NRW-Kommunalwahl 2020
Nach der Wahl ist vor der Wahl

Schermbeck hat gewählt. Mike Rexforth ist im Amt bestätigt. Der Bürgermeister dürfte erleichtert sein. Schließlich hat es in Schermbeck teilweise im Wahlkampf gewirkt, als könnte eine Überraschung möglich sein. Der Grüne Herausforderer hat sich lange Zeit recht zuversichtlich gegeben. Ich persönlich habe bereits zu einem frühen Zeitpunkt eine Wahlaussage zu Gunsten des Amtsinhabers gegeben - auch weil er in Corona-Zeiten ein gutes Krisenmanagement abgegeben hat. Allerdings habe ich die Einschränkung formuliert, dass der Gemeinderat in Schermbeck bunter sein muss, um wirklich mehr zu bewegen... Schließlich gibt es einige Themen, in denen die Bürgerinnen und Bürger vielleicht nicht „mitgenommen“ werden - oder korrekt informiert sind. 

Der Gemeinderat in Schermbeck ist nun weitaus bunter, als vor der Wahl. Das ist schön, nicht nur, weil ich mir das so gewünscht habe. ...Die SPD, die einige Jahre eine Art GroKo mit der CDU, deren Mehrheitsbeschaffer abgegeben hat, hat eben dafür die Quittung bekommen, zu wenig eigene Akzente gesetzt zu haben. Außerdem hat der Ortsverein nicht nur in den vergangenen Monaten einige Fehler gemacht, wie es aktuell als Ausrede her halten soll. Auf ganze zwei Ratsmandate ist die SPD geschrumpft. Das ist auch gut so, um sich vielleicht mal wieder auf sozialdemokratische Inhalte zu besinnen. Die LINKE ist in Schermbeck nach einigen Querelen um den Vorsitzenden Giel völlig aus dem Tritt gekommen, und erst garnicht angetreten. Eine AfD hat in Schermbeck auch schnell im Vorfeld der Kommunalwahl das „braune“ Handtuch geworfen. Doch der Wahlbürger ist offenbar nicht immer gerecht... Die CDU ist leider nicht leistungsgerecht vom Wähler bewertet worden, weil sie sonst ebenfalls deutlich schlechter hätte abschneiden müssen. Hier helfen das „christliche“ C auf dem Land - und möglicherweise der Bonus des Amtsinhabers.

Auf der anderen Seite zeigt das Wahlergebnis der Grünen, dass viele der jungen Erst- und Freitagswähler die demokratischen Strukturen nicht durchschauen, und nun erwarten könnten, dass der Bürgermeister in der einen oder anderen Kommune nun die Welt retten soll. Die Grünen hatten Werbung für Grün im Garten und Klimaschutz - als würde Sonnenblumen verteilen schon die Umwelt retten, aber auch „Greta & Co“ dürften Erstwähler in Unkenntnis gelassen haben, dass manche Fragen eher bundespolitisch zu beantworten sind. 

VORWÄRTS. LINKE ALTERNATIVE. hat begonnen, sich in der Corona-Zeit neu aufzustellen und umzustrukturieren, weshalb eine Teilnahme an dieser Wahl keinen Sinn gemacht hat. Ich persönlich habe schließlich im Wahlbezirk 8 für den Gemeinderat als parteiloser Einzelbewerber kandidiert. Diese Kandidatur ist keine Satire, aber eine Art Feldversuch gewesen. Mal schauen, wie man in einer „tiefschwarz“-politischen Diaspora dennoch in einen Dialog mit den Menschen kommt. Dabei am Ende nicht das schlechteste Ergebnis bekommen zu haben, entspricht nicht meinem Leistungsvermögen und meinem persönlichen Anspruch. Motto dieser Aktion war auch auf dem Wahlschein mit „Inminimusmaximus“ zu lesen. Im Wahlbezirk Üfte hat es aber nur für 3,13% gereicht. Das ist viel zu wenig, um einflussreich mitgestalten zu können. 

