Leben und Werk des Arbeiterdichter Richard Limpert als Lesebuch von Karl-Heinz Gajewsky
Arbeiter wie ihn gibt es nicht mehr

So wie Karl-Heinz Rabas (r.) einst mit Richard Limpert im Ruhrmuseum in der dortigen Ausstellung einer Bergmannsküche saß... Foto: Stadtteilarchiv Rotthausen
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  • So wie Karl-Heinz Rabas (r.) einst mit Richard Limpert im Ruhrmuseum in der dortigen Ausstellung einer Bergmannsküche saß... Foto: Stadtteilarchiv Rotthausen
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"Arbeiter in dem früheren Sinne, wie Richard Limpert sich verstand, gibt es nicht mehr. Die Arbeitswelt hat sich gewandelt, aber auch die Gesellschaft", sagt der Gelsenkirchener Musiker, Literat und Fotograf Karl-Heinz Gajewsky, der Band 83 von Nylands "Kleine Westfälische Bibliothek" zusammengestellt hat als Lesebuch über den Arbeiterdichter Richard Limpert aus Gelsenkirchen.

Vor beinahe 40 Jahren vertonte Gajewsky gemeinsam mit Norbert Labatzki als "Duo Zündholz" Texte von Richard Limpert, wobei dieser tatkräftig beteiligt war. Sogar in der damals noch im Betrieb befindlichen Kokerei der Zeche Zollverein brachte das Duo für einen Beitrag des WDR-Fernsehens die Songs zu Gehör.
„Ich wollte die Erinnerung an Menschen wie Ilse Kibgis (über diese hat Karl-Heinz Gajewsky vor zwei Jahren ein Lesebuch zusammengestellt) und Richard Limpert erhalten“, erklärt der Gelsenkirchener, der von Prof. Dr. Walter Gödden, dem Leiter des westfälischen Literaturmuseums Haus Nottbeck gebeten wurde, das Lesebuch zusammenzustellen. Als echtem Zeitzeugen und Freund des hier Bedachten gelingt ihm dieses Vorhaben umso besser, denn „ich habe mit Richard bis zu seinem Tod 1991 zusammengearbeitet.“
So begleitete das Duo Zündholz den Arbeiterdichter, der nach seinen Erlebnissen unter der Naziherrschaft während des zweiten Weltkrieges und der Kriegsgefangenschaft in Russland zum Friedensaktivisten wurde, im Rahmen der Friedensbewegung durch die ganze Republik. Sogar in die ehemalige Sowjetunion wurden die Musiker eingeladen, um Limperts Werken eine Stimme zu geben.
„Die Reise führte uns über die großen Städte wie Leningrad, wie es damals noch hieß, und Moskau auch in das sibirische Ruhrgebiet. Mitten auf dem Roten Platz in Moskau haben wir damals übrigens auch Klaus-Peter Wolf getroffen, den wir aus der literarischen Werkstatt in Gelsenkirchen kannten“, erinnert sich Karl-Heinz Gajewsky. In einem Werk des gebürtigen Gelsenkirchener Autors fand sich dann auch das Duo Zündholz wieder.
Die Freundschaft zu Limpert reichte so weit, dass Gajewsky und Labatzki auf dessen Trauerfeier sein „Spreche. Rede. Rufe. Schreie“ zum Besten gaben. „Gestorben ist Richard übrigens in seinem Campingwagen, der in Essen stand, an einem Herzinfarkt“, erzählt Gajewsky.
Der Gelsenkirchener Musiker, Literat und Fotograf verehrte den Arbeiterdichter, weil diesem gelang, was seinem eigenen Vater versagt blieb: Er ließ sich durch das dritte Reich mit Judenverfolgung, Krieg und Kriegsgefangenschaft nicht zerbrechen. „Mein Herz schlug immer für Richard Limpert, weil ich ihn auch mit meinem Vater verglich. Er war drei Jahre jünger als mein Vater, bekam hier ebenfalls keine Ausbildungsstelle und wanderte dazu ins Sauerland ab. Später waren beide im Arbeitsdienst, dann im Kriegsdienst und später in russischer Gefangenschaft. Meinem Vater hat das die Sprache verschlagen. Er sprach nicht über das Erlebte. Da war Richard ganz anders, er hat sich seine psychische und physische Kraft erhalten. Er lernte durch Flugblätter der russischen Armee in Deutschland verbotene Dichter wie Brecht kennen und blickte hinter die Dinge. Er hat mal gesagt, ‚die Russen hatten auch nichts zu fressen, aber sie haben versucht, was sie hatten, mit uns zu teilen.‘ Und er nahm für sich mit, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die sich menschlich geben. Darum schloss er sich der Friedensbewegung an.“
So kam Limpert zur Dortmunder Gruppe 61, der auch Günter Wallraff und Max von der Grün angehörten. Er beteiligte sich an den Ostermärschen, beteiligte sich an der literarischen Werkstatt Gelsenkirchen und war Mitbegründer des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt. Und dort lernten die Musiker des Duo Zündholz die Arbeiterdichter kennen.
„Der Marktplatz in Horst-Süd wurde kürzlich umbenannt und heißt nun Ilse Kibgis-Platz, vielleicht hat ja mein Lesebuch ein wenig dazu beigetragen, dass das möglich wurde. Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn in Rotthausen einmal eine kleine Straße nach Richard Limpert benannt würde, der hier den Großteil seines Lebens verbracht hat“, wünscht sich Karl-Heinz-Gajewsky.

