Bringt Merz der Union überhaupt eine Perspektive?
...von Einem der auszog, um wiederzukommen, sich selbst zu überschätzen

Kommentar von Stephan Leifeld

Angela Merkel hat in der CDU das Feld scheinbar geräumt für Annegret Kramp-Karrenbauer. So sah es jedenfalls ein paar Monate aus. Beinahe ähnlich dem Vorbild der Karriere von Martin Schulz, der auch nur einen Sommer Parteivorsitzender der anderen ehemaligen Volkspartei gewesen ist, die dann bundesweit gegen 12% geschrumpft ist, führte AKK quasi auch einen Sommernachtstraum die CDU in eine ähnliche Krise... und nun sucht die Union scheinbar nach einer neuen Leitfigur.

Braucht die CDU eine Merz-Spezial-Verjüngungskur?

Medien zufolge, scheint es, als würden Parteichefs wie Schröder in der SPD - und Merkel später in der CDU - ein riesiges Machtvakuum hinterlassen.

Niemand passe in derartige Fussspuren.

Der Verschleiß an Parteisoldaten ist riesig, so scheint es. Doch bei genauer Betrachtung könnte das so nicht stimmen. Es könnte andere Ursachen haben, die ich in diesem Kommentar aber nicht vertiefen will.

Deutschland redet jedenfalls seit längerer Zeit von Politikverdruss. Doch könnte dieser Verdruss am Ende eher ein Politiker-Verdruss sein. Den Verdruss der Deutschen, eine gewachsene Kaste von Berufspolitikern immer wieder wählen zu sollen, die jegliche Bodenhaftung gegenüber der eigenen Bevölkerung - dem sogenannten Souverän - verloren haben. Vielleicht haben politische Anführer, wie Kohl, Merkel, Schröder und Co. über Jahre heranwachsende Hoffnungsträger in den eigenen Reihen wie Konkurrenten regelrecht verhindert, oder wie der Volksmund sagt "vor den Trögen weggebissen". Der dahinter wachsende monolithische Block der Rest-Partei hat sich dann, wie ein "Rudel" verhalten, sich unterwürfig geduckt und die eigene politische Strahlkraft unterdrücken gelernt, um sich nach oben eher zu bücken. Das hat Friedrich Merz nicht getan, erinnere ich mich an frühere Jahre des ehemaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden. Jedenfalls nicht die ganze Zeit bis 2002 seine politische Karriere zunächst am Ende war.

In diesen Tagen berichten mehrere Medien, dass etwa 40% von wem auch immer befragte, welche Leute auch immer, Friedrich Merz, für den geeigneten Nachfolger von Angela Merkel halten. Als Vorsitzender der CDU, aber auch als Bundeskanzler: Einer, der hinwerfen kann, flüchtet in andere Betätigungsfelder, in eine Art "Schmollecke mit Wertpapierbesitz", aber soll es richten.

Friedrich Merz ist nur zwei Jahre jünger als Angela Merkel

Ich frage mich dann allerdings, warum hat Friedrich Merz überhaupt einen längeren Zeitraum eher den unbequemeren CDU-Parteifreund gemimt, wie Waldorf und Stadler bei den Muppets. Denn eine Verjüngungskur oder Perspektive bietet Merz gegenüber seiner Partei nicht wirklich. Eher die nächste Interimslösung. Da wäre eher die Generation Jens Spahn altersmäßig ein echter Schritt, wobei mit diesem Genannten die Union vielleicht noch ein Problem haben könnte, aufgrund seiner sexuellen Orientierung.

War es denn politische Überzeugung, warum Merz so einen Hype genießt?

Dann müsste irgendeine richtig tolle politische Botschaft von dem Sauerländer in meinem Kopf haften geblieben sein, denke ich. Schließlich beschäftigt mich Politik schon Jahre lang. Aber: Ich fand ihn nicht zwingend überzeugend. Ich habe ihn auch nicht als charismatisch in Erinnerung. Da fallen mir eher andere Namen aus seiner ersten Schaffensperiode ein, Gutenberg und Wulf, um nur zwei Namen zu nennen.

Als Querulant in der Nach-Helmut-Kohl-Phase der CDU, als es ein Geschachere um die Nachfolge gab, kenne ich ihn noch: Merz galt als ein kluger Kopf in Sachen Recht und Finanzen. Aber auch als kühl, arrogant, ehrgeizig, angriffslustig. 2002 scheiterte er an einer gut aufgestellten Angela Merkel, völlig zu Recht. Aus meiner Sicht scheidet auch politische Überzeugung damit als Argument für Friedrich Merz aus. Und eine Steuererklärung auf einem Bierdeckel bekommen sicher auch andere talentierte Finanzberater hin, könnte ich mir vorstellen.

War es also eine Art Sendungsbewusstsein?

Friedrich Merz ist aus meiner Beobachtung über die Jahre kein wirklich visionärer Politiker. Merz ist (m)erzkonservativ. Geißler bewegte mehr Gemüter, Blüm bekam deutlich mehr Sympathie, Merkel immer mehr Verantwortung. Wieviel seine Werte tatsächlich christlich sind, sozial sein könnten, ist mir schleierhaft, wenn ich auch an Aussagen von ihm denke. Merz ist auch nicht ständig gut überlegt unterwegs. Noch vor wenigen Tagen entgleiste er verbal, als er im Zusammenhang mit der AfD zunächst vom "Gesindel" sprach - später aber einen Rückzieher seiner Aussage machte, womöglich um einen etwaigen Koalitionspartner nicht zu verärgern. Andere rhetorische Entgleisungen hatte er aber auch schon in Bezug auf Leistungsbezug und Einkommensschwache. Der Sozialstaat scheint dem selbsternannten "Mittelständler" mit mehreren Millionen Euro Privatvermögen neben seiner dann quasi "gering verdienenden" Ehefrau, als Richterin; überhaupt nicht zu gefallen. Merz hat in diesem Zusammenhang so glorreiche Ideen, wie Altersvorsorge mit Aktien zu betreiben.