Dennoch war es auch sehr viel schwerer, als angenommen. Ich stamme aus einer Großstadt, Schermbeck ist meine Wahlheimat. Die etwa 500 Stimmen in diesem Wahlbezirk sind eher ländlich und dünn angesiedelt. An Fläche womöglich der größte Teilbereich für den Gemeinderat. Deshalb auch zwei Wahllokale - 8.1 und 8.2. Viele Bauernhöfe und vereinzelte Häuser mit großen Grundstücken. Dabei bin ich von Tür zu Tür marschiert, habe mich nicht auf die Presse und die sozialen Medien verlassen. Die Presse - genau genommen die Dorstener Zeitung - hat mich mehrfach ohnehin unterschlagen - als parteilosen Kandidaten nicht berücksichtigt. Selbst in der heutigen Ausgabe mit dem amtlichen Ergebnis. Das spornt an. Wenn ich nächstes Mal den Bezirk direkt gewinne, werden sie meinen Namen schon abdrucken müssen. Sogenannte Online-Zeitungen wie „Schermbeck-grenzenlos“ waren auch nicht so offen, mich zu berücksichtigen. Da bin ich nicht mal verspätet berücksichtigt worden. Der dort schreibende ältere Herr hat mich immer „vergessen“. Auch das sehe ich eher als Herausforderung, beim nächsten Mal besser in Erinnerung zu bleiben...  Manche Haustüren wurden geöffnet mit dem Spruch: Wir wählen schon immer CDU. Insgeheim dachte ich manchmal, „und früher vielleicht auch Zentrum...“ aber habe mich gerne auf die spannenden Themen der Menschen einlassen können.  So waren meine Hausbesuche bei meinen potentiellen Wählern eine tolle Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte. 

Ein Mann meinte, „die in Moria haben das alles selbst angezündet, weshalb man denen nun nicht helfen darf...“ und fragte dann nach meiner Meinung. Ich entgegnete, dass sein teures und schönes Landhaus auch zuerst gelöscht werden würde, bevor man nach der Brandursache sucht: „Stellen Sie sich vor, die Feuerwehr würde keinen Schlauch auspacken, sondern vor dem brennenden Haus erst einmal fragen, wer das gewesen ist...“ ...In diesem Zusammenhang habe ich dann den Vergleich hergestellt, zwischen dem Platz für eine zehnköpfige syrische Familie in einem Zelt in Moria - und dem Badezimmer des vor mir stehenden älteren Ehepaares. Die Frau kam dann aus dem Halbdunkel hinter ihrem Mann vorbei an die Türe, mit den Worten, dass sie das ihrem Mann auch schon gesagt habe. Christliche Nächstenliebe erfordert mehr Einsatz für diese armen Menschen. Am Ende waren wir einig, dass manche Menschen sich mehr Gedanken machen, über den Platz einer trächtigen Sau oder einer Legehenne, als über die unwürdigen Zustände auf Lesbos. So ein Gesprächsverlauf ist mit Wahlstimmen nicht aufzuwiegen - die Leute hatten eh schon ihre Briefwahl erledigt.  

Einige Türen sind mir verschlossen geblieben. Andere Türen wurden von lieben Menschen geöffnet, die bedauerten, dass sie zu dem Zeitpunkt bereits ihre Briefwahl - wegen Corona - erledigt hatten. Teilweise wurde versprochen, mich beim nächsten Mal zu berücksichtigen. Vielen hat anscheinend gefallen, was ich für die Themen Digitale Bildung, Soziale Gerechtigkeit oder Mittelstraße aufwendig vorbereitet habe.

Fast schon ein bisschen Schade, dass die Wahl gestern gelaufen ist - und gut, dass die nächsten Wahlen bereits in Sichtweite rücken. In diesem Sinne werde ich erneut die Wählerinnen und Wähler aufsuchen, um dann aber rechtzeitiger vor den Briefwahlen über die Herzen der Menschen auch deren Kugelschreiber zu bewegen. Im nächsten Jahr ist das Ziel noch etwas größer... mit einer gerade neu formierten StattPartei. GESELLSCHAFTLICHER AUFBRUCH. Themen wie Soziale Gerechtigkeit und Bedingungsloses Grundeinkommen, Nachhaltigkeit und Klimaschutz, Innovation und Mittelstand, Tierwohl und Kinderrechte, von Schermbeck nach Berlin zu tragen. Damit das nicht endet, wie bei den Eulen auf dem Weg nach Athen, brauche ich noch viele Mitstreiter...

Nachtrag soll noch sein, den Diebstahl mehrerer Kandidatenplakate zu bedauern. Offenbar hat jemanden in der Straße meines CDU-Gegenkandidaten gestört, mein Wahlplakat zu sehen. Dort und in der Nähe der Kilianstrasse, wurden zwei meiner Plakate einfach entwendet. Strafanzeige wird vermutlich aber nicht viel bringen. Ich bleibe dankbar, dass wir in Deutschland einen Staat haben, der uns die Meinungsfreiheit so garantiert, dass man an der Haustüre und am Infostand diskutieren kann. 
Das ist auch gut so. Beschädigte, verunstaltete Oder gestohlene Wahlplakate halten manche auch für Meinungsfreiheit ... zumindest für ihre eigene. 

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Autor:

Stephan Leifeld aus Schermbeck

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