Alte Pinakothek München: „Utrecht, Caravaggio und Europa“
Ins Hell-Dunkel des Frühbarocks

"Die Wahrsagerin" von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio. Pressefoto: Alte Pinakothek München.
5Bilder
  • "Die Wahrsagerin" von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio. Pressefoto: Alte Pinakothek München.
  • hochgeladen von Caro Dai

In Münchens Alter Pinakothek erweist sich die Kunstausstellung „Utrecht, Caravaggio und Europa“ als Publikumsmagnet:

- bis aus NRW und verständlicherweise Holland reisen die Fans der „Caravaggisti“ an, auf den Spuren dieser zunächst niederländischen Adepten und eigenen Meister, deren Bilder in Nachfolge Caravaggios diese Spezial-Ausstellung zeigt, drei holländische Maler lernten bei Italienreise dessen neue Art der Lichtsetzung kennen, die sie weiter verbreiteten.

Literarische Zeitreise:

An einigen Samstagen (Termine unten) bietet sich dem anspruchsvollen Kunstfreund in München eine ebenfalls sehr erhellende, ungewöhnliche literarische Reise in die Zeit Caravaggios an, hier werden die kunsthistorisch berühmten Akzent-Setzungen in Licht und Schatten nicht mit geheimnisvoller Pinsel-Technik vorgenommen. Sondern mit der Macht des Wortes. Eine bessere Ergänzung von Ausstellung und Katalogen, Kunstbüchern ist kaum denkbar:

Die Schauspielerin und Autorin Jovita Dermota liest ihr engagiertes Programm „WORT-BILDER / SCHLAGSCHATTEN – Die Zeit um Caravaggio“, von ihr zusammengestellt aus Zeitstimmen um 1600 an Samstagnachmittagen jeweils um 15 Uhr in der Alten Pinakothek München vor interessierten Ausstellungsbesuchern.

Text-Schätze gehoben:

Mit sicherem Gespür auch für die Dramaturgie des Vortrags und – wie immer bei ihr dezent verwoben mit ihrem großem Kenntnisreichtum aller Kunstformen von Malerei, Literatur bis zur Musik und den darstellenden Künsten, ihrem eigentlichen „Fach“ - gelingt es Jovita Dermota, die von ihr pointiert gehobenen zeitgenössischen Text-Schätze des Caravaggio-Zeitalters mit großer Intensität gegenüberzustellen. Eine spannende Reise mitten hinein in diese ferne Zeit, als der nach seinem Herkunftsort Caravaggio benannte Maler Michelangelo Merisi mit seinem Realismus und dem berühmten Helldunkel („Chiaroscuro“) seiner revolutionären Kontraste (und Themen) nicht nur nach seinem Tod in Utrecht, sondern in der Folge europaweit Maler nachhaltig beinflusste.

Rom am Tage und bei Nacht:

Dermota definiert die Zeit Caravaggios beginnend mit Texten von Michel de Montaigne, dem französischen Philosophen und Juristen, der 1580/81 eine zeitlang in Rom lebte: Er schreibt von einem sehr unsicheren und korrupten Ort, in dem man besser nachts nicht auf die Straße geht und sein Geld besser bei einer Bank deponiert, will man nicht ausgeraubt werden. Ganz andere Annäherung geschieht durch Gedichte, durch Texte von Sauf- und Tanzliedern aus der Feder von Gianbattista Marino, Freund und Kumpan Caravaggios.

"Freue dich!"

Auch der uns heute wohl bekannte, ebenfalls epochal wirkende Komponist Claudio Antonio Monteverdi oder etwa die Schauspielerin und Schriftstellerin Isabella Andreini kommen bei Dermota nach über vier Jahrhunderten zu Wort, werden zitiert: Andreini mit einem herrlich feministischen Brief an einen frischgebackenen (und darüber sehr unglücklichen) Vater einer Tochter. Sie erklärte in unglaublich modern wirkenden Worten und Haltungen, warum er sich vielmehr besonders über die Geburt eines weiblichen Nachwuchses hätte freuen sollen. Aktuell wie die Caravaggisten-Bilder.

Ketzertod vor Augen:

Alles entstanden vor langer Zeit, Jovita Dermota beleuchtet die gesellschaftliche Situation jener Dekaden mit ebenso grellen wie dunklen, immer aber detailliert prononcierten Worten, setzt Licht und Dunkel nach dem Vorbild der Caravaggisti mit Zeugnissen insgesamt neun, auch prominenter Zeitgenossen. So macht auch die Beschreibung der Situation Galileo Galileis, der - von der Inquisition mit dem Ketzer-Tod auf dem Scheiterhaufen bedroht - „widerruft“, diese Umbruchszeit in ihren konkreten und lebensgefährlichen Zwängen teils brutal lebendig.

