Buchtipp der Woche: Kindermund statt Erdbeermund

„Ich will sterben. Ist er aus meinem Zimmer verschwunden, renne ich ins Bad, umklammere die Kloschüssel und kotze, kotze, bis nicht mal mehr Galle kommt. Ich kotze bis zur Besinnungslosigkeit. Ich muss die Schuld aus mir herauskotzen.“ So beschreibt Pola Kinski, die heute 60-jährige Tochter des exzentrischen Schauspielers Klaus Kinski (1926-1991), ihre Qualen, die sie in Kindheit- und Jugend durchlitt, als Opfer sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater. Inzwischen hat auch deren neun Jahre jüngere Halbschwester Nastassja in einem Interview „Übergriffe“ eingeräumt.

Wie geht man nun mit diesem schonungslos offenen, teilweise selbstzerfleischenden Buch um? Muss man von vornherein einen autotherapeutischen Bonus gewähren und literarische Kriterien in den Hintergrund rücken?
Problematisch aus künstlerischer Sicht ist die von Pola Kinski gewählte Erzählperspektive. Sie lässt uns gleich auf der ersten Seite wissen: „Ich bin sechs Jahre alt.“ Wenig später resümiert eben jenes Kind: „Obwohl Mama ihm in der Praxis hilft und den Haushalt führt, ist das alles nicht unter einen Hut zu bringen.“ Da passen diese nachträglich angestellten Reflexionen einfach nicht in den entworfenen Handlungskontext einer Sechsjährigen. Auch mit der Sprache hapert es an manchen Stellen, und man hätte sich händeringend das Eingreifen eines wohlmeinenden Lektors gewünscht. „Ich wische mit den Fingern ein Loch ins Glas“, heißt es, als das Kind vor dem beschlagenen Küchenfenster hockt. Wir ahnen zwar, was die Autorin ausdrücken wollte, aber sie hat ganz gewiss mit dem Finger kein Loch ins Glas gewischt. Dies mag nach Haarspalterei klingen, aber wenn ein Buch im renommierten Insel Verlag erscheint, wirken solche Passagen doch ziemlich befremdlich.

Noch befremdlicher, ja geradezu schockierend liest sich allerdings das Gros der „Handlung“. Pola Kinski betreibt eine schonungslose Abrechnung mit ihrem berühmten Vater, der sie über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren sexuell missbraucht hat. Doch auch ihre Mutter, die leidlich erfolgreiche Sängerin Gislinde Kühbeck, kommt nicht besonders gut weg und wird als „kalt“, „streng“, „ablehnend“ und „feindselig“ bezeichnet. Von der Mutter, die später in einer anderen Beziehung lebt, wird sie in ein strenges katholisches Internat abgeschoben. Die nächste Etappe des Martyriums beginnt und mit ihr gewinnt das Leiden der Tochter eine neue Dimension.
Von der Mutter abgeschoben, im Internat drangsaliert, wünscht sie sich plötzlich sogar die Nähe ihres Vaters: „Bei meinem Vater bin ich gewollt, begehrt, er kämpft um mich, zeigt mir, wie sehr er mich braucht, wie wunderbar es ist, dass es mich gibt, und zwingt mir ununterbrochen seinen Willen auf.“ Diese schreckliche Ambivalenz der Gefühle (gerade so, als dürfe man zwischen Pest und Cholera wählen) macht Polas Leben beinahe unerträglich. Bei jedem Treffen macht Kinski seiner Tochter teure Geschenke (im Teenager-Alter z.B. eine Cartier-Uhr), kleidet sie neu ein, nennt sie „Püppchen“, „Engelchen“ und „Geliebtes“, holt sie in seine Villen oder in sündhaft teure Luxushotels. „Bei ihm bin ich Prinzessin“, gesteht die innerlich zwiegespaltene Tochter.
Aber sie ist eine gebrochene, eine geschundene, eine missbrauchte „Prinzessin“, ein zutiefst gedemütigtes Individuum: „Er sucht meinen Blick, hält ihn fest. Er beschwört mich, mit niemandem darüber zu sprechen, sonst komme er ins Gefängnis.“
Pola Kinski beschreibt ihren Vater nicht nur als sexbesessenen Unhold, sondern auch als Person, die um jeden Preis Aufmerksamkeit erregen wollte. Wenn er es nicht durch seine schlichte Anwesenheit schaffte, wählte er oft (auch in der Öffentlichkeit) den Weg der geschmacklosen Provokation. In Restaurants, im Theater – wo auch immer? Kinski beschimpfte, tobte, randalierte, keine Geschmacklosigkeit war ihm zu peinlich. All das, was vor knapp vierzig Jahren in seinem autobiografischen Band „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ von der Kritik teilweise gefeiert wurde, erscheint nun in ganz anderem, wesentlich finstererem Licht.
Wer dieses Buch gelesen hat, wird zu dem Fazit gelangen, dass nun endgültig Schluss sein müsste mit dem Kinski-Kult. Wahrscheinlich war er gar nicht der geniale Schauspieler, der so vorzüglich gebrochene Figuren darstellen konnte wie in den schaurigen Wallace-Streifen und den Filmen von Werner Herzog. Vielleicht hat er nur sich selbst vor der Kamera inszeniert und die künstlerische Aura des Psychopathen war nichts anderes als Ausdruck einer schweren Persönlichkeitsstörung.
Neben dem selbstbefreienden Charakter, den dieses Buch zweifellos impliziert, hat Pola Kinski das Denkmal ihres Vaters mit Brachialgewalt zum Einsturz gebracht.

Pola Kinski: Kindermund. Insel Verlag, Frankfurt 2013, 268 Seiten, 19,95 Euro

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Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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