Wirtschaft vor Ort Sprockhövel: Rückblick und Ausblick
"Pandemie ist Brandbeschleuniger für Innenstädte"

Bürgermeisterin Sabine Noll, Wirtschaftsförderin Maren Schlichtholz und Kämmerer und Beigeordneter Volker Hoven. Foto: Pielorz
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Seit vielen Jahren schauen wir im STADTSPIEGEL und Lokalkompass am Ende des Jahres zurück auf die heimische Wirtschaft und wagen eine Prognose in die Zukunft. In diesem Jahr fällt das besonders schwer, denn in 2020 war alles anders. Der Grund ist natürlich die Corona-Pandemie. Im Gespräch mit Sprockhövels Bürgermeisterin Sabine Noll, Kämmerer und Beigeordneter Volker Hoven und Wirtschaftsförderin Maren Schlichtholz zeichnet sich die Sorge für 2021 deutlich ab.
„Das Jahr 2020 hat uns alle vor Herausforderungen gestellt. Die Corona-Pandemie hat in der Wirtschaft in vielen Branchen zu Umsatzeinbußen und Nachfragerückgängen geführt, die eine direkte Auswirkung auf die kommunalen Einnahmen durch die Gewerbesteuer haben. Die finanziellen Hilfen von Bund und Land sowie die Erstattung der Gewerbesteuerausfälle jeweils hälftig durch Bund und Land werden den Kommunen helfen. Allerdings müssen wir auch sehen, dass zeitversetzt Branchen unter der Pandemie und ihren Auswirkungen leiden werden, denen es im Moment noch nicht so schlecht geht. Deshalb blicke ich mit Sorge auf 2021“, sagt Bürgermeisterin Sabine Noll. Sie erinnert an die Aussage der Reisebranche, man brauche fünf Jahre, um sich von dem finanziellen Desaster zu erholen. Kurzarbeit und steigende Arbeitslosigkeit, aber auch drohende Insolvenzen bei Betrieben und die Unsicherheit über weitere finanzielle Hilfen von Bund und Land für 2021 setzen der Bürgermeisterin zu. Das sieht auch der Kämmerer so. „Durch die Finanzzusagen von Bund und Land werden wir den Haushalt 2020 vermutlich ausgleichen. Es gibt auch viele Städte, denen es bedeutend schlechter geht als Sprockhövel, aber dennoch haben unsere Betriebe trotz einem guten Branchenmix mit Einbußen zu kämpfen. Viele Betriebe haben auch enge wirtschaftliche Beziehungen mit China und die Aufrechterhaltung der Lieferketten war und ist eine Herausforderung. Auch Einzelhandel, Gastronomie, aber auch der Tourismus und die Kultur haben große Schwierigkeiten“, sagt Volker Hoven. Sabine Noll ergänzt: „Die Pandemie ist der Brandbeschleuniger für die Innenstädte.“

Bürokratie abbauen

Hier versucht die Wirtschaftsförderung zu helfen. „Wir sind stark in Sachen Digitalisierung unterwegs“, sagt Wirtschaftsförderung Maren Schlichtholz. Man wolle das Stadtleben unbedingt erhalten und manche Einzelhändler seien sehr kreativ unterwegs. Aber Events, die eine Innenstadt beleben, sind nun einmal nicht möglich. Wann es wieder gehen wird, ist nicht absehbar. „Wir haben Händler, die ihre Produkte im Netz präsentieren und auch über vielfältige elektronische Kanäle ihre Chancen nutzen. Doch gerade die kleinen Geschäfte sind in der Digitalisierung oft nicht so weit wie die großen Firmen. Das sind Strukturen, die noch aufgebaut werden müssen.“
Wichtig ist Sprockhövels Stadtspitze die antizyklische Wirtschaftspolitik. „Die wirtschaftliche Gesamtnachfrage wird dabei durch finanzpolitische Maßnahmen und die Steuerung der staatlichen Ausgaben so beeinflusst, dass wirtschaftliche Boomphasen gedämpft und wirtschaftliche Rezessionen abgeschwächt werden. Das sei vor allem im Hinblick auf die Landes- und Bundespolitik zu sehen. „Wir müssen jetzt Geld in das System stecken und dürfen nicht nur darauf schauen, wo wir sparen können. Denn wir müssen den Wirtschaftsmotor am Laufen halten.“ Allerdings: Eine kluge Konjunkturpolitik ist eine Frage des richtigen Timings.
Ein Hemmnis ist in diesem Zusammenhang auch die Bürokratie. Während Bürgermeisterin Sabine Noll deutlich macht, sie arbeite daran, bürokratische Hürden auch vor Ort abzubauen, berichtet die Wirtschaftsförderin aus ihrem Alltag über Gespräche mit den Unternehmen. „Während noch im Frühjahr die Unternehmen mit der rasch ausgezahlten Überbrückungshilfe sehr zufrieden waren, hapert es mit der versprochenen Novemberhilfe gewaltig. Sie wurde von vielen Unternehmen beantragt, wird aber wohl erst Ende Januar kommen.“ Das bringe manche Unternehmen mit dem Rücken an die Wand. Was in diesem Zusammenhang die Bürgermeisterin allerdings auch umtreibt: „Im Frühjahr haben viele Betriebe finanzielle Unterstützung erhalten, die diese ohne sorgfältig Prüfung nicht unbedingt bekommen hätten und die sie später zurückzahlen müssen. Das ergibt sich spätestens aus der Steuererklärung. Möglicherweise schaut man jetzt genauer hin und dadurch verzögern sich die Hilfen.“ In jedem Fall kann die örtliche Wirtschaftsförderung aber beratend zur Seite stehen und verweist auf ihr gutes Netzwerk bei den Förderprogrammen.
Abbau der Bürokratie ist auch für Volker Hoven ein Muss. „Wir müssen dahin kommen, einen Bauantrag per E-Mail stellen zu können“, sagt er.“ In manchen Branchen gebe es derzeit mehr Bürokratie als vor der Corona-Pandemie – schließlich müsse sehr viel zur Kontaktverfolgung dokumentiert werden.
Einig sind sich die Experten darin, dass die Zukunft digital wird und die Innenstädte ein großes Problem haben. Auch die Durchhalteparolen können nur mit einer Perspektive greifen – doch genau die fehlt. „Und wenn wir uns dann die einzelnen Branchen ansehen, beispielsweise viele gastronomische Betriebe, dann ist ein Gebäude zur Miete in Verbindung mit starken Umsatzeinbußen für den Gastronom eine Katastrophe.“ Einig ist man sich auch, dass es einen Nachtragshaushalt geben muss für den Doppelhaushalt 2020/21, der die Bürger mit Erhöhungen bei den städtischen Abgaben nicht belasten wird. Gemeinsam formuliert die Stadtspitze auch die Forderung an den Kreis, die Hebesätze zu senken und den Kommunen etwas Luft zu verschaffen. 2021 endet auch der Stärkungspakt für Sprockhövel. Und was mit den möglichen Corona-Hilfen im nächsten Jahr wird, weiß zurzeit niemand. „Wir haben nur in Ausnahmefällen bisher von Sprockhöveler Betrieben gehört, dass sie geplante Investitionen zurückstellen oder bereits mit dem Rücken an der Wand stehen. Aber jedem von uns ist klar, dass die Situation aus 2020 für 2021 immer schwieriger wird, je länger sie dauert.“

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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