Rückkehr zum Regelbetrieb an Schulen im Herbst unrealistisch
Eine unbequeme Wahrheit ...

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Aktuell steigen die Fallzahlen stetig weiter an. Nicht nur in Gütersloh, sondern auch in Berlin, Dortmund und anderswo. Dabei sind es nicht nur die Arbeitsbedingungen in den profitorientierten Großschlachtbetrieben, die eine Ausbreitung des Corona-Virus offenbar begünstigen. Es könnten Gottesdienste sein, aber auch der ungeschützte Unterricht an Grundschulen. Die letzte Weisheit hat möglicherweise niemand - ebenso könnte der Impfstoff eine Fata Morgana sein. Dabei ist allerdings eine Sache für mich sonnenklar - eine Rückkehr zum Regelbetrieb an deutschen Schulen im Herbst ist unrealistisch. Und ich möchte einmal hier diskutieren, warum ich das so sehe, entgegen der formulierten Wunschvorstellungen unserer deutschen Schul- oder Kultusminister. 

Ich habe über 17 Jahre immer wieder mit diversen Zeitverträgen an unterschiedlichen Schulen, unterschiedlicher Träger, mit Kindern unterschiedlicher Herkunft, unterrichtet. Schwimmen, Sport, aber auch Deutsch, Englisch, evangelische Religion oder sachkundliche Fächer und Gesellschaftswissenschaften. In den ganzen Jahren habe ich dabei mehrere Beobachtungen machen können, die ich einmal hier zusammenfassen will, unter dem Gesichtspunkt der aktuellen Problematik. Zudem möchte ich meine Beobachtungen mit Zahlen unterfüttern, die man ohne große Mühe im Internet recherchieren kann. Dann wird das Bild vielleicht noch etwas deutlicher, was ich damit aussagen will.

1. An sämtlichen Schulformen habe ich es eher mit älteren Kolleginnen und Kollegen zu tun gehabt. Damit will ich nicht sagen, dass ich so jung bin. Ich bin inzwischen immerhin auch bereits 52 Jahre. Eher möchte ich damit vorsichtig zum Ausdruck bringen, dass etliche Schulen möglicherweise einen hohen Altersdurchschnitt in den Kollegien haben könnten. Es mag sein, dass an der einen oder anderen Schule in der Zwischenzeit manche geschätzte Kollegen in den verdienten Ruhestand gegangen sind. Es könnte aber auch sein, wenn meine Beobachtungen repräsentativ sind, dass wir etwa ein Drittel bis die Hälfte mit Lehrkräften zu tun haben, die angesichts von Covid19 bereits altersbedingt oder wegen Vorerkrankungen zu den Risikogruppen zählen. Dabei habe ich nicht einmal die Schwangeren einberechnet, in meine Schätzungen, weil das Risiko dieser Gruppe mir noch nicht klar ist. Allerdings werden diese Kolleginnen immer frühzeitig wegen Infektionsgefahren allgemein, u.a. deshalb aus dem Unterrichtsbetrieb herausgenommen in den Mutterschutz.

Ohnehin war es in den letzten Tagen schwierig, im Vorfeld dieses Textes, entsprechend erfolgreich zu recherchieren. Immerhin habe ich mir auch die Mühe gemacht, mehrfach mit dem Büro von Dr. Drosten in Berlin zu sprechen - und mit der Beratungsstelle der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf. Dabei interessieren mich zudem auch die Infektionsgefahren von Kindern. 

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Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hat bereits seit längerem herausgefunden, dass in Deutschland der Durchschnittslehrer älter, weiblich und gut bezahlt ist. Nur die Lehrerinnen und Lehrer in Italien sind im Durchschnitt noch älter. An deutschen Grundschulen arbeiten fast ausschließlich nur Frauen. Diese Aussage basiert auch auf Untersuchungen der OECD. 

Demnach sind Rund 41 Prozent der Grundschullehrer (Primarbereich), 48 Prozent der Lehrer an Gesamtschulen und Gymnasien (Sekundarbereich I) und 42 Prozent an der gymnasialen Oberstufe (Sekundarbereich II) mindestens 50 Jahre alt. Damit wären meine Beobachtungen mehr als bestätigt.

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Regelunterricht ein Witz?

In der vergangenen Woche haben die Kultusminister der Länder beschlossen, dass die Schulen bundesweit nach den Sommerferien wieder vollständig zu öffnen sind - und in den Regelbetrieb zurückkehren sollen. Nordrhein-Westfalen hat bereits für die Grundschüler im Land in derselben Woche den Regelbetrieb angeordnet. Zu diesem Zeitpunkt hat auch der Bundesvorsitzende des VBE, Udo Beckmann, den zuständigen Ministern vorgeworfen, "unehrlich zu sein". 

