Der reizvolle neue Lahn-Wein-Stieg
Ein bisschen Nervenkitzel gehört dazu

Blick von der Nordseite auf Obernhof und die untere Lahn: Rund um den Ort und die Nachbargemeinde Weinähr führt die anspruchsvolle Tour. | Foto: Daniel Basler
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  • Blick von der Nordseite auf Obernhof und die untere Lahn: Rund um den Ort und die Nachbargemeinde Weinähr führt die anspruchsvolle Tour.
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Die Lahn ist ein charaktervoller Fluss: Er schmückt sich mancherorts mit hohen Felswänden, romantischen Burgen, malerischen Städtchen, kleinen Auen-Gebieten und einem einmaligen Weinbaugebiet. Letzteres liegt idyllisch oberhalb des Ortes Obernhof und dank eines neuen Wanderwegs lässt sich nicht nur dieser hübsche Flecken entdecken.

Landschaft, Gesteine, Mineralien und Erdgeschichte: In Goethes Leben und Werk spielten naturwissenschaftliche Fragen zum Wesen der Welt und der Mensch-Werdung eine große Rolle. Wie sehr ihn dies alles bewegte, belegt eine kleine Entdeckung, die ihn hocherfreute, und die er in seinem Reisetagebuch festhält. „Gegenüber einer aufgelassenen Abtei mit Quarzadern durchzogene Tonschieferplatten mit viel Glück gefunden“, lautet der kurze Eintrag vom 23. Juli 1815. Damals befand sich der forschende Dichter im Lahn-Tal auf der Durchreise und nutzte die Gelegenheit bergmännische Anlagen bei der Holzappeler Grube zu inspizieren, um die „Verschiebung von Grubengängen zu enträtseln“.

Seine Fundstücke, so genannte Grauwacke, so kann man auf einer Infotafel oberhalb des kleinen Ortes Obernhof lesen, arrangierte er in einem Schaukasten, die er sich „wie eine Trophäe“ an eine Wand im Arbeitszimmer seines stattlichen Hauses in Weimar hing, damit „er sie täglich vor Augen hatte“. In Erinnerung an dieses Ereignis und einen früheren Besuch Goethes in diesem Teil der unteren Lahn hat man gleich einen ganzen Hang zum Goetheberg umbenannt und sich dazu noch gleich eine neue, passende touristische Attraktion einfallen lassen, die seit Ende 2021 als „Lahn-Wein-Stieg“ für viel Aufmerksamkeit in der interessierten Wander-Szene hierzulande gesorgt hat. Von „einer der schönsten Touren dieser Art“ oder „einem Highlight und einer Bereicherung für unsere Region“ wird in den einschlägigen Outdoor-Medien gesprochen.

Ist an diesen Superlativen etwas dran? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, kann nur ein Praxis-Test vor Ort dafür die richtige Herangehensweise sein. Zwei Wochen später ist alles für den Kurztrip arrangiert. An einem sonnigen Mai-Wochenende geht‘s umweltbewusst per Zug über Koblenz in den rheinland-pfälzischen Landstrich zwischen westlichem Hinter-Taunus und dem Westerwald, eine als wildromantisch in der Tourismus-Sprache beschriebene Flusslandschaft. Nach einem kurzen Zwischenstopp im historischen, schmucken Kurviertel von Bad Ems sind es nur noch wenige Minuten Bahnfahrt entlang des mäandernden Flusses bis zur Haltestelle in Obernhof – und nur ein paar Schritte zum Einstiegsportal, wo eine große Schautafel einen Überblick zum vom Deutschen Wanderverband zertifizierten Rundwanderweg-Areal liefert. Von den Routenvorschlägen ist es die sportliche Hauptweg-Variante (für die knapp elf Kilometer lange Strecke sollte man alpine Erfahrung mitbringen), die mich packt und auf deren Pfaden es ordentlich hoch und runter gehen soll zwischen den traditionellen Winzerdörfern Obernhof und Weinähr.

