Theater im Lockdown – und endlich wieder Live:
Besonderes Theater in besonderen Zeiten

Jele Brückner, Konstantin Bühler, Marius Huth in "Prometheus". Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Birgit Hupfeld.
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  • Jele Brückner, Konstantin Bühler, Marius Huth in "Prometheus". Pressefoto Schauspielhaus Bochum / Birgit Hupfeld.
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BOCHUM. Die junge Regisseurin Anna Stiepani ist in diesen corona-belasteten Zeiten mit herausragenden Inszenierungen aufgefallen:

Der verordnete Corona-Lockdown an den Theatern war für sie und ihre Künstler im Nachhinein betrachtet, geradezu eine Motivation, ja eine Qualitäts-Herausforderung. Stiepani gelang es in höchst spannender und origineller Weise mit vielen der immer wieder auch im bundesweiten Presse-Echo wunderbar benannten Schauspielern des Bochumer Ensembles, neue und vor allem „online-taugliche“ Theater-Formate zu entwickeln: Einfühlsame Spielarten für Einsamkeit und verrückte Gedanken-Karrussells, die unter anderem Jele Brückner, Anna Drexler, Gina Haller oder Michael Lippold in Stiepanis online-Projekt " Ich ist ein Robinson - Bochumer Inselgeschichten" einzigartig umsetzen konnten. Ein herrlicher Beweis für die Urkraft Theater - über alle Hindernisse hinweg - sein Publikum zu finden. Und noch immer im online-Programm des Schauspielhauses aufzurufen und zu genießen.


Viel Gut Essen“ von Sibylle Berg

ist eine weitere herausragende online-Theater-Arbeit von Anna Stiepani mit einem unerschrocken uneitel den Abgründen menschlichen Geistes sich aussetzenden Bernd Rademacher. Sein laut denkender und geistig immer mehr abtriftender „Querdenker“ redet sich beim Schnippeln der sorgfältig eingekauften Bio-Zutaten für ein gemeinsames Essen mit Ex-Frau und Sohn immer mehr in Wut- und Gewaltfantasien hinein. Bei hoher Aktualität leider sehr beeindruckend: Rassismus, Homophobie, Antisemitismus, Faschismus schleichen sich fast beiläufig an. Und eskalieren in einem auch optisch wie akustischen Vulkan-Ausbruch: Das langjährige Ensemble-Mitglied Rademacher verwandelt sich vom frustrierten, angepassten „Hausmann“ in einen diabolischen Wutbürger, der - von pink-lila Licht umflort - aus seiner Gedanken-Hölle ans Tageslicht tritt. Und da ist er auch schon, „der Indianer“ von der US-Capitol-Erstürmung am 6. Januar mit seiner Fellmütze.

Anna Stiepani hat keine Angst vor Emotionen:

Sie bettet die Handlung sehr intelligent mit musikalischen „Hämmern“ von Klassik bis Rock-Musik ein und reichert das Geschehen wohl dosiert mit Textpassagen aus Joseph Roths „Antichrist“ an. So gelingt ihr mit einem auf den Punkt inszenierten Theaterfilm ein kleines Wunder: Sie schenkte ihrem Schauspieler etwas, was ohne die Dimension des Filmens sonst ja nicht möglich ist: Die Gelegenheit mit sich selbst als Person zu agieren und das leibhaftig.

Für „Theatertiere auf Publikums-Entzug“:

ein im wahrsten Sinne des Wortes doppeltes Geschenk, das Rademacher überzeugend annimmt und uneitel voll auskosten darf:  Im Oppa-Sessel sitzend, sieht er sich selbst zu beim Zubereiten, Würzen und Kochen am Herd und kommentiert lustvoll aggressiv das Geschehen in der Projektion. Der fliegende Wechsel zwischen dem vom Schauspieler selbst voice-over gesprochenen Text, dessen Selbst-Gesprächen in der Küche und den Live-Einwürfen vom „Doppelten“ Rademacher aus dem Zuschauer-Sessel unten, ist ein multimediales Meisterstück, film-szenisch wie darstellerisch!