2. In den Jahren meiner Tätigkeit ist mir wirklich an JEDEM Standort der sogenannte Lehrermangel begegnet. Ich habe Menschen kennengelernt, die einmal aus großer Liebe zu dem Beruf tatsächlich mit viel Herzblut Lehrer geworden sind. Meines Erachtens hat man diese Leute zwar besser bezahlt, als ein Tönnies "seine Rumänen und Bulgaren", aber ausgenutzt wurden sie dennoch. Viele öffentliche Schulen sind zeitverzögert ständig in Unterbesetzung "gefahren". Ich frage mich dann in diesen Tagen, bei derartigen Aussagen aus der Politik über Regelbetrieb, ob die Eltern und Schüler DAS tatsächlich schon vergessen haben. Das war die Normalität vor Corona. Ich kann mir deshalb auch nicht vorstellen, dass es nun - ohne großartigen Systemwechsel in der Bildungspolitik - mit Corona oder nach Corona besser geworden ist. 

Als Seiteneinsteiger in den wirklich schönen Beruf des Lehrers, möchte ich mit diesem Artikel den verantwortlichen Schulministerinnen und Ministern widersprechen, wenn sie einfach so von Regelbetrieb ausgehen. Und die Sicherung von Regelbetrieb an Schulen wird auch nicht besser, wenn ich Masernschutzimpfung und Attest-Pflicht für die Kollegen zur Auflage mache.

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Ich denke auch, die Politik belügt in diesem wichtigen gesellschaftlichen Grundpfeiler unsere Menschen in Deutschland wirklich massiv.

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PISA ist hier ein gutes Beispiel für blinden Aktionismus, ohne anschließenden Erfolg... Oder die hastige Rückkehr zum Regelbetrieb an Grundschulen in NRW. Beide Probleme erfordern eigentlich ein wirkliches Umdenken und echte Konzepte. Stattdessen sehe ich hier Flickschusterei über die Jahre in Sachen PISA - und aus der Hüfte geschossen, ein sogenanntes Konzept von Frau Gebauer, welches in Wahrheit als Feldstudie nur Zahlen über das Infektionsrisiko von Kindern liefern wird. 

3. Es war für mich immer wieder wohltuend, wenn zwischendurch Engagements an privaten Schulen folgten. Die Ausstattung der meisten öffentlichen Schulen, die ich erleben durfte, war geprägt von engagierten Kolleginnen und Kollegen, die gelernt haben, zu improvisieren. Der Rest war Verwaltung von Mangel, in heruntergekommenen Einrichtungen, mit zeitlich überholter Technik. Beispielsweise IT von gestern, mit veralteten Microsoft-Software-Paketen, die irgendwann mal viel Geld gekostet (und vielleicht einem Berater des politischen Entscheiders eine gute Provision gebracht) haben.

In einem anderen Artikel habe ich bereits den Leserinnen und Lesern vom Lokalkompass berichten können, dass ich private Schulen kenne, an denen die Digitalisierung unserer Bildung wirklich gut funktioniert. Seit Jahren bin ich selber auch unterwegs mit diesem Thema, um endlich eine vergleichbare Digitalisierung auch für öffentliche Schulen einzufordern. Hier begegnen mir zu oft halbherzige Entscheidungen. Oft in Unkenntnis sämtlicher Fakten getroffen, wenn ich an Kompatibilität und Fortentwicklung denke. 

Einige Bundesländer werden vor den Sommerferien nicht mehr zum Regelunterricht zurückkehren, manche Schulen machen bereits wieder zu - ohne in Gütersloh angesiedelt zu sein, weil es überall steigende Infektionszahlen gibt. 

4. Die hygienischen Bedingungen an vielen öffentlichen Schulen würde ich schon vor der Corona-Zeit als suboptimal bezeichnet haben. Ebenso die Wege durch die Schulgebäude und oftmals auch das soziale Verhalten auf manchem Schulhof. Wenn nun Schulöffnungen teilweise erfolgt sind, mit Verzicht auf Abstandsregeln und Schutzmaske, ist das aus meiner Sicht "russisches Roulette" mit dem Nachwuchs. 