Gut gerüstet mit festem Schuhwerk und ordentlich Essen und Trinken im Rucksack (es sind gut fünf Stunden Tour-Zeit zu „überstehen“), steht nach der Überquerung der Lahnbrücke gleich der erste ambitionierte Aufstieg entlang aufgeschichteter, historischer Weinterrassen an. Steile Treppen führen durch den Kassiopeia-Parcours, der spüren lässt, was es heißt, in Steillagen Weinbau zu betreiben, danach geht’s nochmals etwas höher hinauf auf den Goethe-Punkt. Auf der Aussichtskanzel ist eine Rast ein Muss, wobei sich bei dem Zwischenstopp bei guter Sicht ein Panoramablick öffnet, der ein romantisches Landschaftsbild vor Augen führt. Von hier aus abwärts ist der Trail etwas wilder und herausfordernder, doch die Klettersteig-Passagen sind gut gesichert und die „Kraxelei“ macht so richtig Spaß. Zuerst einem schmalen Bergmannspfad folgend, hält die gut ausgeschilderte Route weitere reizvolle Punkte bereit: Da ist zum einem das vor einigen Jahren initiierte Bürger-Weinberg-Projekt Weinähr & Obernhof (hier kann jedermann an zwei Weinlagen vom Rebschnitt bis zum Ausbau im Keller selbst an der Entstehung eines Lahn-Weines mitwirken) oder der spannende Adelhahn-Kletterweg, über den man mit Trittsicher- und Schwindelfreiheit gefahrlos hinwegkommt. Nach so viel „alpinem“ Gelände-Erlebnis steht noch ein Höhen-Blick von der so genannten Platz-Burg, (vermutlich keltischen Ursprungs) an. Über die Lahnschleife hinweg schweifen die Augen hinüber auf das Kloster Arnstein, das mit ihrer Abteikirche aus vier Türmen auf einem Felsplateau ein wenig mittelalterliche Ritter-Stimmung aufschimmern lässt.

Nach diesem eindrucksvollen Finale endet der mit etlichen Infotafeln zu lokalen Besonderheiten ausgestattete Wanderweg entlang sonnenbeschienener Hänge, über kleine, abenteuerliche Felspartien und schön angelegte Natursteintreppen in abwechslungsreicher Topographie mit einem zufriedenen Fazit: Dass der Lahn-Wein-Stieg und das damit verbundene einzige Weinbaugebiet am Fluss einen Wochenend-Aufenthalt Wert sind, habe ich mit vielen Überraschungen am Wegesrand und neuen Erkenntnissen zu Johann Wolfgang Goethes umtriebigen Reise-Unternehmungen regelrecht genossen.

Klar, dass so ein erhebendes Glücksgefühl noch zu einem kleinen Umtrunk anstachelt. Nur ein paar Gehminuten vom Ausgangspunkt entfernt findet sich dafür ein gemütliches Plätzchen – und zwar in der Schänke von Uwe Haxel, einem der beiden noch verbliebenen Vollerwerbswinzer in der Gegend. Der Sechzigjährige ist sogleich bereit, mir einen kurzen Abriss zur Weinbautradition im heutigen 400-Einwohner-Dorf zu geben, natürlich bei einem hauseigenen Viertele Riesling.
„Vor gut 650 Jahren ging es los, vermutlich waren es die Mönche des hiesigen Klosters, die die Obernhofer Weinberge zuerst kultivierten. Im 16. und 17. Jahrhundert feierte der Lahn-Wein dann seinen größten Erfolg mit rund 100 Hektar Rebfläche“, zeigt der Kellermeister auf eine Karte mit den historischen Lagen, die bis Marburg reichten. Diese sind 300 Jahre später stark geschrumpft und zwar auf etwa sieben Hektar, dennoch bringt dieses Fleckchen aufgrund von Geologie, Topographie und Bodenverhältnissen einen Wein hervor, der vielfach bei Bundes- und Landesweinprämierungen mit Kammerpreismünzen ganz oben angesiedelt ist. Entlang einer Wand hängen gleich reihenweise derartige Auszeichnungen, die der Vollblut-Winzer stolz kommentiert: „Bei einem Blumentopf, den die kleine Rebfläche am Goetheberg im Vergleich zu den großen Anbaugebieten darstellt, kann man nicht unter seinen besten Tropfen auswählen, doch mit den 2014er Spätburgundern beispielsweise konnten wir gegenüber den Großen bestehen“, bezieht er sich auf diese Gold-Prämierung. Den Erfolg dahinter sieht er in den Schieferböden, den 1200 Sonnenstunden im Jahr, dem milden Klima und der geschützten Lage von Obernhof, die den Weinreben offensichtlich sehr guttun, bekennt er, dass er trotz aller Mühen diesen Beruf gegen keinen anderen Job eintauschen wollte.

Reise-Infos und Wissenswertes zur Region unter: www.lahn-taunus.de, www.daslahntal.de und www.badems-nassau.info

Text und Fotos: Daniel J. Basler

Autor:

Daniel Joel Basler aus Dortmund

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