Ein Bild - Eine Geschichte
Eine Mahlzeit für zwischendurch

Ächzend blieb Jaron an der Treppe stehen. Er hielt sich die schmerzende Seite und rang nach Luft. Langsam ließ das Seitenstechen nach. Aber die Schläge seines Herzens dröhnten noch in seinen Ohren. Seine Beine zitterten und er lehnte sich gegen die Mauer. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und schaute sich dann um. Die schmale Straße führte zum Marktplatz weiter, dort konnte er im Menschengetümmel untertauchen und entkommen. Er machte ein paar Schritte, dann fiel es ihm ein. Heute war kein Markt. Sein Magen schrumpfte zu einem glühenden Klumpen. Hinter ihm ertönten Schritte. Seine Verfolger kamen näher. Er konnte kaum klar denken. Wohin sollte er sich wenden? Er schaute die Treppe hinunter. Er wusste nicht, wohin sie führte. Endete sie an einem Haus, saß er in der Falle. Die Schritte wurden lauter. Jaron ballte die Hände zu Fäusten. Wenn sie ihn erwischten, würden sie ihm jeden einzelnen Finger brechen. Wieder schaute er die Treppe hinunter und lief sie dann hinab. Gerade rechtzeitig war er außer Sichtweite.
„Hört ihr ihn?“
„Nein, los weiter, er versucht bestimmt, in einer der Gassen hinter dem Markt zu verschwinden. Wenn er es in die Gärten schafft, finden wir ihn nicht.“
Jaron schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Die Gärten. Zwischen den Hecken und Sträuchern hätte er sich bis zur Nacht verstecken können. Die Schritte und Stimmen wurden leiser und Jaron ließ sich die Mauer hinabgleiten. Seine Beine waren wie Pudding und nur mit Mühe konnte er ein Lachen unterdrücken. Die Gefahr war noch nicht vorbei, sie konnten zurückkommen. Langsam beruhigte sich sein Puls und er stand wieder auf. Er stieg weitere Stufen die Treppe hinab und sie endete an einer schiefen Hütte. Da ging es nicht weiter. Er musste zurück und das Dorf so schnell wie möglich verlassen. Er drehte sich um, setzte den Fuß auf die nächste Stufe, als eine Hand seinen Arm packte. Er japste erschrocken auf, drehte sich um und blickte in das verrunzelte Gesicht einer alten Frau.
„Sieh an, so ein feiner junger Mann. Ich habe so selten Besuch. Komm doch mit und trink einen Tee mit mir.“ Ihre Stimme knarrte wie eine Tür mit rostigen Angeln. Ihre milchigen Augen starrten durch ihn hindurch. Ihm lief ein Schauer über den Rücken. Ihr Geruch erinnerte ihn an vergammelnde Abfälle. Es stieß ihn ab.
Er öffnete schon den Mund, um abzulehnen, als er wieder Schritte oben am Treppeneingang hörte. Sie kamen zurück! „Wie bringen wir dem Boss nur bei, dass er uns entwischt ist?“
„Äh, ja gerne. Ein Tee wäre nett.“ Er würde in der Hütte der Alten eine Weile warten, sich dann in den Gärten verstecken und dann nach Einbruch der Dunkelheit das Dorf verlassen. Jaron ließ sich von der Alten in ihre Hütte führen.
Der seltsame Geruch verstärkte sich. An der Decke hingen Kräuterbüschel und einige Schinken zum Trocknen. Er nahm die Tasse entgegen und trank einen großen Schluck. Es tat gut. Er hatte gar nicht gemerkt, wie durstig er war. Er leerte die Tasse in einem Zug und schaute sich weiter um, während die Alte ihm nachschenkte. In einer Ecke in einem Regal entdeckte er verschrumpelte Köpfe. Merkwürdig. Einer von ihnen sah seinem Nachbarn ähnlich. Er war vor einigen Wochen verschwunden. Jaron hatte sich gewundert, was mit ihm passiert war.
Er wurde müde, die Augen fielen ihm immer wieder zu. Bevor er das Bewusstsein verlor, hörte er die Alte sagen: „Wie schön, dass du zum Essen bleibst.“
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de

Autor:

Sabine Kalkowski aus Bergkamen

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