Deutschlands renommiertester Virologe, Prof. Dr. Christian Drosten, warnt vor zu schnellen Lockerungen von Maßnahmen, weil er die Gefahr für Kinder anders einschätzt, als beispielsweise Laschet und Gebauer das tun. Weitere Politiker sehen Kinder in den zurückliegenden Monaten nicht als Treiber der Infektion. Womit sie eines beweisen. Diese Politiker beweisen aus meiner Sicht, dass sie keine Kinder haben, oder zumindest keine Ahnung davon. 

Drosten nimmt aktuell eine schwedische Studie zum Anlass, seine eigene Studie von Mai diesen Jahres zu untermauern. Man muss dabei wissen, dass die Schweden keine Schutzmaßnahmen ergriffen hatten - und auch nicht für Kinder. Die Zahlen aus Schweden sind deshalb "besser" als die begrenzten wissenschaftlichen Erhebungen, gerade weil Schweden dem Virus erlaubt hatte, ungehindert in der Bevölkerung zu wüten. Hohe Infektionsraten sind die Folge, wenige Genesende im Vergleich zu anderen Ländern, hohe Todesraten - und sogar höhere Infektionsraten bei Kindern und Jugendlichen, im Vergleich zu erwachsenen Schweden. Die aufgezeigte Seroprävalenz liegt hier deutlich mit 7,5% ein Prozent höher, womit das größere Risiko für Kinder deutlich bewiesen ist. 

Corona hat uns eigentlich mit dem Shutdown ein Zeitfenster geöffnet, Versäumtes endlich nachzuholen. Die Digitalisierung von Bildung muss meines Erachtens Vorrang haben, vor dem sogenannten Präsenzunterricht. Die Kultusminister müssen ihre Hausaufgaben machen, damit es mit Deutschland auch in Sachen PISA kein weiteres, verlorenes Jahr gibt - auf Kosten unserer Kinder. Es ist an der Zeit, einen Weg zu verlassen, der uns vor der Pandemie schon nicht zum Ziel geführt hat. Diesen Weg weiter zu gehen, würde ich für verrückt halten.

Die Grundschulen in NRW sollten unbedingt SOFORT wieder geschlossen werden - oder die Eltern sollten sich eine Teilnahme ihrer Kinder am Präsenzunterricht gut überlegen.

Die Schulen sollten sich nicht mehr zum Büttel der Politik machen lassen, wenn es um eine Feldstudie in Sachen Infektionsgeschehen geht. Niemand würde deshalb auf einen Fahrradhelm bei einem Schulkind verzichten, nur weil Ministerin Gebauer das beschließt. Wenn nach den Schulschließungen keine Fallzahlen bei Kinder signifikant ins Gewicht gefallen ist, vorher und nachher aber Kinder als infiziert aufgefallen sind, brauche ich keine weiteren Beweise für die Kraft der Aussage von Prof. Drosten. Dann ist das für mich eindeutig bewiesen. 

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Das sind nicht nur Fallzahlen aus Gütersloh !
  • Das sind nicht nur Fallzahlen aus Gütersloh !
  • hochgeladen von Stephan Leifeld

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Darüber hinaus hat eine weitere aktuelle Studie aus Jena den Sinn der Infektionsschutzmasken belegt. Deshalb sind Masken m.E. weiterhin auch an Schulen als Pflicht anzusehen. Wenn wir nicht das Infektionsgeschehen in Deutschland auf italienisches oder schwedisches Niveau anheben wollen, müssen wir wieder vernünftig sein. Übermut tut selten gut, sagt schon eine Volksweisheit. 

Eltern und Lehrer sollten möglicherweise einen Schulterschluss vollziehen, was die Entwicklung und den Ausbau von digitaler Bildung angeht. Hier sollten sich die Menschen nicht mehr von den politischen Eliten auf den Sanktnimmerleinstag vertrösten lassen. Denn auch das habe ich beobachtet, dass an den Privaten Schulen nicht selten die Eliten von morgen ausgebildet werden - mit allem erforderlichem, zeitgemäßem Material und vor allem ausreichend Personal (in allen Altersgruppen). Ganz sicher - auch während Corona ohne Anwesenheitspflicht, - digital, interessant und ordentlich. Hier sollten die öffentlichen Schulen den privaten Schulen in Riesenschritten endlich folgen...

Alle Kinder haben das Recht auf gleiche Bildung - und auf körperliche Unversehrtheit.
Daher ist aus meiner Sicht besser, wenn wir uns der Realität stellen, um einen Unterricht zu entwickeln, der die Kinder erreicht - ohne sie über Gebühr zu gefährden. Das wird nicht ohne weitere Digitalisierung und geteilte, kleinere Lerngruppen funktionieren. 

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Autor:

Stephan Leifeld aus Schermbeck

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