Ruhrtriennale: Vollendet unvollendet: „Universe, incomplete“

„Universe, incomplete“ v.l. Magne Harvard Brekke, Bérengére Bodin, Jürg Kienberger, Bendix Detleffsen, Helmut Schmitt. Foto: Walter Mair/Ruhrtriennale2018-08-19
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  • „Universe, incomplete“ v.l. Magne Harvard Brekke, Bérengére Bodin, Jürg Kienberger, Bendix Detleffsen, Helmut Schmitt. Foto: Walter Mair/Ruhrtriennale2018-08-19
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Christoph Marthalers Musiktheater eröffnet für Bochum die Ruhrtriennale:

Mit der Uraufführung eines Musiktheater-Stückes auf Welt-Niveau übertrumpfte am letzten Freitag die Ruhrtriennale bei ihrem Bochumer Start noch ihre eigene Anti-Rassismus-Eröffnung in Duisburg zuvor – und ließ für zweieinhalb Stunden den Polit-Streit vergessen. Bevor tags drauf Norbert Lammert als Diskussionsleiter dazu die Wogen zu glätten versuchte.

„Universe, incomplete“ benannte der Züricher Star-Regisseur Christoph Marthaler seine, die gesamte Jahrhunderthalle nutzende szenische Collage nach Symphonie und weiteren Werken des einzigartigen US-Komponisten Charles Ives.

Ein eigens gebildetes Ives-Instrumental-Ensemble bespielte zusammen mit Pianisten, Schlagzeug-Studenten und bis zu zweieinhalb Dutzend Spieler-Sänger-Tänzern zwei Drittel der Hallen-Riesenfläche:

Bis sich das zunächst unsichtbar mächtig mitspielende Orchester-Echo, aus dem von der Tribüne nicht einsehbaren Längshallen-Teil klingend, als die Bochumer Symphoniker! live entpuppte - dirigiert vom (auch szenisch in Kostüm mitspielenden) Musikalischen Leiter Titus Engel. Die dann alle im Gänsemarsch samt Instrumenten aus einer schienenfahrenden Bau-Hütte kommend, die mehrere Fußballfelder große „Bühne“ überquerten, um dann an anderen Hallen-Orten dem Publikum neu, diesmal hinterrücks aufzuspielen.

Die im Längshaus der Industrie-Kathedrale verlegten Eisenbahngleise brachten auch Musiker-tragende Waggon-Plattformen ins Rollen, die auch mal geheimnisvoll Kassenhäuschen transportieren:

Viertelstundenlang schwebte auch ein fast hallenhoher bein- und schwanz-amputierter Dinosaurier den Bahndamm entlang und wieder zurück. Das Spieler-Ensemble steigert sich körperlich wie gesanglich, keineswegs die Musiken „illustrierend“, in individuelle oder tanztheater-choreografierte Auftritte bis zu Epilepsie-Krämpfen, rutscht mit quietschenden Bürostühlen Musik erzeugend, springt gegen Wände oder gestikuliert in allen Sprachen der Welt babylonisch-sprachverwirrend gegen das Publikum an – auch vor den zwei Ehrenplätzen, die der absagende Ministerpräsident erstmals bei einer Triennale leer gelassen hatte.

Gekommen waren u.a:

Ex-Minister und FDP-Grande Prof. Baum, CDU-Lammert und Freunde-e.V.-Chef und Grünen-Ex-Promi Vesper. Wie auch die „Dienstherrin“ der Ruhrtriennale-Chefin Stefanie Carp: NRWs parteilose Kultusministerin Isabell Pfeiffer-Poensgen, die hielt Freitag eine Rede, diese aber ohne jeden Bezug auf den Polit-Streit. Und relativierte ihre Carp-Unterstützung Samstag politisch.

Das Publikum, nach langem Aufstieg auf die gefährlich steil bis unters Dach reichende Tribüne noch nicht konzentriert, wird nicht vom Mammutwerk des „unvollendeten Universums“ überfallen: Gongs lassen sich Zeit beim Verhallen, Triangeln, Xylophon, Trommeln, Donnerbleche, viel heavy metal, zu dem auch Kuh- und Kirchenglocken gehören, stimmen beinah mystisch auf die zweieinhalb Stunden ein. Darsteller warten anfangs an einem Kassenhäuschen auf der Bühne, gehen langsam einzeln auf eine kleine Tribüne ebenfalls dort. Oder setzen sich eher unauffällig in weiten Abständen an lange Tische so fern wie möglich dem Betrachter. Um irgendwann schneckengleich auf den Tischplatten dort parallel zu den Gleisen „Richtung weg von hier“ zu kriechen. Ein älterer bärtiger Mann rennt wie ein Schweizer Verwandter von Karl Marx immer mal wieder mit einer riesigen Tuba im Hintergrund lange Wege in die „Gegenrichtung“.