Der Spielort im oberen Foyer des Schauspielhauses, einem zur „Welthütte“ ernannten Wellblech-Bau (aus dem Ruhrtriennale Fundus von Marthaler-Ausstatterin Anna Viebrock, ressourcen-sparend zum „Kochstudio“ umgewandelt und bestens ausgestattet von Lan Anh Pham / Kostüme: Lasha Iashvili / Dramaturgie Vasco Boenisch) war ein Glücksfall! Die Kameras konnten schweben und magische Blickwinkel zwischen Raum und Zeit einfangen.

Die bei der Premiere „auf einen Kaffee“ verabredete Anna Stiepani schaffte es nicht vor dem Sommer. Und da war sie auch schon bei den Salzburger Festspielen unter Vertrag.

Danach hat „die Stiepani“ als Regisseurin mit dem Gefesselten Prometheus die erste Live-Premiere nach dem Lockdown im Schauspielhaus präsentiert:

Auch überregional als gelungener Aufschlag nach Corona wahrgenommen. Mit allem, was die Theaterkunst ihrem Live-Publikum bieten kann! Natürlich noch mit Abstands-Sitzen und 3-G-Regeln.

Das Eis wird gleich mit einer furiosen Vivaldi-Vierjahreszeiten-Overtüre gebrochen, die auch emotional den Raum sofort etabliert. Turid Peine hat eine Art kosmisches Gefängnis mit Eindrücken wie aus der Panorama-Glaskuppel der ISS oder einer gekippten Reichstags-Kuppel mit Ausblick in die Unendlichkeit geschaffen. Mobile Kameras übertragen Gesicht und Körper von Konstantin Bühlers am Boden liegenden und an schwere Ketten gefesselten Prometheus überdeutlich vergrößert auf eine Scheibe oder in Facetten in der Kuppel gespiegelt.

Während als Auftakt eine musikalische Overtüre erklingt, schnell die Erzählung der Vorgeschichte:

Prometheus hatte ohne Erlaubnis des neuen Götterchefs Zeus das Feuer zu den Menschen gebracht. Und damit auf der Erde den entscheidenden Kultur-Sprung oder - Bruch Richtung Zivilisation, Freiheit und - einfach unverzeihlich: - die Unabhängigkeit von den Göttern! ausgelöst. Zeus musste ein Exempel statuieren. Dass er seinerzeit nur mit Prometheus Hilfe seinen Vater besiegen und ihn als neuer Götterchef beerben konnte, hat Zeus längst verdrängt. Aischylos schrieb dieses Stück rund 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Bei ihm ist Prometheus schon an den Felsen geschmiedet und spricht mit seltenen Besuchern. Er ist ungebrochen in seiner Haltung und weiß sich auf der moralisch richtigen Seite - gegen Machtmissbrauch und politische Willkür - auf Seiten der Menschen und damit der Zukunft!

Und spätestens hier ist dann auch inszenatorisch wirkliches Regie-Handwerk gefragt:

Denn das antike Drama hat es auch in Sachen Textumfang in sich. Konstantin Bühlers Prometheus hat durch die Spiegelfacetten tatsächlich die Möglichkeit, auch gefesselt zu agieren und die klassische gebundene Sprache zum Klingen zu bringen. Was dem ganzen Ensemble ebenfalls großartig gelingt. Ein echtes Vergnügen, wie Meeresgott Okeanos, im Sinne des Wortes unterlegt von leisem Hufgeklapper und Meeresbrisen „anrauscht“. Bernd Rademacher legt ihn hier majestätisch an, wenn auch ein wenig steif und verlegen, auch ein bisschen rollen-eitel im schicken blauen Anzug und gekrönt von edlen weißen Elben-Haaren á la mode „Herr der Ringe“. Okeanos ist es doch irgendwie peinlich, dass er seinem Freund Prometheus nicht helfen kann... Er bietet ihm halbherzig an, sich bei Zeus für ihn zu verwenden. Prometheus müsste aber auch ein bisschen einlenken... doch der lehnt erwartungsgemäß ab. Gut für Okeanos, denn er hat sich längst mit Zeus arrangiert.

