Ein Bild - Eine Geschichte
Gefährliche Zweisamkeit

„Oh, ist das schön hier.“ Julia blieb stehen und genoss für einen Moment die Aussicht.
„Komm, hier geht es runter. Wir können direkt am Fluss unsere Decke ausbreiten.“ Thomas streckte ihr auffordernd die Hand entgegen.
Julia zögerte. „Bist du sicher, dass wir das dürfen? Das Schild vorhin hat doch eindeutig gesagt …“
„Das haben die nur aufgestellt, damit sich niemand auf die Wiese legt. Da ist nichts, glaub mir!“ Thomas wurde ungeduldig, nahm Julias Hand und zog sie hinter sich her.
Am Flussufer angekommen breiteten sie ihre Decke aus. Julia setzte sich darauf, während Thomas den Picknickkorb auspackte. Er hatte eine Flasche Wein eingepackt, dazu Obst, Käse und frisches Brot. Julia sah sich unbehaglich um. Sie hatte sich auf diesen Ausflug gefreut, doch irgendwie war ihr unheimlich zumute. Sie konnte es nicht genau sagen, wieso. Lag es daran, dass niemand außer ihnen hier war? Sie konnte nicht einmal ein paar Spaziergänger oder Radfahrer auf dem Weg ausmachen, den sie gekommen waren. Oder lag es an der Stille? Nicht einmal das Rauschen des Windes in den Gräsern war zu hören. Es war, als ob die Welt die Luft anhielt.
„Thomas, mir gefällt es hier nicht. Können wir nicht woanders hingehen?“
Thomas sah sie an und für einen Moment verzerrte heftige Wut sein Gesicht. Doch der Ausdruck war so schnell verschwunden, dass Julia glaubte, sich getäuschte zu haben.
„Eben hast du doch noch gesagt, dass es dir gefällt. Und du wolltest doch ein einsames Plätzchen. Einsamer geht es nicht.“ Thomas lächelte sie strahlend an, doch seine Augen betrachteten sie berechnend. Er musste sie nur noch eine kurze Zeit bei Laune halten.
Julia lächelte gequält. „Ja, ich weiß. Aber irgendwie find ich es unheimlich.“
„Entspann dich!“ Thomas reichte ihr ein Glas Wein und Julia nahm einen tiefen Schluck.
Die Erde erzitterte. Julia ließ ihr Glas fallen. „Was war das?“
Thomas sah sie unschuldig an. „Was meinst du?“
„Die Erde hat gebebt!“ Der Boden erzitterte erneut und diesmal deutlich stärker. Julia sprang aus und ging einige Schritte zurück zum Weg. „Was geht hier vor Thomas? Ich will hier weg!“
Thomas hob sein Glas und prostete Julia zu. „Kannst du gerne haben, meine Liebe.“
Die Erde bebte erneut und riss Julia von den Füßen. Ein riesiger Wurm durchbrach den Boden und verschlag Julia samt dem Rasen, auf dem sie kniete. Thomas hörte kurz ihren Schrei, bevor er verstummte, als sich das Maul des Wurms schloss. Thomas hob ihm das Glas entgegen, als sich dieser langsam auf ihn zubewegte.
„Hallo, alter Freund. Wir müssen dringend daran arbeiten, diesen Ort hier angenehmer zu machen. Sie schöpfen immer noch Verdacht.“
Der Kopf des Wurms macht dicht vor Thomas halt und er fing etwas von dem Schleim, der ihm vom Maul tropfte mit seinem Weinglas auf.
‚Vergiss unsere Abmachung nicht, Mensch. Dein Leben, für ein anderes Leben!‘ Die Stimme des Ungetüms hallte noch eine Weile in Thomas´ Kopf nach, während der Wurm sich langsam unter die Erde zurückzog. Thomas trank den mit Wein vermischten Schleim und verzog angeekelt das Gesicht. Schnell goss er sich etwas nach und trank das Glas in einem Zug leer, um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Seit fast zweihundert Jahren kam er jedes Jahr hierher und brachte ein Opfer mit. Er wollte ewig leben und würde sich an die Abmachung halten.
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de

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