„Wald statt Medikamente? Das wäre zu einfach!“

Der Moderator Bernd Overwien und die Referenten des 2. Haard-Dialogs: Sebastian Doerk, Maik Hansmann, Dr. Rüdiger Haas und Konrad Staschenuk. Bild: LWL/Seifert
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  • Der Moderator Bernd Overwien und die Referenten des 2. Haard-Dialogs: Sebastian Doerk, Maik Hansmann, Dr. Rüdiger Haas und Konrad Staschenuk. Bild: LWL/Seifert
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 „Kinder nicht krank reden“ - Experten der LWL-Haardklinik zum Thema ADHS

Haltern/Marl. Mit ihrer neuen Veranstaltungsreihe „Haard-Dialog“ hat die LWL-Klinik Marl-Sinsen ganz offensichtlich einen Nerv getroffen – bei vielen Eltern, Großeltern sowie anderen Verwandten oder Interessierten. Denn auch zum zweiten Haard-Dialog sorgten vergangene Woche zahlreiche Besucher für einen gut gefüllten Festsaal in der Marler Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Wieder moderiert vom Medizinjournalisten Bernd Overwien lautete das Thema diesmal: „Abenteuer Kindheit. Wie viel Zappeln ist erlaubt? Warum Pillen nicht immer helfen“.

Mit einem Vorurteil räumte Dr. Rüdiger Haas von der LWL-Klinik Marl-Sinsen gleicht zu Beginn seines Vortrags auf: ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) ist keinesfalls eine Erscheinung der Neuzeit, betonte er. Bereits in den 1930er Jahren seien Fälle von ADHS diagnostiziert worden. Diese Diagnose zu stellen sei damals wie heute extrem schwierig, so der Ärztliche Direktor der LWL-Haardklinik weiter. Längst nicht jedes Kind, das sich schlecht konzentrieren könne, leide an dieser Erkrankung.Da es sich bei ADHS um eine Hirnreifeverzögerung handele, sei es durchaus möglich, dass die Erkrankung sich mit der Pubertät „auswachse“. „Medikamente sind nicht das Mittel meiner ersten Wahl“, berichtete der Kinder- und Jugendpsychiater aus seiner Praxis, „aber manchmal ist der psychische Druck für die Kinder so groß, dass es nicht ohne geht.“ So berichtete Haas von einem sechsjährigen Patienten, für den das erste Schuljahr bereits nach drei Tagen zu Ende war. Seine Lehrer hielten Jannis (Name geändert) aufgrund seines ADHS für schulunfähig. „Hier haben wir medikamentös eingegriffen und dem Jungen so einen Schulbesuch ermöglicht“, so Haas. Und weiter, „Durch diese Medikamentengabe gelingt es Jannis jetzt, sich besser zu konzentrieren. Wichtig ist, dass wir durch diese Maßnahme ein Therapiefenster für Jannis öffnen, in dem wir mit ihm Techniken erarbeiten können, die ihm den Umgang mit seiner Erkrankung erleichtern.“ Das könne zur Folge haben, dass sich die Einnahme des Medikaments für Jannis auf Dauer erübrige.
Welchen positiven Einfluss der umgebende Wald und der Klettergarten im Klinikgelände auf junge Patienten mit ADHS haben, darüber sprachen die Waldpädagogen Konrad Staschenuk und Maik Hansmann sowie der Klettertrainer Sebastian Doerk in ihren praxisnahen Vorträgen.
„Der Wald ist ein ideales Umfeld , um Entschleunigung, Konzentrationsfähigkeit und planmäßiges Handeln zu trainieren“, so Konrad Staschenuk. Wer einen Goldlaufkäfer bei seinem geschäftigen Treiben beobachte oder gemeinsam mit anderen Kindern eine Waldhütte baue, der übe Konzentration, zielgerichtetes Handeln und gemeinschaftliche Aktivitäten fast von alleine ein. „Viele Kinder mit ADHS haben das Gefühl, alles falsch zu machen und überall anzuecken“, erzählte Maik Hansmann aus seiner Praxis als Waldpädagoge, „der Wald bietet ihnen die Möglichkeit, sowohl durch Innehalten als auch durch Bewegung neue Fertigkeiten zu erlernen und neue Interessen zu entwickeln.“ Das stärke auch ihr Selbstwertgefühl.

„Viele Kinder mit ADHS haben das Gefühl, alles falsch zu machen und überall anzuecken."

Dass man in luftiger Höhe ebenfalls sein Selbstwertgefühl stärken und an der eigenen Konzentrationsfähigkeit arbeiten kann, zeigte Sebastian Doerk anhand vieler Beispiele aus dem Klettergarten. „Im Rahmen des Kletterns sichern die Teilnehmer sich gegenseitig mit Seilen und geben sich Tipps beim Überwinden von Hindernissen auf dem Kletterparcours“, berichtete der Klettertrainer, „durch diese Aufgabe übernehmen die Kinder und Jugendlichen Verantwortung und lernen auch Vertrauen zu anderen aufzubauen. Wer klettert, muss sich genau auf sein Handeln konzentrieren und immer den nächsten Schritt planen.“ Wenn das alles gut gelinge, sei das für viele junge Patienten eine neue und sehr wertvolle Erfahrung.Nach den Vorträgen machten die Gäste regen Gebrauch von der Möglichkeit, Fragen an die Referenten zu stellen um sich Anregungen für den eigenen Lebensalltag mit Betroffenen zu holen. Abschließend entflammte eine kurze Diskussion über das Für und Wider von Medikamenten. Hier bezog Dr. Rüdiger Haas ganz klar Stellung: „Es kann kein ‚Entweder-=Oder‘ geben. Wer sagt: „Wald statt Medikamente reicht“ der irrt. Es gilt immer, den Einzelfall zu betrachten und verschiedene Ansätze zu kombinieren. Wichtig ist, dass wir unruhige Kinder nicht per se „krank reden“, sondern sie in ihrer Entwicklung fördern und kompetente Hilfe suchen, wenn wir unsicher sind.“

Der nächste Haard-Dialog findet am 27. Februar 2018 statt und behandelt das Thema Essstörungen.

Der Moderator Bernd Overwien und die Referenten des 2. Haard-Dialogs: Sebastian Doerk, Maik Hansmann, Dr. Rüdiger Haas und Konrad Staschenuk. Bild: LWL/Seifert
BU2: Diskutierte mit den Teilnehmern: Dr. Rüdiger Haas. Bild: LWL/Seifert

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