Sprich: Marthalers „szenisches Alphabet“

ist ein bisschen sperrig, changiert von mondsüchtig bis alptraumhaft, hat aber auch viele kleine liebevolle und komische Momente. Die Kostüme von Anna Viebrock stammen wie die Musiken aus unterschiedlichen Epochen: Farblich bis auf satte rot-grüne Ausnahmen eher dezent, traditionell und charaktergebend. Ein Mann im grauen Overall singt im Hintergrund 30er Jahre-US-Schlager und ein langhaariges Mädchen in kurzen Jungenhosen-Schuluniform samt Kniestrümpfen geht mit einem Lautsprecher zu den Zuschauern, um den Gesang besser zu vermitteln. Eine Sport-Kapelle marschiert aus dem Untergeschoss und über eine hellblau-rosa Vintage-Brücke, angefeuert und begleitet von einem Pianisten, der sich seinerseits ein schrilles Tastenduell mit einem weit von ihm entfernt sitzenden Kollegen liefert. Hinter diesem hört man unsichtbar eine weitere Kapelle, die die musikalischen Motive aufgreift und wieder zurück spiegelt. Und so den Abend lang.

Im Gedächtnis bleiben viele Bilder und Stimmungen:

Da wird ein sanftgelber Teppich ausgerollt. auf dem die Darsteller wie tot zusammenbrechen. Sie stehen verwirrt bis „wahnsinnig geworden“ wieder auf, jemand rollt sogar den Teppich wieder ein. Zweier-Paare folgen sich in langen Wegen: die jeweils Folgenden tippen den Vorangehenden immer wieder auf die Schulterm, ohne dass diese reagieren. Gesangs- und gesprochene Texte sind zwar auch in Englisch übertitelt mitzulesen, aber Sinnsucher kommen überhaupt schnell an ihre Grenzen. Wer sich treiben lässt, hat mehr davon - denn irgendwann ist man tatsächlich in diesem „Universe, incomplete“ angekommen. Und die Zeit hört auf zu existieren. Und wären nicht extra-dünn gepolsterte Sitzschalen, die den legendären Hartholz-Plätzen Bayreuths um nichts an Gesäß-Wirkung nachstehen, es könnte noch ein Weilchen „unvollendet“ so weiter gehen.

Komponist Charles Ives (1875 – 1954):

hat seine Symphonie selbst als „alle klassischen Aufführungs-Formate sprengendes Klang-Ereignis“ bezeichnet. Und sie, irgendwie konsequent, nie vollendet, von der Symphonie-Partitur existieren nur wenige komponierte Teile auf Zetteln, Skizzenblättern und fertigen Notenblättern. Und darunter fand sich Ives´ Vermächtnis: „Für den Fall, dass es mir nicht gelingen sollte, dieses Werk zu vollenden, findet sich vielleicht jemand anderes, der den Versuch unternimmt, meine Gedanken auszuarbeiten.“ Christoph Marthaler, Titus Engel und ihr immens großes Team haben das unter Hinzufügung anderer Ives-Kompositionen gewagt. Und in Bochums Jahrhunderthalle den Spielort gefunden, der wohl einzigartig diesem Wagnis auch gewachsen ist. Wo, wenn nicht hier?!

Lang anhaltender, nachdenklicher Applaus für die un- wie außer-gewöhnlichen Leistungen jedes einzelnen Orchester- und Ensemble-Mitglieds! Ein Spitzen-Ereignis.

Weitere Termine: Mi 22. / Do 23. / Fr 24. / Sa 25. August immer 20.30 Uhr, Jahrhunderthalle. Karten: ruhr3.com/universe

„Universe, incomplete“ v.l. Magne Harvard Brekke, Bérengére Bodin, Jürg Kienberger, Bendix Detleffsen, Helmut Schmitt. Foto: Walter Mair/Ruhrtriennale2018-08-19
“Universe, incomplete”. Foto: Walter Mair/Ruhrtriennale2018
Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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