Kurz aber heftig:

Caravaggio, geboren 1571 in Mailand, aufgewachsen in der nahen Gemeinde, die ihm den Namen gab, wirkend vorwiegend in Rom, jung gestorben 1610 in Porto Ercole, wählte seine Themen und Modelle neben der Religion auch schon mal aus der Schattenwelt, ja aus dem Rotlichtmilieu seiner Zeit. Huren beiderlei Geschlechts, Trinker, Kleinkriminelle, mit denen er „abhing“, sich schlug und Liebschaften pflegte. So wird in seinen Bildern zum Beispiel ein Knabe von einer Eidechse gebissen...Oder eine schöne junge Wahrsagerin streichelt liebevoll die Hand eines Freiers und zieht ihm gleichzeitig den güldenen Ring vom Finger. Komplizenschaft, Betrug, Mord- und Totschlags-Anklage. Caravaggios Flucht aus Rom, wie er verarmt und krank mit erst 38 Jahren „am Ende der Welt“ in Porto Ercole verstirbt.

Aufträge vom Vatikan:

Seine Gönner, die ihn und sein außergewöhnliches malerisches Genie lange schützten und ihn mit Aufträgen von Kundschaft bis in den Vatikan hinein versorgten, darunter Kardinäle und Bankiers aus den berühmten Patrizierfamilien jener Zeit, konnten nichts mehr für ihn tun. Man weiß nicht viel über das Leben des fernen und uns durch die Bilder doch so nahen Genies, kann sich ihm nur über seine Werke – oder ergänzend durch Dermotas Schlaglichter - nähern und Rückschlüsse aus wenigen offiziellen Dokumenten, wie der Totschlags-Anklage, ziehen.

Licht ins Dunkel einer fernen Zeit:

Mit ihren sorgfältig ausgewählten Text-Stellen öffnet Jovita Dermota dem Zeitgeist jener Tage viele Türen und Fenster, hält in viele Schattenbereiche das Kerzenlicht hinein. Und öffnet auch unsere Augen noch ein bisschen mehr für die Bilder des berühmten „Influencers“ Caravaggio, seiner Zeitgenossen und seiner künstlerischen Erben in den folgenden Jahrhunderten. Ihre Methode ist ein Muster-Beispiel für Vortrags-Einführung in Kunst-Ausstellungen, wie sie tiefer und nachhaltiger als staubtrockenes Zahlen- und Kunst-Kategorien-Aufzählen üblicher Vorträge einem interessierten Publikum Zugang vermitteln kann. Kein Wunder, dass sich die Macher am folgenden Ausstellungsort Wien (wo J.D. als Tochter des großen Mozart-Tenors Anton Dermota von Kindesbeinen an den Weg zu den Künsten aller Sparten erarbeiten konnte) vom Fleck weg dieses kostbare Begleit-Solo für mehrere Termine gesichert haben.

In der Alten Pinakothek München signiert Dermota auch eine CD-Audio-Version ihres Vortrags. Anders als im Live-Vortrag ist auf der CD der international renommierte Cello-Solist Klaus Kämper ein kongenial die Texte kontrapunktisch oder illustrierend begleitender Partner Dermotas.

Viel Applaus für Jovita Dermota und ihre Zeitreise in die Schlag-schatten-Welt von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio. (cd / fjs).

Termine / Biographisches:

Jovita Dermota hält ihren Vortrag „WORT-BILDER – SCHLAGSCHATTEN – Die Zeit um Caravaggio“ an folgenden Samstagen jeweils um 15 Uhr: 18. Mai, 8. Juni und am 6. Juli 2019, später in Wien.

Zur Biographie: Ausbildung am Max Reinhardt Seminar Wien. Engagements an den Münchner Kammerspielen, Schauspielhaus Zürich, Residenztheater München, auch Rollen im deutschen Fernsehen. Entwicklung und Präsentation von Solo-Programmen im deutschsprachigen Raum u.a. zu Clara Schumann, Ingeborg Bachmann, Djuna Barnes, Franz Kafka, Ernst Krenek, Virginia Woolfe, Berthold Brecht, Oskar Kokoschka, Gustav Klimt, Richard Strauss, Martin Luther, Caravaggio ... Oft auch zusammen mit Lese- und musikalischen Partnern.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen