Die Überfahrt ...

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Überfahrt

Geschäftiges Treiben am Hafen. Kreischende Winden. Hydraulikpressen stoßen hämmernd Spundwände in ein neues Becken. Schwere Bulldozer und Traktoren werden von jungen Arbeitern laut und spektakulär bewegt, sie agieren wie Schauspieler auf großer Bühne. Zuschauer finden sich immer hier ein. Warten wird zur Unterhaltung, und gewartet wird im Hafen immer. Das Festland – der Wall – löst sich hier auf. Die See liegt vor mir. Endlich wieder. Nicht einmal zwei Stunden dauert die Überfahrt zur Insel, je nach Wetterlage.

Wir legen ab. Die Hafenanlagen sind schnell durchfahren. Häuser und Kräne schrumpfen zu einer schmalen Silhouette, über der, wie gemalt, einige weiße Wolken hängen. Da es früh ist und hinter ihnen Osten liegt, werden ihre
weichen Konturen noch von einem schimmernden Rosa umspielt. Leicht schlingert das Boot, wenn Strömungen an ihm ziehen oder kleine harmlose Wellen es seitlich ankabbeln. Ein angenehmes Gefühl, so als wäre das Boot ein lebendes Wesen, das mich geduldig trägt.

Die Sonne steht hoch und stechend in südwestlicher Richtung. So bleibe ich an Deck, sauge mit halbgeschlossenen Augen den Anblick von Himmel, Horizont und Wasser in mir auf. Später lasse ich, durch geschlossene Augenlider gedämmt, ihre Helligkeit in mich fließen. Ein blaugerändertes Orange wird durch die Netzhaut in mir sichtbar gemacht. Ein helles, flimmerndes Orange mit komplementärem Blau. Die Wärme der Sonne gleitet über meine ungeschützte Haut – hüllt mich ein, durchdringt mich angenehm.

Noch sind wir im ruhigen Wasser des Wattenmeers. Muschelfänger mit seitlich gehievtem Netzwerk begegnen uns. Wie übergroße, urzeitliche Libellen schweben sie an uns vorüber. Von schnelleren Segel- und Motorbooten werden wir überholt. Ein Kutter mit tabakbraunen Segeln schiebt sich behäbig längs – junge Leute auf Urlaubstörn winken uns zu. Ständig ziehen neue Bilder an uns vorbei, wie Kulissen, von Geisterhand bewegt. Nicht leicht auszumachen, ob sie sich bewegen oder wir uns.

Unmerklich und mit ständigen Windungen führt die von Bojen gesäumte Fahrrinne ins freie Wasser der Nordsee. Strömung und Wellen stoßen jetzt kräftiger zu. Bei rauem Wetter oder im Winter könnte es jetzt unangenehm werden. Das Boot kann sich aufbäumen, ins Rollen kommen oder bockend auf hohe Wellenkämme stoßen, die auch schon fingerdicke Scheiben zersplittert haben.

Aber heute sind Wasser und Wind friedlich, spielen nur übermütig etwas mit dem Boot, das noch mehrmals den Kurs wechseln muss, um den Sandbänken auszuweichen, die nur am helleren Wasser oder den Bojen zu erkennen sind. So wird die längst in Sichtweite liegende Insel fast ganz umfahren, ehe wir in den kleinen Hafen einlaufen.

Hier werden wir von winkenden Menschen empfangen, die unsere Ankunft als willkommene Unterbrechung der Inselruhe erleben. Möwen hängen wartend in der Luft – lauernd auf jeden Bissen, den sie fliegend erhaschen könnten. Ein leichter Stoß, ein kurzes Auf und Ab, und wir sind sicher an den Pollern vertäut; können an Land.

Ein Zucken, wie es sich kurz vor dem Einschlafen einstellen kann, schreckt mich auf. Mein Arm war von der harten Lehne des Deckchairs gerutscht, der auf den warmen Holzplanken meiner Gartenterrasse steht. Gleichzeitig ruft eine
mir vertraute Stimme meinen Namen – und weiter: „Soll ich mal Kaffee machen?“

Aus meinem Buch „Das Flüstern der Steine“.
Mehr Infos dazu: "hier klicken"

© Fotos und Text: G. Lambert, 2012

Autor:

Gottfried (Mac) Lambert aus Goch

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