Leer stehende "Lichtspiele" lockten Schauspielprofis nach Unna
In 80-er Jahren blühten neue Ideen für Unnas Kulturleben

Diese in Gedanken schwebende Dame malte damals die Mutter von Thomas Ulbricht als Geschenk für das Theater.
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  • Diese in Gedanken schwebende Dame malte damals die Mutter von Thomas Ulbricht als Geschenk für das Theater.
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Das Kulturangebot in Unna war bis Anfang der 80er Jahre geprägt von der Sommersaison. Stadtfest, Kirmesrummel und Autoschau setzten markante Veranstaltungspunkte. Kam die Herbstzeit begann in den Augen von Armin Schumacher die „Kulturflaute“. Für Theaterbesuche nahmen viele Unnaer weite Wege in die Nachbarstädte in Kauf. Die trüben Tage mit lockeren Gesprächsrunden und Programmabende mit wechselnden Leitthemen zu überbrücken war das Ziel von „Wintertime“. Im Gewölbekeller des Hellweg-Museums entstand zunächst ein Kultur-Café. Doch die Räumlichkeiten waren begrenzt und dauerhaft ungeeignet.

Da mischte der Zufall die Karten für das Kulturleben der Hellwegstadt plötzlich neu: An einem Pfingstsonntag standen Thomas und Traudel Ulbricht mit Kind auf dem Arm vor der Tür der Familie Schumacher. Im ersten Moment waren die Schumachers äusserst überrascht, nahmen die Frage nach dem „leer stehenden Theater“ nicht so ganz ernst. Als das Paar aus der Dortmunder Theaterszene aber wieder anklingelte setzte man sich zusammen. Und die Ulbrichts trugen ein interessantes Anliegen vor.
Beide hatten damals ein Engagement am Kinder- und Jugendtheater am Ostwall in Dortmund. Doch eine Kündigungswelle rollte bereits, von fünf Sparten sollten zwei geschlossen werden. Den Rausschmiss von Darstellern hätte das Dortmunder Theater zwar gerne wieder rückgängig gemacht, denn das Jugendtheater-Schauspiel „MOMO“ lief unerwartet bestens. Die Schließungen waren plötzlich vom Tisch, da waren die Arbeitsverträge aber schon gekündigt und die Ulbrichts auf der Suche nach Alternativen. Armin Schumacher: „Das war schlechte Bezahlung damals für viel Arbeit.“ Die meisten Angestellten und Schauspieler benötigten Zweitjobs. In dieser Situation kamen die Ulbrichts auf die Idee, ein eigenes Theater auf die Beine zu stellen. „Sie erfüllten sich einen Traum mit dem Theater.“ Mit den Plänen musste sich Armin Schumacher zunächst anfreunden. Denn er sollte direkt drei Rollen darin spielen: Theaterbesitzer, Schauspieler und Vorsitzender eines Vereins.
Professionalität
Die Ulbrichts hatten sich eine kluge Konstruktion zum Betrieb des Theaters überlegt. Die Basis sollte ein Verein bilden. Das Werkstatt-Theater-Unna (WTU) funktionierte, bis heute, als  das Dach des „Narrenschiff“. Es hielt schon damals das Ensemble und das Haus. Für den Vorsitz suchte man renommierte Unnaer Bürger, um den Kontakt zu Politik und Verwaltung zu halten. Armin Schumacher übernahm auch den Vereinsvorsitz. „Bekloppte Zeiten“
Die Leitung einer Theaterbühne liegt immer in Händen eines Künstlerischen Leiters, der ein Profi sein muss. Da bot sich Thomas Ulbricht mit seinen vielfältigen Erfahrungen an. Er hatte ein anspruchsvolles kleineres und freies Theater vor Augen, auf keinen Fall einen „Kommödienstadel“ oder ein herkömmliches Stadttheater. Ob man das Haus damit längerfristig füllen könne, da gab es Anfang der 80er-Jahre Grund zu Optimismus. „Kultur hatte Konjunktur“, erinnert sich Schumacher. „Da ging hier richtig die Post ab.“ Die Unnaer Politik stand mit offenen Armen dem Projekt Theater in Massen gegenüber. Unterstützung fanden die Initiatoren damals bei Michael Hoffmann (SPD, verst. 2014), der als Vorsitzender des Kulturausschuss dem Vorhaben positiv gegenüberstand. Ebenso Unnas Bürgermeister Wilhelm Dördelmann (SPD).
Theaterakademie
Vom Start weg erhob das „Narrenschiff“ an sich den Anspruch, mehr zu sein als eine Volksbühne mit Hobbyakteuren. Bei den Darstellern setzten Ulbricht und Schumacher auf Motivation und längerfristige Teilnahme. Manchem gelang der Sprung in den Berufswunsch „Schauspiel“. Wie einigen Studenten, die später ein Folkwang-Stipendium erhielten. Armin Schumacher erkannte bald, nur mit Proben auf der heimischen Bühne ist es nicht getan. Professionelle Kurse in Sprechübungen und Darstellung besuchte das Ensemble an der Theaterakademie in Remscheid. Der Anspruch war: „Wir sind keine Dorfbühne, wer drin ist ist drin.“ Mit Thomas Ulbricht hatte das Ensemble einen professionellen Leiter, der bis kurz vor der Premiere mit der Truppe emsig probte. Es sollte direkt ein Erfolg werden, nicht zuletzt auch wirtschaftlich. Denn das Risiko lag voll und ganz bei der Familie Ulbricht. Eines fehlte der Gruppe noch, ein griffiger, einprägsamer Name. Thomas Ulbricht hatte als erster die Idee vom Titel "Narrenschiff", zumal das WTU mit der schon vorhandenen Produktion "Mr. Pilks Irrenhaus" in das neue Theater kam. Armin Schumacher und seiner Frau war der Name ebenfalls bekannt und stimmten begeistert zu. Dr Pädagoge fühlte sich an ein uraltes Buch erinnert. Unter dem Titel „Narrenschiff“ veröffentlichte der Jurist Sebastian Brant (1457–1521) um 1495 eine Moralsatire, in der mehr als 100 Narren auf einem Schiff sich gegenseitig ihre Laster und Besonderheiten vorhalten und das Sittenbild des Mittelalters spiegeln. „Narrenschiff“ wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Der Name sollte im Laufe der Jahre zum Symbol für kulturelle Qualität der Unnaer Kleinkunstlandschaft werden und ist bis heute inspirierend und wohl äusserst einprägsam.

Autor:

Stefan Reimet aus Holzwickede

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