Unter der 224: Exkursion in die Kanalröhre

Foto: Ulrich Bangert
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Eitel darf man nicht sein, wenn man neugierig ist und gerne im wahrsten Sinne des Wortes in die Tiefen der Kanalbaustelle in Werden vordringen möchte: Also rein in den weißen unvorteilhaft geschnittenen Schutzanzug, Helm auf und schmutzige Handschuhe übergezogen ...

Das kennen Sie doch auch: Sie kommen an Baustellen vorbei und sehen nur die Absperrungen und ein Loch. Sofort glauben Sie, dass da gar nicht gearbeitet wird. Dirk Pomplun, Sprecher der Stadtwerke, beruhigt dann immer: „Die Mitarbeiter sind unter der Erde beschäftigt. Natürlich wird da gearbeitet.“
Ähnlich „ruhig“ ist es auch an der Werdener Großbaustelle geworden. Seitdem die großen Rohre verlegt sind, türmt sich weder Material an der Oberfläche, noch dreht sich der Bagger. Zeit also für den Werden Kurier mal hinter die mit blauem Sichtschutz versteckte Baugrube an der ehemaligen Bushaltestelle zu schauen - und um mit einem Augenzwinkern zu kontrollieren, ob Dirk Pomplun mit seiner Behauptung Recht hat.
Auf den ersten Blick kann ich jedenfalls niemanden erblicken, als ich mit meinen beiden Baustellenführern über die Behelfstreppe in die 8,5 Meter tiefe Baugrube steige - und schon jetzt bin ich froh, dass ich die Handschuhe trage. Und da sind sie, die beiden mächtigen Rohre, die in Werden für so viel Wirbel sorgten. Ganz bequem gehen wir über zwei Stufen in das größere Kanalrohr. Es hat einen Durchmesser von zwei Metern. Da können wir nicht nur aufrecht durchlaufen, ich kann mir auch vorstellen, dass hier das gesamte Abwasser aus Werden, Fischlaken und Heidhausen durchfließen kann. Wir laufen unterhalb der Abteistraße und die Röhre macht genau den gleichen leichten Knick wie die Straße.

Hier unten bekommt man schnell ein Gefühl für diese Präzisionarbeit. „Klar, macht das eine Maschine“, erklärt mir Baustellenleiter Andreas Theisen. „Aber die muss ja auch bedient werden.“ In der Tat ist das Bohrgerät „bemannt“. „Nur so können wir sofort reagieren, wenn wir auf härteres oder weicheres Material stoßen.“ Auch für etwaige Wassereinbrüche wird bei diesem Vortriebverfahren unter der Erde mit Druckkammern vorgesorgt. „Denn machen wir uns nichts vor, solche Arbeiten unter der Erde sind immer ein Risiko, das Erdreich kann nachgeben. Und hier arbeiten wir ja an einer sensiblen Stelle mit Wohnbebauung und Straßenverkehr, der direkt über die Baustelle rollt.“
So etwas möchte man nicht hören, wenn man sich gerade genau dort befindet. Aber Theisen gibt sofort Entwarnung: „Jetzt ist das überstanden, es kann wirklich nichts mehr passieren.“
Unser Weg endet einige Meter vor dem hellen Licht am anderen Ende des Kanals. Eine Maschine steht im Weg und Werner Nau erklärt sofort, was es damit auf sich hat: „Hier arbeiten wir auch wieder in einer Art Vortriebsverfahren. Wir übernehmen ja auch alle Hausanschlüsse an dieses Rohr. Wir bohren von innen nach außen. Oben brauchen wir dann nur noch eine kleine Baugrube.“ Und auch das ist gar nicht so einfach, weicht man ein bisschen ab und trifft nicht auf die bestehenden Leitungen, muss man von vorne ansetzen.
Doch bis jetzt hat diese Baustelle keinerlei Probleme gemacht. Es gab überhaupt keine Störungen und der Vortrieb war enorm schnell: „Wir haben bis zu 15 Meter am Tag geschafft“, ist Nau stolz. Er dreht sich um und fügt ebenso stolz hinzu: Und die Rohre liegen perfekt, dass kann man an dem Wasserlauf sehen. Der ist ganz gerade und gleichmäßig.“
In der Tat sind wir die ganze Zeit durch Wasser gelaufen, aber kaum merkbar, vielleicht zwei Millimeter hoch. Doch als wir hinter der Bohrmaschine eindeutiges Plätschern, vernehmen, schießt einem gleich die Frage durch den Kopf: In was stehe ich hier gerade? Die Erklärung des Bauleiters verstärkt zunächst die Vermutung: „Einige Hausanschlüsse haben wir schon in Betrieb nehmen können.“ Aber die Entwarnung folgt sogleich: „Das hier ist nur Schwitzwasser.“
Aber was ist schon eine Exkursion mit den Stadtwerken ohne Abwasser und nennen wir es beim Namen: Fäkalien? Die konnten wir in dem mit 1,60 Meter etwas kleineren Rohr, das unter der Heckstraße verlegt wurde, nicht nur riechen...

Denn während die Arbeiter an der Abteistraße einen Hausanschluss nach dem anderen - und entgegen des Gefälles - herstellen, musste an der Heckstraße schon an der höchstgelegenen Stelle Abwasser eingeleitet werden. „An der Brückstraße sind wir mit dem neuen Rohr unterhalb des alten. Dass Abwasser fließt also noch wie gewohnt. Das ging an der Heckstraße leider nicht überall.“ Eine Sperrscheibe sorgt nun dafür, dass die Arbeiter trockenen Fußes agieren können.

Apropos Arbeiter? Wieviele sind gerade bei der Baumaßnahme beschäftigt? „Heute sind wir zu fünft.“ Das klingt nach Unterbesetzung, ist aber nicht so: „Wir haben jetzt ungefähr 40 bis maximal 50 Prozent der Maßnahme erfolgreich hinter uns gebracht. Was uns wirklich aufhält, sind die Hausanschlüsse. Für einen brauchen wir ungefähr eine Woche und wir können die nur nacheinander abarbeiten. Das dauert halt.“ Da hilft auch nicht mehr Personal. Schneller wäre die ganze Maßnahme nur in der offenen Bauweise gegangen, „doch dann hätten wir die 224 stilllegen müssen.“ Und das ist wirklich keine Alternative, denke ich noch, als ich genau dort nach meiner Besichtigung ohne Helm und Overall im Auto entlang fahre ...
Die Fotos machte Kurier-Fotograf Ulrich Bangert

Autor:

Melanie Berg aus Essen-Süd

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