Abenteuer Aufwind: Mit Handicap und Mountainbike durch den Himalaya

Bei ihrer Tour durch Sikkim, einen der indischen Bundesstaaten im Himalaya, waren manchmal die Reisenden aus Bottrop eine Attraktion für die Einheimischen. | Foto: Michael Schmid
4Bilder
  • Bei ihrer Tour durch Sikkim, einen der indischen Bundesstaaten im Himalaya, waren manchmal die Reisenden aus Bottrop eine Attraktion für die Einheimischen.
  • Foto: Michael Schmid
  • hochgeladen von Judith Schmitz

Es geht immer nur richtig steil bergauf. Oder richtig steil bergab. Und dann das Ganze wieder von vorne. Eine Radtour durch den Himalaya ist eben kein Spaziergang.

Es waren mal wieder die sechs Teamleiter des Projektes „Abenteuer Aufwind“, die sich für diese teilweise ziemliche extreme Reise durch Sikkim zwei Wochen lang in den Sattel geschwungen haben. Der Geschäftsführer des Bottroper Sportbundes, Martin Schmid, hat „Abenteuer Aufwind“ vor einigen Jahren aus der Taufe gehoben. „Runter vom Sofa, rein ins Leben“ könnte man das Ziel kurz umschreiben, das mit dem inzwischen ausgezeichneten Projekt verfolgt wird. Mit „Abenteuer Aufwind“ sollen Menschen mit Handicap dazu gebracht werden, sich den gewissen „Kick“ zu holen und so neues Selbstbewußtsein und Lebensmut zu tanken.

Dass das funktioniert machen die Teamleiter vor. Sie alle haben selber Handicaps, von Multipler Sklerose (MS) über Krebs bis hin zu schweren orthopädischen Problemen. Doch das hindert sie nicht, sich immer wieder zu fordern - und mit Erlebnissen zu belohnen, die für immer im Gedächtnis bleiben werden.

„Trans Sikkim Himalaya Tour“ steht auf den hellblauen Shirts, die die Gruppenmitglieder tragen. Damit und vor allem mit ihren Hightech-Mountainbikes sind sie für die Einheimischen ein echter Hingucker. „Überall, wo wir Halt gemacht haben, waren wir sofort von Neugierigen umringt“, erzählt Martin Schmid. Die Menschen in Sikkim, einem indischen Bundesstaat, gelegen im Himalaya zwischen China und Nepal, sind aber nicht nur wissbegierig. Immer wieder werden die Reisenden aus Deutschland mit offenen Armen empfangen, mit dem traditionellen Schal, dem Kata, begrüßt und zum Tee eingeladen. „Und wir sind wohl öfter fotografiert worden als umgekehrt“, lacht der Sportler.
Übernachtet hat das Abenteuer Aufwind Team in Familien. „Hotels oder Pensionen sind unterwegs nicht zu finden, und es ist verboten, zu zelten“, sagt der Geschäftsführer des Bottroper Sportbundes. Nicht nur die Unterkünfte waren also recht einfach, auch das Essen. „Es gab eigentlich immer das Gleiche: Reis, irgendein Gemüse, so ähnlich wie Brennessel, und pro Person einen halben Hühnerschenkel“, berichtet Martin Schmid. „Morgens Brei, und weil wir ganz besondere Gäste waren, Toastbrot.“ Nicht allzu üppig für Sportler, die jeden Tag reichlich Bergkilometer zurücklegen müssen.

Übernachtung bei Familien

Aufgewogen werden alle Einschränkungen in Sachen Komfort und Verpflegung aber durch den hautnahen Kontakt mit den Menschen in Sikkim. Etwas Englisch, reichlich mit Händen und Füßen - irgendwie klappt es immer. Und nicht nur der Besuch aus Deutschland will viel wissen, auch die Gastgeber haben jede Menge Fragen. „Die waren alle sehr interessiert“, erinnert sich Martin Schmid. Was wächst bei euch, was esst ihr? waren so Fragen, die immer wieder kamen. „Mit dem Kopf haben sie geschüttelt, als wir ihnen erzählt haben, wieviele Sorten Käse oder Schampoo bei uns im Supermarkt zu haben sind. Reisen bildet, und man stellt durch solche Begegnungen auch immer wieder die eigenen Werte in Frage“, weiß Schmid.

Obwohl die sechs Teamleiter allesamt durchtrainierte Sportler sind, kamen sie auf der Sikkim-Tour durchaus an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Denn eines hatte die Gruppe bei ihrer Vorbereitung der Reise unterschätzt: Die teilweise unwegsame Landschaft, und vor allem die enormen Steigungen, die jeden Tag zu bewältigen waren. Da Sikkim kein klassisches Touristenziel ist, gibt es auch wenig Kartenmaterial, mit dem sich Tagesetappen verlässlich planen lassen. „Wir haben vieles anders erwartet“, gibt Martin Schmid zu. „Irgendwann hatten wir den Spruch drauf: Bis zu 15 Prozent Steigung ist flach, erst danach ist es dann steil“, grinst er. Flache Strecken, um etwas auszuruhen? Fehlanzeige.
Und auch der Zustand der Pisten stellte die Radler oft genug vor große Probleme. Nicht nur mächtige Steine auf den Wegen machten es unmöglich, die geplante Route an einem Tag zu schffen. „Nach dem Monsun waren an machen Stellen einfach keine Pisten mehr da“, schildert der Teamleiter. „Da mussten wir dann sehen, wie wir weiter kommen.“ Und gar nicht so selten musste der Drahtesel geschulter werden und es ging zu Fuß weiter.

Wer sein Fahrrad liebt, der trägt

Bei ihrer Rückreise nach Deutschland hat die Gruppe wieder das gleiche Fazit gezogen, wie schon bei ihren Touren durch den Oman oder die Atacamawüste in Chile: Niemand hat eine Verschlechterung seiner Krankheit verspürt, ganz im Gegenteil. „Wenn wir erzählen, dass wir alle ein Handicap haben, glaubt das niemand“, sagt Martin Schmid. Und vielen Menschen, die sich ebenfalls mit einem körperlichen Leiden herumschlagen, gibt es Mut zu sehen, was trotzdem alles möglich ist.

Das Projekt „Abenteuer Aufwind“ will Menschen mit Handicap aus dem Schneckenhaus holen und ihnen mit Abenteuersport ein neues Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit bieten.

Die meisten Trainer haben selbst ein körperliches Handicap und wissen, wovon sie reden.

Mehr Infos gibt es auf der Homepage von „Abenteuer Aufwind“ oder bei Martin Schmid, Bottroper Sportbund, Tel. 779000.

Freitags (18 bis 19 Uhr) wird in der Sportpraxis Rheinbaben Indoorcycling angeboten. Jeden zweiten Montag (19 bis 21 Uhr) wird im Malakoffturm geklettert. Anmeldung unter Tel. 779000.

Autor:

Judith Schmitz aus Bottrop

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

9 folgen diesem Profil

1 Kommentar

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.