Von der Unmöglichkeit der Dinge: Die Suche nach dem Psychotherapieplatz

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Es ist das typische Problem, das jeder kennt, der schon einmal nach einem Psychotherapieplatz suchen musste, und es ist das typische Problem einer Gesundheitslandschaft, die niemand ändern möchte, weil er offenbar nicht weiß, wie er sie ändern soll.
Zerrieben wird dabei genau derjenige, dessen Schutzbedürftigkeit am größten ist und der die Hilfe am dringendsten benötigt:
der depressiv erkrankte Mensch, der unter einer Zentnerlast schmerzhaft inneren Erlebens Stück für Stück erdrückt wird, bis er nicht mehr kann.

Die Erzählung von Sybilles Suche nach einem psychotherapeutischen Behandlungsplatz zeigt erschreckend anschaulich die Unzumutbarkeit der Suche in völlig selbstverständlich auferlegter Eigenverantwortlichkeit http://www.lokalkompass.de/bochum/ratgeber/behandlung-in-der-warteschleife-zwischen-depression-und-suche-nach-dem-psychotherapeutischen-behandlungsplatz-d214833.html .

Es dauert in der Regel eher lange, bis sich der Erkrankte selber eingestehen kann, dass er so krank ist, dass er Hilfe braucht. Und es dauert noch viel länger, bis er Adressen von Praxen sichten kann, in denen er es wagen würde, anzurufen.
Wenn er es dann endlich schafft, sich zu überwinden und das Telefon zu nehmen, um einen Psychotherapeuten anzurufen, empfängt ihn in der Regel eine Nachricht, die auf Band gesprochen wurde. Manchmal klingt sie nett, manchmal auch genervt oder durch die Botschaft, die nach der Praxisnennung ausgesprochen wird, auch deutlich abweisend.

Der Kranke fällt dann zusehends ein Stückchen mehr in sich zusammen, wenn sein Anruf, der so sehr viel Mut bedeutet hat, erfolglos ist, weil er keinen Ansprechpartner hat, ihm angesagt wird, dass derzeit keine Plätze angeboten werden können, es auch keine Wartelisten gibt oder er am Tag zuvor für eine halbe Stunde eine Sprechzeit hätte nutzen können, um mit dem Behandeln zu sprechen. Sofern in dieser halben Stunde nicht dauerhaft besetzt gewesen wäre, weil andere Erkrankte schneller in der Leitung waren.
Gestern, immer wieder gestern oder vorgestern oder übermorgen, wenn man vielleicht längst wieder vergessen hat, dass man diese halbe Stunde nutzen kann – wenn man eben Glück hat, durchzukommen.

Das Leid ist unermesslich groß, die Bedingungen sind unzumutbar:

zahllose vergebliche Anrufe in seelisch-fiebrigem Zustand, Besetztzeichen, Anrufbeantworter, immer wieder trotz Schwäche und Erschöpfung hoffnungsvoll mit Botschaften und der Bitte um Rückruf besprochen, ohne dass zurückgerufen wird;
Warten, Hoffen, Bangen und Verzweifeln, wo nicht gewartet werden kann. In ihrem Leid auf sich allein gestellt, begehen nicht selten Menschen Selbstmord, weil die Last des inneren Erleben, des Fiebers, das verbrennt, nicht länger ausgehalten werden kann.

Was momentan dazu herangeführt wird, die Burnout-Symptomatik zu beschreiben und dem "erschöpften Selbst" nach Ehrenberg 2004 Rechtfertigung zu geben, wird dem erschöpften Selbst bei seiner Suche nach Behandlung völlig selbstverständlich obendrauf gepackt:

In einer Welt, die neuen Regeln folgt, ständig neue Regeln schafft und an Beständigkeit verloren hat, an die der Mensch sich ganz entgegen der Natur ständig flexibel anzupassen und immerwährend Selbstbeherrschung und Handlungsfähigkeit herauszupressen hat, soll er sich exakt den Anforderungen aussetzen, die zu seiner Erkrankung führten, damit er überhaupt behandelt werden kann.

Ausgerechnet der Mensch, dessen Erkrankung sich durch innere Leere, Kraftlosigkeit und Konzentrationsstörungen auszeichnet und nicht selten genau darin besteht, sich aus der Erschöpfung heraus nicht mehr selber zielgerichtet organisieren zu können, soll sich bei der Suche nach einem Behandlungsplatz organisieren können.

Keinem anderen Patienten, keinem anderen Krankheitsbild wird zugemutet, was Menschen zugemutet wird, deren Seele krank geworden ist:

einmal pro Woche, bei etwas Glück auch zweimal oder dreimal für eine halbe Stunde die Möglichkeit zu haben, nach einer Behandlung anzufragen und im Dschungel der verschiedenen Sprechzeiten den Überblick zu halten. Das ist kaum möglich.

Es vergehen Wochen, manchmal Monate, bis der Betroffene Erfolg hat und es dauert nochmal Monate, bis der Erkrankte ein Erstgespräch mit einem Therapeuten führen kann.
Wenn er Glück, passt es und er kann ein paar Wochen später in die Behandlung einsteigen. Passt es nicht, weil Psychotherapie Beziehungsarbeit ist, beginnt die Suche unter Umständen noch einmal ganz von vorn. Wenn der Kranke dann noch Kraft besitzt.

Angesichts derart absurder Organisationen und Strukturen im Gesundheitswesen liest sich so manche Tagesmeldung strafrechtlich relevanter Beziehungstaten vielleicht auf einmal völlig anders.
Wer sagt dem Leser, dass der auffällig gewordene Mensch, der in die Psychiatrie verwiesen wird, nicht bereits verzweifelt Hilfe suchte und immer wieder scheiterte, bis der Schrei nach Hilfe eskalierte, weil es anders nicht mehr ging?
Nicht immer ist ursächlich der Mensch krank, der öffentlich für eine Tat verdammt wird. Es ist gleichermaßen die Gesellschaft, die Hürden schafft, statt aufzufangen und zu helfen.

Wenn also irgendjemand glaubt, Depression sei eine Schwäche, dem sei gesagt, dass depressiv Erkrankte in vielen Bereichen ihres Lebens weitaus stärker kämpfen müssen, um zu überleben, als so mancher andere.

Ein Beitrag übrigens, der in ganz viele Rubriken passen würde: die Psychotherapeutensuche ist eine echte Kraftanstrengung - und somit "Sport".
Sie ist "Politik", weil die sich viel zu wenig um den kranken Menschen kümmert, dessen Bedürfnisse an eine Behandlung keineswegs erfüllt sind.

Die Suche ist auch ein Stück "Kultur" - der Kultur des Wegsehens, wo dringend Hilfe nötig ist.
Auch unter "Leute" wäre der Bericht gut aufgehoben, weil viele Leute diese Problematik teilen.

Er ist "Natur", weil es in der Natur des Menschen liegt, irgendwann unter der Last des modernen Alltags einzubrechen.

Und dann gehört die Psychotherapeutensuche natürlich ganz klar zum Verein Bochumer Bündnis gegen Depression, dessen Aufgabe auch ist, sich für Verbesserungen stark zu machen.

Entschieden habe ich dann für den "Ratgeber", denn "Spaß" ist das hier alles längst schon nicht mehr, was dem depressiv Erkrankten aufgebürdet wird !

Autor:

Sabine Schemmann aus Bochum

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