Baron Bares lässt bitten: Die Landpartie auf Schloss Lembeck ist kein Schnäppchen-Paradies

Könige und Narren: Welche von diesen beiden Berufsgruppen auf Lembecks Landpartie die Mehrheit stellt, bleibt dem Auge des Betrachters überlassen.
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Lembeck. Haben Sie schon einmal auf einer matschigen Wiese einen Maybach einparken sehen? Dieser Geltungstriebwagen kostet soviel wie ein luxuriöses Eigenheim und war auf der überfüllten Parkwiese des Lembecker Schlosses nicht der einzige Hingucker. Aber er interessierte nicht wirklich, denn vielmehr standen die kleinen, aber feinen Dinge im Focus, die den Alltag derjenigen in unserer Mitte verschönern, die der weiße Storch gebracht hat. Der Chronist begibt sich in diesen erlauchten Kreis und schon im ersten Torbogen prüft mit Witz und Frack ein Portier Ticket und Gesinnung: Man steht in der Reihe und wartet, niemand drängelt. Very british und überhaupt: Die Mehrzahl der Besucher wirkt anglophil, jewohl mit westfälischer Adelseinkreuzung. Aus diesem Grunde ist wohl auch der brave Jagdteckel der bevorzugte Kanide Freund und Begleiter anlässlich dieser Landpartie. Mops, Jack-Russel-Terrier und Französische Bulldogen verweist der Raubautz an Herrn Barons Seite klar auf die Plätze. Frauchen und Herrchen bevorzugen Elegantes aus Wachs, Leder und edlem Leinen. Die Funktionsjacke mit Trittsiegel des Wolfes trägt hier nur der Fahrer des Elektrokarrens, der die erworbenen Preziosen ins wohlbewachte Depot chauffiert. Herr Baron trägt keine Tüte. Dazu wabert der Duft des Geldes über den Park. Jawohl: Geld duftet hier nach Wässerchen aus dem Hause Detaile oder derer von Sierstorpff . „The Sent of a Gentleman“ ist zum Messepreis als echtes Schnäppchen für die Hälfte der Harz IV –Grundversorgung zu haben. Damit man sich ohne Gewissensbisse und Reue diesen kleinen Ausreisern aus der Tristesse des Alltages zwischen Golfplatz und Zigarrenclub hingeben kann, ist im Eingangsbereich der Show das kleinste Pagodenzelt für UNICEF reserviert. Man tut halt, was man kann. Aber schon bald richtet sich der Blick auf die wahren Probleme des Lebens. Wer seinen Garten, oder besser Park, mit einer historischen Brunnenanlage versehen will oder muss: Kein Problem. Eine feine Dame in mittelenglischem Jagdamazonen-Outfit berät und verrät auch den Preis für diese Lustbarkeiten: Es kann fünfstellig werden! Passendes Outfit zur Einweihung einer Parkanlage? Kein Problem. Mit dem Adelssignet „Habsburg“ wirbt ein Pagodenzelt für „Feine Gesellschaftskleidung“. Katharina von Garzuly-Hohenlohe und Herr Baron Lukas-Pius von Geusau raten ihrer Kundschaft: Unablässig eine gute Figur abgeben! Stil ist keine Frage des Geschmacks, sondern eine des Lebens. Und der Brieftasche oder der Metallurgie der Kreditkarte. Platin darf es da schon sein. Allerdings: Der etwas irritiert und gleichsam ungehaltene ältere Herr, in quietschgrüner Golfhose mit weiß-blauen Budapester Schuhen „verschengeliert“ wirkend, scheint diese steile These nicht zu leben und erntet vom dienstbaren Verkäufergeist der Habsburger Blicke, die mitleidig und besorgt wirken. Hartkäse und Salami aus einem italienischen Bergdorf, das auf keiner Landkarte zu finden ist, kosten pro 100 Gramm soviel wie ein Aldi-Wocheneinkauf für die vierköpfige Familie. Was gönnt man sich schon. Ein Weinhändler teilt die Meinung der Rothschilds: Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Für den Normalsterblichen ist es allerdings auch zu kurz, um die Kohle für diese Tröpfchen zu generieren. Baron Bares lässt bitten und weniger kostet mehr. Ob Pflanzen oder Olivenöl: Luxus, oder das was von den Veranstaltern dieser Landpartie dazu erklärt wurde, hat seinen Preis. Und in den Nachttischen der Gelasse in den noblen Vororten dieser Republik scheint trotz aller schlechten Zeiten noch ein Notgroschen versteckt zu sein, der es dem Rückgrat unserer Gesellschaft ermöglicht, sich im Lembecker Schlosspark in aller gebotenen Bescheidenheit mit dem Nötigsten auszustatten. Wenn dann nach anstrengendem Shopping „auf schwerem Geläuf“, so die Klage einer Dame in Gummistiefeln mit Wappenmotiv, Wildschwein an Trüffelbutter über die Imbisstheke gereicht wird, ist die Welt wieder heil. Fast jedenfalls, wenn da nicht dieser lästig perlende Champagner wäre. Puh....!

Autor:

Jo Gernoth aus Dorsten

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