Volksschule in den 60ern

1959 wurde ich mit ca 50 Kindern in die Volksschule Kaarst eingeschult.

Schreiben lernte ich auf einer Schiefertafel mit Schiefergriffeln.
Das machte beim Schreiben ein herrliches Geräusch, ein Graus für alle Ohren.

Es gab noch Fleisskärtchen, die man gegen Heiligenbildchen eintauschen konnte, wenn man 10 davon hatte.

Kein Wunder, dass die Jungens später Fussballbilder sammelten, und wir Mädchen die Starschnitte aus der "Bravo."

Schulmilch gab es auch schon für 80 Pfennig die Woche, wahlweise auch Kakao.

Im 2. Schuljahr hatten wir einen alten Lehrer, der morgens erst die Klasse betrat, wenn es muckmäuschenstill war.
Wir aber hatten Spass satt, so kam es, dass er oft erst zur 2. Stunde zur Tür herein kam.
Dann kam jeden Morgen die allgemeine Kontrolle der sauberen Fingernägel mit den angespitzten Bleistiften dazwischen geklemmt...und wehe, dem war nicht so...dann flog der Zeigestock oder ein großes Lineal auf unsere Hände.( Aua )

Und Fehler, die wir in den Hausaufgaben hatten wurden durch dreinmaliges Wiederholen "verbessert". Da war die Verbesserung oft länger als die Aufgabe selbst.

Erst Ende des 2. Schuljahres fingen wir an, mit Tinte und nachfüllbaren Füllern zu schreiben. Auch gab das schon eine schöne Klekserei in den Heften. Und irgendwann hatten diese Füller dann Patronen. Es gab eine grüne "Geha" und eine blaue "Pelikan" Fraktion, und fleissig wurden Patronenkügelchen in leeren Patronenhülsen gesammelt.

Für mich hieß Volksschule auch am Dienstag- und Donnertagmorgen- zur Kiche gehen- Zeit.
Es war selbstverständlich und gehörte zum Schulalltag dazu, 2 mal die Woche vor dem Unterricht zur Schulmesse zu gehen.
Geschadet hat es keinen von uns, aber einen Nutzen hatte diese "Sonderstunde" auch nicht.
Und in der Schulmesse wurden fleißig die Heiligenbildchen getauscht.

Nach der 4. Klasse gingen viele von uns aufs Gymnasium in die nahe gelegene Stadt Neuss, ich aber durfte nicht mit der Begründung: "Du heiratest ja doch, was willst du auf eine höhere Schule!".
Ich hatte dies zu schlucken. Fertig!

Im 5. Schuljahr lernte ich das Stricken und den sog. "Patentstich."
Das " Poesiealbum ", welches ich heute noch habe, machte die Runde bei den Lehrerinnen und Mitschülerinnen.

Ich bekam in diesem Jahr am 1. Adventssonntag meine "Tage", war damit die erste in der Klasse und durfte alle 4 Wochen beim Schulsport auf der Bank sitzen.
Aber nach und nach kamen immer mehr Mädchen dazu und wir hatten immer was zu tuscheln: "Hast Du auch....?"

Aufgeklärt wurden wir durch die "Bravo", die heimlich in der Klasse gelesen und von Bank zu Bank weiter gereicht wurde.

Im 6. Schuljahr lernte ich Schillers "Die Glocke" und im 7. Schuljahr hatten wir einen Lehrer, der ständig rumschrie, wenn wir mal wieder die lauteste Klasse der ganzen Schule waren: "Wir sind doch hier nicht im Kölsch- Henneschen- Theater."

Die restlichen 2 Jahre hatten wir unseren Rektor als Klassenlehrer.
Dieser gute Mann war mit seinem Rektorposten total überfordert.
Mindestens 2 mal die Woche hieß es ab der 3. Stunde:" Ach, geht schon mal nach Hause, ich hab noch so viel zu tun."
Damals freuten wir uns natürlich über die freie Zeit, aber viel gelernt haben wir bei ihm nicht.
Regelmäßig erzählte er uns Geschichen von seiner 96 jährigen Schwiegermutter, und wir amüsierten uns über das "Schiesser" Unterwäschenlogo, dass aus seiner Hose rausschaute.

Wir hatten noch die "6- Tage- Woche."
Unterricht fand auch samstags statt.
Aber irgendwann ging es lockerer zu und der erste Samstag im Monat war schulfrei.

Die letzten beiden Jahre, also das 8. und 9. Schuljahr waren sog. Kurzschuljahre. Sie dienten dazu, den Schuljahresbeginn vom Termin nach den Osterferien nach den Sommerferien zu verlegen.

Auch wir alle hatten damals kein Problem nach der Schulzeit eine Lehrstelle zu finden oder eine weiterere Schule zu besuchen.

Übrigens- ein guter Freund von mir erzählt mir immer wieder, dass es auf dieser Volksschule bis weit in die 50er Jahre hinein konfessionsgebundene Toiletten gab, d. h. also katholische Klos für die katholischen Kinder und evangelische Klos für die evangelischen Kinder.

Komisch- wir machen dort alle das gleiche........

Autor:

Christa Palmen aus Düsseldorf

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