Das ist, als wenn man Kuchen essen soll, weil man kein Geld für Brot hat.

Sendungsbewusstsein scheidet also auch aus, wenn man die Idee ignoriert, dass er ein Gesandter von Cum-Ex und BlackRock sein könnte. Das wäre allerdings ein Sendungsbewusstsein, welches ihn eher zum Kanzler der Reichen machen würde, als zum Kanzler aller Deutschen.

Ist Merz wieder da, aus gekränkter Eitelkeit?

Jedenfalls schreibt die TAZ:

Merz' Eitelkeit kennt keine Grenzen. Aus jeder Pore strömt seine Gewissheit, dass er ein Geschenk für Deutschland wäre.

Merz gab seinen Aufsichtsratsposten bei der Investmentfirma BlackRock auf, während das Chaos in Thüringen eskalierte. Mir war das wie ein Signal, dass Merz in Wahrheit die Strippen in Teilen der CDU in der Hand gehalten hat, die ganze Zeit - um eben so, sich der politischen Gegnerin Kramp-Karrenbauer zu entledigen. Inhaltlich ist ihm die AfD möglicherweise nicht so weit weg, wie es offiziell manchmal scheint. Das Timing könnte also weniger zufällig sein, als es scheint.

Auffällig sind meines Erachtens die Aussagen der sogenannten WerteUnion, die oft mit Merz in Verbindung gebracht wird. Ähnlich der Assoziation eines Seeheimer Kreises der SPD, der im gleichen Atemzug genannt wird, mit Johannes Kahrs. (kleine Anmerkung am Rande: nicht auszudenken, würden die beiden mal wirklich eine GroKo gestalten dürfen..., Hartz-IV abschaffen zu Gunsten Anschaffung neuer Korvetten-Schiffe für die Bundesmarine usw.) Die WerteUnion wirkt dabei beinahe wie eine Partei innerhalb der Partei. Und es erscheint zweifelhaft, dass das auf Dauer gut gehen kann. Weder in der einen noch in der anderen angesprochenen Partei!

Was findet die CDU also an einem Friedrich Merz?

Die Frage bleibt, was die Union dann überhaupt an einem Friedrich Merz so toll findet. Wenn er weder besonders charismatisch ist, nicht unbedingt sympathisch wirkt, nicht gut aussehend ist natürlich auch Geschmacksache, keine Strahlkraft besonderer politischer Überzeugung mitbringt, fehlendes Sendungsbewusstsein zeigt, dürfte es aus meiner Sicht eher die Rache alter Männer sein - mit den Frauen in der Union endlich abrechnen zu können: Schäuble, Merz und Bouffier.
Vielleicht fallen den Leserinnen und Lesern meines Kommentars noch weitere Namen ein...

Das Scheitern von AKK war womöglich ein permanentes Stuhlbeinsägen alter Männer gegen "die Mutti" der CDU und ihre jüngere Statthalterin. Man/n war seinerzeit an einer Frau gescheitert, die man nicht direkt besiegen konnte. Die politische Laufbahn von Friedrich Merz hatte einen deutlichen Karriereknick, was überhaupt nicht in seine Weltanschauung passt. Also Retourkutsche gegen die Nachfolgerin? Da fällt mir Tolkien ein...

Im letzten Teil des Filmepos "Herr der Ringe" wird der sogenannte Nazgul (Fürst der Finsternis) von einer Prinzessin und einem Halbling erschlagen, weil er gegen einen Mann als unbesiegbar gilt. 

Die CDU findet also so gesehen in Friedrich Merz einen Revanchisten, der mit den Frauen in der Union abrechnet. So scheint es mir jedenfalls. Ich finde nämlich aktuell nicht eine einzige Frau, die sich traut, gegen das Dreigestirn der Männlichkeit in der CDU anzutreten. Merz, Laschet und Spahn. Möglicherweise reicht es am Ende auch dem nur zwei Jahre weniger alten Mann, Angela Merkel noch am Ende ihre politischen Laufbahn gepiesackt zu haben. Dann hat die CDU aber ein größeres Problem. Und es fängt soeben erst an. Weder ist die eigene Geschichte aufgearbeitet, wie ich in meinem letzten Kommentar erläutern durfte, noch ist die nächste Führungsperson in Sicht. Die CDU kommt dann in echte Schwierigkeiten.

Dann aber tritt Merz garnicht an, zur Wahl als Parteivorsitzender oder als Kanzlerkandidat. Denn, wenn er zu eitel ist, zu verlieren - oder es gar auch nur in Erwägung zu ziehen ist, verlieren zu können gegen Armin Laschet - zieht es den finanzbegabten Juristen wieder in den weitaus besser bezahlten Schmollwinkel zurück - in einen Aufsichtsrat eines börsennotierten Unternehmens beispielsweise. Obwohl, die Jobs bei Gazprom und bei der Deutschen Bank sind schon vergeben...

Alles hat ein Ende

, dieser Kommentar zum Beispiel -

nur die Wurst hat zwei

- und Friedrich Merz teilt womöglich dieses Schicksal:
Einmal gescheitert als Fraktionsvorsitzender der CDU vor über 17 Jahren -
und aktuell als ewiges Talent der CDU-Führung scheitert er aus meiner Sicht erneut.

Man darf gespannt sein...

copyrightfrei Foto privat

Autor:

Stephan Leifeld aus Schermbeck

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