Ein Limpert-Abend in Rotthausen

Inmitten von historischen Erinnerungsstücken der Bergbausammlung Rotthausen, Belforter Straße 20, findet am Donnerstag, 28. November, um 19 Uhr eine Lesung aus dem „Lesebuch Richard Limpert“ von Karl-Heinz Gajewsky statt. Die im Buch enthaltenen Selbstauskünfte Limperts werden von Peter Rose, Kulturdezernent a.D., gelesen und die Gedichte rezitiert Volker W. Degener.
Es wird Filmmaterial vorgeführt, die Bergbausammlung Rotthausen zeigt eine Ausstellung mit Bildern, Postkarten Limperts aus der Kriegsgefangenschaft und stellt Limperts hier archivierte Werke vor. Die Buchhandlung Junius ist mit einem Büchertisch vor Ort. 
Das Lesebuch Richard Limpert zusammengestellt von Karl-Heinz Gajewsky erscheint im Aisthesis Verlag, als Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 83 herausgegeben von Walter Gödden. Die ISBN lautet 978-3-8498-1388-8. Es kostet 8,50 Euro.

Eine Kostprobe von Richard Limpert

"An meine jungen Freunde
Verrenke die Arme und die Haxen, wer möchte - läßt‘n Schnurrbart wachsen.Dixie, Folk- und Beat-Band-Weisen, mit dem Jugendckub verreisen ist besser als der Marsch von gestern, auch wenn die Zuchtapostel lästern.Laßt sie keifen, laßt sie schnaufen, laßt Euch nicht für dumm verkaufen.Greift verwegen nach den Sternen, lernen, lernen, nomals lernen.Schaut nach Süden, schaut nach Nord, wer verdient am Völkermord?Wir waren zäh, flink und hart, das endete bei Stalingrad.Greift zur Kelle, nicht zum Messer und seid helle - macht es besser." Richard Limpert

So wie Karl-Heinz Rabas (r.) einst mit Richard Limpert im Ruhrmuseum in der dortigen Ausstellung einer Bergmannsküche saß... Foto: Stadtteilarchiv Rotthausen
...sitzt Rabas heute mit Karl-Heinz Gajewsky (rechts) und den Lesebüchern über Ilse Kibgis und eben den Richard Limpert vom anderen Foto in der Küche der Bergbausstellung Rotthausen. Foto: Gerd Kaemper
Autor:

silke sobotta aus Gelsenkirchen

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