Buchbesprechung: Die Perfektionierer - Warum der Optimierungswahn uns schadet und wer wirklich davon profitiert

Warum der Optimierungswahn uns schadet – und wer wirklich davon profitiert beschäftigt Klaus Werle in seinem Buch DIE PERFEKTIONIERER. Er stellt die These auf, dass bei aller Mühe, herausstechend zu sein, die Perfekten sich zu sehr gleichen. Am Ende hätten nur die Bildungsanbieter, Coaches und Lifestyle-Branchen verdient. Laut Buchrücken „eine fällige Abrechnung“.

Klaus Werle liefert wirklich eine Abrechnung mit manch übertriebenem Perfektionsanspruch. In Zeiten von politisch diskutierten Elite-Universitäten, kommunal angepriesenen internationalen Kindergärten und regelmäßigen Fernsehreportagen über Eltern, die ihren Kindern „nur das Beste“ bieten wollen findet er dabei eine breite Basis an öffentlichkeitswirksamen Beispielen.
So sehr man sich auch bemüht, seiner These zu widersprechen, es finden sich im näheren und weiteren eigenem Umfeld „echte“ Beispiele, die denen von Werle gleichen. Seien es die Kombination von Billigflug mit dem exklusiven Lebensmitteln, der Wettstreit um Kontakte im Web 2.0, im Lebenslauf nennbare Auslandssemester oder prestigeträchtige Praktika oder die Gewissensversöhnung mit Bio- und Regionalartikeln, natürlich handverlesen und perfekt inszeniert. Der Leser kommt nicht umhin, Kapitel für Kapitel zustimmend zu nicken.
Durch den Einblick in verschiedene Lebensläufe, die exemplarisch für die Nachbarskinder, den Kollegen oder doch auch für die eigenen Weltanschauungen stehen könnten, gelingt es Werle, aufzuzeigen, wie manches Verhalten den eigentlich gewünschten Zielen eher kontraproduktiv gegenübersteht. Dabei schreibt er so nah am Geschehen und dennoch thematisch weit gefasst, dass man sich inmitten eines scheinbar unausweichlichen Perfektionierungsdrangs voller Absurditäten befindet.
Auf der Suche nach den Ursachen für diesen kulturellen Wandel finden sich Geschichten über erfolgreiche Talentwettbewerbsteilnehmer wie Paul Potts, die aufzeigen, dass – scheinbar - alles möglich ist in unserer „Multioptionsgesellschaft“. Natürlich ist Luxus mittlerweile für Jedermann „erschwinglich“ und im direkten Vergleich mit Nachbars Hab und Gut auch unerlässlich aufzurüsten. Welch ein Glück, dass es das Internet mit seinen sozialen Präsentationsflächen gibt, auf denen all das zur Schau gestellt werden kann.
Für Werle sind die Symptome daher offensichtlich und bilden den Hauptteil des – mit entsprechend innerer Distanz - durchaus amüsant zu lesenden Buches. Die stolzen Eltern erfolgreicher Babys, die wenig älter diverse Zertifikate und ehrenamtliche Würden sammeln, schaffen bereits die Basis durch fremdsprachliche Kindergärten und vorschulische Bildungseinrichtungen.
Trotz bester Vorbereitung scheitern diese Karrierewege jedoch bereits zu Beginn. Vorgesetzte wissen das Engagement und die Kompetenzen zwar zu nutzen, die Zahl der „perfekten“ und damit gleichen Bewerber für einen steilen Weg nach oben ist jedoch zu groß. Da hilft es auch nicht, den eigenen Körper zu tunen, selbst wenn Umfragen eine Kausalität von Karriere und Aussehen ergeben haben. Die Lifestyle-Industrie dankt es ihren Kunden dennoch.
Die, die nicht gleich ihren Körper optimieren wollen, können ihr Geld für ein gutes Gewissen investieren. Werle schreibt über Ökotouristen, Boykott von Produkten, die durch Kinderarbeit entstanden sind und die Entwicklung der Selbstbedienungskultur, die Unternehmen riesige Gewinne „erwirtschaften“ lässt. Schließlich sei auch die Angst vor der Rentenarmut, die Werle in Kombination mit gestiegenen Provisionen im Versicherungsgeschäft als Grund für die Verkaufserfolge der Riester-Rente anführt ein Indiz für die Kultur einer eigenen Verantwortung für die eigene Zukunft.
Beim Gedanken an die Zukunft ist schnell das Kapitel der Partnersuche erreicht. Natürlich suchmaschinenoptimiert im Internet. Natürlich, das kostet – aber wer sich selbst perfektioniert, sucht seinesgleichen – auch, wenn es scheinbar aussichtslos wird.
Das Leben im Optimum: „Die Hochzeit als Event der Selbstinszenierung, Fortpflanzung als Risikomanagement und pränatale Chancenmaximierung, der Tod als letzte Möglichkeit, sich per Spektakel unsterblich zu machen,“ fasst Werle die „ins Drastische gesteigerten Spielarten des Strebens nach Perfektion“ zusammen.
Wie gut, dass im letzten Teil des Buches Lösungsmöglichkeiten zum Umgang mit den perfektionistischen Paradoxien geboten werden. Folgerichtig ist der Gleichheit durch Individualität zu entkommen. Wer Sinnzusammenhänge gut kombiniert und sich nicht scheut, um die Ecke zu denken und neue, innovative Lösungen zu benennen, hat gute Chancen, gesehen zu werden.
Mit etwas Gelassenheit kann gut auch manchmal besser als perfekt sein.

Vom Buchrücken
Bessere Jobs, Attraktivere Körper, schlauere Kinder – der Wunsch nach dem perfekten Leben ist zum Credo des 21. Jahrhunders geworden. Aber bringt die permanente Optimierung wirklich die erhofften Vorteile? In diesem Augen öffnenden Buch entlarvt Klaus Werle einen der großen Irrtümer unserer Zeit. Und er zeigt, wer in Wahrheit vom Optimierungswahn profitiert: Boomende Bildungsanbieter wie Nachhilfeinstitute und Privatschulen etwa. Eine wuchernde Lebenshilfe-Industrie mit Ratgeberliteratur und Coaches für alle Gelegenheiten. Unternehmen, für die wir im Studium und Beruf das Letzte geben, sowie ganze Lifestyle-Branchen, die vom Wunsch nach dem Besonderen leben.
Der Einzelne dagegen droht sich in den Paradoxien der Perfektion zu verheddern: Weil er permanent seine Schwächen ausbügelt, kann er seine Stärken nicht ausspielen. Intelligent, topqualifiziert, gescheitert – so sehen viele Karrieren aus, noch ehe sie begonnen haben. Klaus Werle deckt die perfektionistischen Denkfehler auf und analysiert die Folgen für eine Gesellschaft, in der aus dem Drang zur Optimierung ein Zwang wird. Eine fällige Abrechnung.

Klaus Werle
Die Perfektionierer
Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2010
256 Seiten, Euro 19,90
ISBN: 978-359-3-39093-2
www.campus.de

Autor:

Michael Piegsa aus Essen-Süd

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