School‘s out forever – Tschüss Norrenbergschule

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Alice Cooper hatte es schon lange gewusst. Zum 100-jährigem Jubiläum des ersten Klassenraums der Norrenbergschule hat er 1972 seinen Welthit und gleichnamiges Album komponiert und veröffentlicht. Hier ein Textauszug:

„School‘s out for summer
School‘s out forever
School‘s been blown to pieces

No more pencils
No more books
No more teacher’s dirty looks

Norrenbergschule’s out completely“

Hier der Song bei Youtube: School's out forever

Jetzt 48 Jahre später ist seine Drohung wahr geworden:
Norrenbergschule’s been blown to pieces completely

Ohne Ankündigung ist somit ein weiteres Objekt der Gerther Geschichte verschwunden.

Vom Abriss des großen Schulgebäudes aus dem Jahre 1891 hat mein Fotofreund Georg Pohl
eine Fotoserie geschossen und dazu seine Gedanken zu seinem Kindheitstraum als Baggerfahrer gemacht und niedergeschrieben:

„Wie ein kleiner Junge habe ich mit meiner Frau am 8.5. über den Tag verteilt immer wieder am Zaun unter Bäumen auf dem Friedhof gestanden und den Abriss des Schulgebäudes angesehen. Der Bagger hatte es mir angetan, er sah aus wie ein Dinosaurier mit langem kräftigen Hals und einem Kopf mit einem gefährlichen Maul. Ich war fasziniert von den Fähigkeiten des Baggerführers, der scheinbar locker und bequem im Führerhaus in einem großen Sessel saß und mit den Händen und Füßen jede denkbare Bewegung mit dem Bagger ausführen konnte.
Mal biss das riesige Maul voll in die Mauer oder riss einen Stahlträger, der über die gesamte Hausbreite ging aus den Mauern heraus und legte seine Beute behutsam an unterschiedlichen Stellen um das Haus herum ab. Wenn eine Mauer bzw. ein ganzes Gebäudeteil krachend zu Boden gefallen war und der Staub mit Hilfe von vielen Wasserfontänen sich etwas gelegt hatte, holte das Monster mit einem Pinzettengriff zielgenau Holzbalken, Eisenrohre, Kabelstränge oder Heizkörper aus dem Schutthaufen, um die unterschiedlichen Materialien auf getrennten Haufen abzulegen.
Oder der Baggerführer packte mit seinem Greifer einen großen Balken und benutze ihn als Rammbock, um z.B. den Dachstuhl und Giebel zu erlegen.
Ganz dramatisch wurde es, als der Dachstuhl und die oberste Etage vom Bagger in Angriff genommen wurden.
Ganz nah fuhr der Bagger wie ein wildes Tier, das sich anschleicht, langsam an sein Opfer heran. Nur so reichte der Greifer bis zum Dach des Gebäudes. Dann ging es schnell: immer wieder biss der Greifer ins Volle, riss große Hausteile herunter, legte ab und packte sofort wieder zu. Wie im Blutrausch packte das Monster seine Beute schnell von allen Seiten, schüttelte, stieß und riss Hausteile herunter. Es kam mir so vor, als wollte der Bagger verhindern, dass das verletzte Haus mit letzter Kraft flüchten konnte. Nach wenigen Minuten war ein solcher Angriff vorbei, das Gebäude immer kleiner. Schließlich stand nur noch ein Gerippe. Nun wurde die Beute vom Bagger am Boden verteilt, z.T. den Mitarbeitern vorsichtig vor die Füße gelegt. Die Mitarbeiter sammelten aus dem Schutt alles Material, das getrennt werden musste.
Dann legte der Bagger eine Pause ein. Der Baggerführer stieg aus, steckte sich eine Zigarette an und betrachtete mit seinen Kollegen die Baggerschaufel. Der Bagger hatte wohl zu fest zugebissen, hatte keine Kraft mehr, vielleicht eine Kiefernverrenkung oder einfach nur einen defekten Druckluftschlauch. Die Schaufel musste gewechselt werden. Die Arbeitshandschuhe, die bei der Begutachtung gebraucht wurden, legte der Baggerführer auf die Panzerkette. Als der Bagger wieder losfuhr, lagen die Handschule noch auf der Kette und anschließend unter der Kette: Verlust gibt es eben immer. Die Arbeit begann wieder.
Zwischendurch vollzog der Bagger, der mittlerweile auf einem großen platten Haufen Steine stand, einen Positionswechsel wie bei einem Tanz. Mit der Baggerschaufel hob er die ganze Maschine auf einer Seite an, um sich auf der Stelle zu drehen und abzusetzen, um wieder anzugreifen.
Am Ende blieb nur noch eine letzte kleine Mauer übrig, der Baggerführer hatte seine Arbeit kunstvoll getan und ich dachte: Wie früher, ich wollte immer schon mal Baggerfahrer sein.
Und die Schule: ein äußerst solide gebautes hohes Haus, einst bestimmt der Stolz vieler Gerther, lag nach zwei Tagen in Schutt und Asche. Wie viele Schülerinnen und Schüler haben hier einst gebüffelt, bei Klassenarbeiten gefuscht, unter den Aufgaben gestöhnt, mit den Schulkameradinnen und Kameraden gespielt, Unsinn gemacht, gekämpft und auch gelernt? Wieviele Generationen von Lehrerrinnen und Lehrern haben hier gearbeitet, sich gefreut, wenn ihre Schützlinge etwas geleistet haben? Wie oft waren sie genervt von angeblich ungezogenen Kindern und haben zu kritischen (un)pädagogischen Maßnahmen gegriffen? Alles in Schutt und Asche – neue Häuser werden kommen.
Und doch: der Bagger war einfach genial.“

Beim Betrachten seiner Bilderserie habe ich mehr Mitleid mit dem kleinen Bäumchen in der Dachrinne, als mit dem alten Schulgebäude.
Trotzdem werde ich beim Abendspaziergang in der Stemke seine Umrisse in der untergehenden Sonne vermissen.

Es gibt scheinbar noch keine offiziellen Ankündigungen zur Verwertung des freiwerdenden Geländes. Auf Anfrage der WAZ sollen dort Ein- und Zweifamilienhäuser sowie Doppelhäuser gebaut werden. Dazu eine private Erschließungsstraße. Für diese hätte ich schon einen Namensvorschlag: „Anne Norrenbergschule“. Auch wenn viele Revierfremde fragen würden, wer denn diese Anne war.
„Aktuell können wir noch keine Aussage dazu treffen, wann wir mit dem Bau der Erschließungsstraße beginnen werden und wann die Grundstücke veräußert werden können“ informiert die Stadt Bochum.

Mehr über die Geschichte der Norrenbergschulen und viele Geschichten dazu gibt es hier zu lesen:
Aus den Anfängen der Gerther Schulgeschichte am Norrenberg
Von Gerd und Ilse Kivelitz (2000)

Die Schulgeschichte vom Norrenberg

Mehr Infos und Bilder von der Norrenbergschule vor dem Abbruch gibt es hier

Autor:

Klaus Gesk aus Bochum

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