Ziemlich sensationell ist auch Marius Huth als Io:

die wird von Zeus im Liebesrausch vergewaltigt, anschließend mit Wahnsinn geschlagen und zudem in eine Kuh verwandelt (damit Zeus-Gattin Hera sie nicht finden kann), irrt Huth in roten und sehr unbequemen Hufschuhen verzweifelt durch die Gegend. Io ist ein noch größeres Zeus-Opfer als Prometheus. Der in ihr aber auch seine Chance auf Befreiung erkennt, denn ein Nachfahre von Io (der Halbgott Herakles) wird Prometheus vom Felsen erlösen.

Regisseurin Anna Stiepani hat mit viel Schwung und einem inspirierten, herrlich spielfreudigen Ensemble (u.a. Jele Brückner als Chorführerin und Okeanos Tochter, Lukas von der Lühe als Hephaistos und Dominik Dos-Reis als Kratos und Hermes) einen etwas sperrigen Klassiker elegant entrümpelt und das ganz ohne plumpe Aktualisierung. Aktuelle Bezüge und Assoziationen stellen sich dennoch ein, denn Machtmissbrauch, Willkür und Ungerechtigkeit, aber auch Haltung und Hoffnung auf Vernunft sind noch immer auf der Tagsordnung. Langanhaltender und sehr herzlicher Premierenapplaus für alle Beteiligten.

Weit und breit kein Wiener Kaffeehaus, aber auch im Bochumer „Tucholsky“ gibt´s guten Kaffee:

Anna Stiepani, Jahrgang 1989, kommt aus der Drei-Flüsse-Stadt Passau. Studiert hat sie Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Passaus Mehrsparten-Theater wird in der Branche nicht umsonst „Europas kleinstes Opernhaus“ genannt. Anna sagt, dass hier ihre Liebe auch zur Oper begann. Und Musik wie Musikalität spielt in ihren Inszenierungen immer eine entscheidende Rolle.

Erste theaterpraktische Erfahrungen als Schülerin:

Die machte Anna Stiepani im Theaterclub des Passauer Theaters: „Ich hab schnell gemerkt, dass die Bühne nicht wirklich etwas für mich selbst ist. Theater aber schon.“ - und erzählt von ihrer ersten Opern-Hospitanz in Köln bei niemand Geringerem als Klaus Maria Brandauer, als der dort Wagners „Lohengrin“ inszenierte. Dann ging´s für sie zum Studium nach Wien.

Es folgten Regieassistenzen bei den „ersten Adressen“:

Am Salzburger Landestheater, am Wiener Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen. Wo sie ebenfalls gute Lehrmeister traf, darunter Leander Haußmann, Herbert Fritsch, Antu Romero Nunes, David Bösch, Stefan Bachmann und auch mehrfach Johan Simons. Der Anna Stiepani dann 2019/20 fest nach Bochum locken konnte.

Erste Regiearbeiten zeigte sie 2013 beim Nürnberger Kammermusik-Festival und am Salzburger Landestheater, wo sie z.B. mit besten Kritiken „Das Tagebuch der Anne Frank“ auf die Bühne brachte. 2019 erarbeitete sie die Österreichische Erstaufführung von „Beben“ von Maria Milisavljevic (verstörende Geschichten aus dem durch Bruder-Krieg zerfallenden Jugoslawien), ebenfalls hoch gelobt, im berühmten Vestibül des Wiener Burgtheaters.

Anna Stiepani:
„Ja und dann, da war ich also plötzlich in Bochum. Nach langen Jahren in Wien. Und schon im Lockdown. Das war natürlich für alle hart. Von jetzt auf gleich allein. Ich fühlte mich wie auf einer einsamen Insel gestrandet. Da war das Robinson-Projekt  Ich ist ein Robinson.Bochumer Inselgeschichten ein wirklicher Lichtblick. Und ich hatte die Chance, Bochum und seine Menschen kennenzulernen. Hier leben und arbeiten, ganz besonders am Theater, wirklich tolle und herzliche Menschen, die mich angenommen und aufgefangen haben.“.

