen der Kriege, so wie viele tausend namenlose, nichtgenannte Frauen. Das macht diese romanhafte Biografie allgemeingültig und stellt sie weit über persönliche Erinnerungslyrik.
Das Buch spannt einen Bogen von der Provinz Posen des Kaiserreichs über den Ruhrpott, Herne, Meggen, Gladbeck bis in das mecklenburgische Kuppentin. Cilly reist an viele Orte, als Gepäck stets dabei ihre Irrungen und Wirrungen, von der Geschichte ihr aufgebürdet; heimisch wird sie nirgendwo. Dabei wollte sie bloß Mutter sein, gottgefällig und – ja, ankommen wollte sie. Leider sind viele, die das zweite und das dritte Reich überlebt haben, nie angekommen. Gut, dass Bertram Bednarzyk dieses scheinbar weniger wichtige Thema aufgegriffen hat; wenn auch auf der Suche seiner selbst – aber eben auch für uns Leser.

Hannes Bengt

Cillys Schritte, Softcover; 180 Seiten mit Bildteil; erschienen im WiedenVerlag Crivitz;
ISBN 978-3-942946-34-6; Preis: 14,95 Euro

In den Jahren von 1922 bis 1943 lebten die handelnden Personen in Herne

Autor:

Bertram Bednarzyk aus Herne

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