mœrs festival: „Zählt zu den größten und wichtigsten Jazz-Festivals weltweit“
mœrs festival: Der Live-Stream 2021 mit 38 Konzerten - Zweiter Teil

Matt Mottel und Hubert Zemler bei den mœrs sessions | Foto: Miriam Juschkat / mœrs festival
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  • Matt Mottel und Hubert Zemler bei den mœrs sessions
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Teil 2:

Die Übertragung des Streams fand auf einem hohen technischen Niveau statt und wurde vor, während und nach den Konzerten mit etlichen Beigaben bereichert. Im „Studio Entezami“ interviewte Lena Entezami ihre Gäste am und im Pool des Solimare, via der Greenscreen-Technik wurden Figuren und Szenarien in die Übertragungen eingesetzt und überdimensionierte Tiere, die man sonst aus dunklen Kellerräumen kennt, krochen Frau-gesteuert durch die Festivalhalle und im Park. Das Buch und der Film „Fahrenheit 451“ begleitete mit vertonten Sequenzen und Einspielungen die vier Tage und ein R4, bekannt aus dem diesjährigen Festivalplakat, semmelte als detailgetreue, aufblasbare Variante in Originalgröße über die Wiese am Rodelberg. Die Diskussionsrunden diverser Protagonisten erörterten Themen der Gesellschaft und der Musik aus den 50 Jahren der Festivalzeit. Dem Team der Planung und Übertragung gilt der besondere Dank für etwa 2250 Minuten Live-Übertragung in hoher visueller und auditiver Qualität!

Immer wieder ereignen sich während des Festivals unerwartete und unvorhersehbare Momente. Als John Scofield musizierte, kamen unerhörte Klänge aus dem Park näher. Schließlich konnte man das Pianomobil und ein weiteres Elektrowägelchen ausmachen, die die Steigung zum Rodelberg langsam hochfuhren. Es wurde aber nicht das Piano bespielt, auf den Pritschen saßen die Freunde aus Addis Abeba, die Formation „Fendika“. Sie trommelten und sangen so euphorisch und laut, dass Scofields filigrane Gitarre annährend zwei Minuten nicht zu hören war. Alle Zuschauer drehten sich zu der Umzäunung um und lachten.

Das war beeindruckend. Da stellte sich der 81-jährige Joe McPhee an einem kalten Maiabend auf die Bühne am Fuß des Rodelbergs und begann den Gig mit einer Hommage an John Coltrane. McPhee stieg in den USA in ein Flugzeug um in Moers mit dem britischen Improvisations-Trio Decoy (John Edwards, Alexander Hawkins, Hamid Drake) eines der ersten wieder erlaubten Konzerte zu spielen. Das ist Moers in Deutschland in Europa auf dem Planeten Erde im Zeitalter der Pandemie. Der alte Mann am Tenorsaxophon ehrte Coltrane mit einem Sprechgesang, blies auf dem Horn, groovte, sang, gab alles und schien mit sich und seinem Leben im Reinen. Er hatte die schlimmen, rassistischen Jahre mitgemacht, er war mit dabei, als eine große Musikergeneration aufstand, schaute erst auf die „Großen“, dann gehört er zu den „Großen“, später lernt er die Jungen an. So soll es sein und so folgt Generation auf Generation. Die übernächste Generation sind in der Reihe „mœrsterclass“ zu hören, hier präsentieren Nachwuchskomponisten im Teenageralter ihre Ideen und lassen sie von Profis vertonen. Zu der übernächsten Generation gehören ebenso die vielen jungen Volunteers, die während des Konzerts am Rodelberg und in der Festivalhalle herum wuseln und sich mit großem Engagement einbringen. Sie sind die Zukunft, die wir, als Erwachsene, für sie gestalten müssen, damit diese eine Zukunft haben werden. Oder formen diese jungen Menschen schon mit an ihrem Leben in 20 Jahren? War es nicht wunderbar, Rike auf der Bühne stehen zu sehen, wie sie die nächste Band ansagte? Und Schwierigkeiten bekam, da sie die ihr unbekannten, frankophonen Namen nicht korrekt aussprechen konnte? Schließlich sagte sie zweimal „I don’t know“ – und gab nicht auf, bis sie auch den letzten Künstler angekündigt hatte. Das ist die Einstellung vieler junger Leute. Es gibt ein Problem? Packen wir es an, hartnäckig, wir bleiben am Ball. Ihr „Alten“ wollt uns „Jungen“ nicht zuhören, nicht ernst nehmen? Wir streiken.

Das ist die Jugend. Es geht um Radikalität. Doch Radikalität bedeutet: Veränderung, und zwar in kurzer Zeit, das gefällt vielen nicht. Doch das Klima wartet nicht auf jahrelange Verhandlungsergebnisse. Wir „Alten“ wuchsen auf, da spielte das Wetter noch nicht verrückt, das Klima war gemäßigt. Die Jungen bemerken die Wetterphänomene, registrieren, dass das Klima sich extrem schnell verändert. Ein Status Quo ist nicht hinnehmbar. Sie streiken.

Musik in Moers war oft radikal und oft „space“-ig. Moers sendet ab sofort nicht mehr nur musikalische Grüße rund um den Globus, sondern auch Wort-Botschaften. Es gilt, die Zukunft jedes Individuums so zu erschaffen, dass sie für alle lebenswert ist, Flora und Fauna inklusive. Jeder bestimmt seine Zukunft selbst und individuell – und wird nicht fremdbestimmt von global tätigen Mega-Unternehmen, die eine Meinung vorgeben, einen Geschmack, eine Kultur. Im Hier-und-jetzt entscheidet es sich: Trotz, Krawall, Fügsamkeit oder die kluge Perspektive? Die 1968er-Generation entschied sich zum Trotz, zum Krawall gegen die Obrigkeit und dies mag auch zur Gründung des Festivals 1972 beigetragen haben. 50 Jahre später hat Moers im Auftrag der zukünftigen Gesellschaft eine weitere Mission. Die Existenz in der Zukunft wird nicht bestimmt in Euro, Dollar, Yen oder Renminbi. Die neue Währung heißt ausreichendes und sauberes Wasser, saubere Luft zum Atmen, ökologisch hergestellte Nahrungsmittel für alle und eine Verständigung unter den Völkern. Die Jungen setzen einen Lebensstandard und Moers verbreitet die kluge Perspektive. Ein Blick zurück im Jahr 2040 wird zeigen, dass die systemrelevante Kultur der Pandemie trotzte und dass sich mehr und mehr Erwachsene mit den jungen Menschen verbündeten im Kampf um die Zukunft - in Moers 2021 begann es.

Klaus Denzer

Autor:

Klaus Denzer aus Moers

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