"Wer kann für mich sehen?" Simone Strasser ist blind und sucht jemanden, der mit ihr Tandem fährt

Simone Strasser liebt Musik. Sie ist ein ausgemachter Metal-Fan, geht gerne tanzen und fühlt sich auf Mittelalter-Festivals zu Hause. Der mp3-Player mit den extra großen Tasten  ist ihr beim Musikhören eine prima Hilfe. Foto: Bernd Henkel
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  • Simone Strasser liebt Musik. Sie ist ein ausgemachter Metal-Fan, geht gerne tanzen und fühlt sich auf Mittelalter-Festivals zu Hause. Der mp3-Player mit den extra großen Tasten ist ihr beim Musikhören eine prima Hilfe. Foto: Bernd Henkel
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Wenn Simone Strasser lachend durch die Wohnung wirbelt, würde ihr keiner glauben, dass sie blind ist. Tatsächlich aber sucht die zierliche Frau gerade ziemlich dringend jemanden, der für sie sehen kann:

Wenn Anfang Juni die Sternfahrt für Blinde und Sehbehinderte mit einem Korso durch die Straßen der Bundeshauptstadt führt, dann möchte Simone Strasser unbedingt dabeisein. Auf ihrem neuen Tandem, als radelnder Passagier. Aber vorne muss jemand sitzen, der sehen kann und sie beide sicher durch die Straßen der Metropole lenkt.
Sie ist keine, die sich unterkriegen lässt. Aber sie ist auch keine, für die man Begriffe wie „tapfer“ oder „vom Schicksal gezeichnet“ verwenden würde - diese Frage stellt sich erst gar nicht bei dieser lebendigen Frau, die neugierig auf das Leben ist und immer etwas Neues ausprobieren möchte. So wie etwa das Tandemfahren. Gerade hat sie sich eines gekauft, und sie möchte nicht nur bei der Tandem-Sternfahrt für Blinde und Sehbehinderte anlässlich des 2. Louis Braille-Festivals (der Erfinder der Blindenschrift) vom Soziussitz aus mitstrampeln – auch sonst würde sie gerne gelegentlich Touren unternehmen und sucht andere Radler, mit denen das möglich ist.

„Schon von Geburt an habe ich immer nur etwa 30 Prozent sehen können“, sagt sie, „doch im Lauf der Jahre ist es immer weniger geworden.“ Für die Ausbildung zur Bürokauffrau hat es damals gereicht, auch für eine Beamtenlaufbahn bei der Telekom. „Aber mittlerweile sehe ich nur noch Nebel, kann Hell und Dunkel unterscheiden – meine Kinder kennen es gar nicht anders.“ Mit ihnen lebt Simone Strasser am Schwelmer Winterberg. Die 100 Quadratmeter-Wohnung ist klar strukturiert und sachlich eingerichtet, den Haushalt macht die 43-Jährige nach wie vor selbst: „Ich weiß ja, wo alles steht!“

Aber bloß zu Hause hocken – das ist nichts für die lebhafte Frau, die viel gestikuliert, gerne lacht, mit ihrem umwerfend ansteckenden Lächeln ein bisschen aussieht wie Schneewittchen, leidenschaftlich gerne tanzen und auf Mittelalter-Festivals geht und die am liebsten Metal-Musik hört. Das ist ihre Welt, und wenn sie unter den dicken Kopfhörern versunken auf dem riesigen Familiensofa hockt, sieht sie aus, als wäre sie gerade mal 15.

Simone Strasser ist ein neugieriger Mensch, sehr aufgeschlossen und kontaktfreudig, und sie möchte so gut es geht im Leben zurechtkommen. Fit hält sie sich mit ihrem Crosstrainer, die Armmuskeln kommen von den vielen Liegestützen, die sie täglich absolviert, und vom Hanteltraining. Ihre Oberarme werden auf dem Louis-Braille-Festival sogar öffentlich zu sehen sein - die 43-Jährige ist nämlich eines von vier blinden Models, die im Februar für ein ungewöhnliches Fotoshooting professionell gestylt und unter anderem in einem alten Bergwerk abgelichtet wurden. Diese Bilder werden in Berlin ausgestellt und zeigen sie als scharfe Metalbraut und als rosiges Schneewittchen. Bis zur Ausstellungseröffnung sind die Fotos noch unter Verschluss, aber der WDR hat einen Betrag gedreht über das ungewöhnliche Projekt: „So fühlt man sich als Model“ und wer jetzt neugierig geworden ist, der sollte in der WDR-Mediathek im Internet nachsehen (siehe unten).

Ihr fröhliches Gesicht mit dem ansteckenden Lachen kennen viele mittlerweile auch aus der Zeitung: Simone Strasser ist eines von elf Mitgliedern des neu gewählten Behindertenbeirates der Stadt Schwelm, am Montag fand das erste Treffen statt. „Wir haben uns alle vorgestellt und sind vereidigt worden“, erzählt sie, „und bis zum nächsten Treffen am 7. Mai haben wir uns als Hausaufgaben vorgenommen zu recherchieren, was es in Sachen Barrierefreiheit in Schwelm bereits gibt und was noch möglich ist: Ich zum Beispiel kümmere mich darum, ob man einen sprechenden Geldautomaten installieren könnte, an dem dann auch Schwerhörige einen Kopfhörer einstöpseln können – beispielsweise an der Sparkassen-Hauptstelle, die ja gerade umgebaut wird.“

Das Louis-Braille-Festival findet vom 1. bis 3. Juni in Berlin statt.
http://www.dbsv-festival.de

Interessierte Tandempiloten melden sich bitte per Mail an simone-schwelm@gmx.net oder unter Tel. 02336/9377-28 in der wap-Redaktion.

Der Beitrag aus der WDR-Mediathek:
http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2012/02/13/lokalzeit-suedwestfalen-fotoshooting.xml

Autor:

Carmen Möller-Sendler aus Ennepetal

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