Viel Gut Essen  war ein Fest!“

Das bestätigt auch Solist Rademacher gern. Anna Stiepani weiter: „Wir mussten corona-bedingt alles neu denken und definieren. Die Form, die wir so gefunden haben, hat mich auch technisch auf den neuesten Stand beim Filme-Schneiden gebracht. Es war ein Höllenritt, aber es hat sich gelohnt.“. Sie ist aber doch sehr froh, dass Theater wieder vor Publikum stattfinden kann.

Anna Stiepani: „Theater ist das Medium für Menschen und ihre Geschichten. Es ermöglicht unmittelbare emotionale Erlebnisse. Ich will echte Stimmen hören (keine künstlichen), den Raum spüren und mit den Schauspielern ein Gefühl zum Text entwickeln. Theater ist auch ein sehr emotionaler Raum, in dem alles möglich ist! Sogar magische Momente! Und a propos "magisch": Als ich von Wien nach Bochum gezogen bin, hat mir jemand gesagt: In Bochum weint man zweimal. Zuerst, wenn man ankommt, aber auch, wenn man geht. Das kann ich nur bestätigen.“ (Der Spruch ist wohl von Leander Haußmann, einst hier Intendant. Anm. d. Red.).
Und durch dieses Zitat, da ist es raus: Anna Stiepani zieht weiter.

Nach diesen wirklich außergewöhnlichen Inszenierungen?!


Anna Stiepani:
„Ja, es ist schade. Ich habe gern hier als Regisseurin gearbeitet und hatte die Möglichkeit, mit wunderbaren Schauspielern zu arbeiten. Gerade kürzlich auch bei den Wiederaufnahmeproben zu Prometheus. Das war einfach toll und gut!

Was steht als nächstes an?

Anna lacht: „Ich habe das spannende Angebot angenommen, an der zum Staatstheater ernannten Nürnberger Bühne eine Uraufführung zu inszenieren: „Halt mich auf“ von Annika Heinrich. Es geht um Umbrüche, Reformen und Utopien. Das interessiert mich natürlich sehr. Ich recherchiere und arbeite schon an Möglichkeiten der Umsetzung und freue mich sehr auf die Arbeit mit den Kollegen dort.“ Premiere in Nürnberg ist Anfang März 2022. Und bis dahin stehen auch noch Jobs in anderen Medien an. Da kann sie noch ein bisschen ihre geliebte Wiener Wohnung im Siebten Bezirk genießen. Während der Salzburger Festspiele im Sommer 21 ließ ihr die Zusammenarbeit mit dem kollegial wie menschlich sehr von ihr geschätzten Jossi Wieler, Regisseur bei den „Bergwerken von Falun“, nicht die Zeit dazu. Von wegen: „Was machst Du im Urlaub?“.

Jetzt ist also die "Zeit des zweiten Weinens über Bochum" gekommen. Also dann, ein herzliches „Toi Toi Toi“ der so ernsten und so lebensfrohen, ebenso jungen wie erfahrenen Theater-Regisseurin Anna Stiepani. Alles Gute für „Nürnberg“- und alles, was unweigerlich danach an Karriere auf sie zukommt!

Vielleicht kommen ihr ja auch mal hier wieder in Bochum die Tränen - zu einem zweiten Willkommen! Dem Leander Haußmann, als er Jahre nach dem Abschied zur 100-Jahr-Feier des Schauspielhauses wiederkam, dem sind sie gekommen. Es ist ein merkwürdiges Ding mit diesem Schauspielhaus Bochum, seinen Mitarbeitern und seinem Publikum, ziemlich einmalig in der deutschsprachigen Theaterlandschaft. (cd)

Autor:

Caro Dai aus Essen-Werden

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