Buchbesprechung
Wollenhaupt und das böse Haus

Gabriella Wollenhaupt: Ein böses Haus; grafit - Verlag Köln 2023; 217 Seiten; ISBN: 978-3-95859-005-5

Die 10jährige Lilli soll ihre schlafende Mutter getötet haben - mit einem Messer erstochen, um genau zu sein. Bildaufnahmen legen jedoch nahe, daß sie jemand dazu angestiftet hat. Die Staatsanwaltschaft muß die Ermittlungen jedoch einstellen - das kleine Mädchen ist ja schließlich noch strafunmündig.

Alix David, die Schwester der Ermordeten, möchte die ganze Wahrheit wissen. Also beginnt sie mit eigenen Ermittlungen. Schnell wird klar, daß das Motiv für den Mord in der Vergangenheit liegen muß - und daß einige der Mieter kein Interesse daran haben, daß dieses Motiv gefunden wird.

Wollenhaupt ist Jahrgang 1952. Die Journalistin, die viele Jahre als Redakteurin für Zeitung, Radio und Fernsehen gearbeitet hat, lebt mit ihrem Ehemann Friedemann Grenz in der östlichen Ruhrgebietsmetropole Dortmund.

Dort spielen auch die von ihr geschriebenen Kriminalromane um die Kriminalreporterin Maria Grappa. 30 Titel gibt es davon.

Die Bezüge zu den Krawall->Geschichten sind unübersehbar. Nicht nur direkt am Anfang, als ide Hauptperson und Ich-Erzählerin eine potentielle Szene aus einem dieser Romane wiedergibt.

Die Handlung spielt in Dortmund (das hier mal nicht "Bierstadt" heißt). Es gibt einen verliebten Polizisten mit Bezügen zur Ich-Erzählerin sowie einen aufdringlichen Schmierfinken, der über die Ereignisse in dem "Horror-Haus" schreibt.

Etwas ernster wird es zum Ende hin, wenn es um Themen wie Kindesvernachlässigung sowie psychische Erkrankungen (hier: Schizophrenie) geht. Sie müssen als Motive für den Mord herhalten.

Wollenhaupt agiert hier (als Autorin, als Schriftstellerin) unsauber. Seit den Klassikern (Christie, Wallace, Sayers) ist es der Leser gewöhnt, daß die Lösung stringent hergeleitet wird; inhaltliche und zeitliche Sprünge darf es da nicht geben. Zumindest in der Theorie soll der erfahrene Leser selbst die Möglichkeit haben, auf die Lösung zu kommen.

Dies ist ein Roman, wie er für die Wollenhaupt wohl üblich ist. Er bietet leicht verdauliche und oberflächliche Unterhaltung, bei der zumindest zwei Handlungsstränge (da geht es um einen Verkehrsunfall mit einem Todesopfer und Unfallflucht sowie Lilli - sie verschwindet aus dem Krankenhaus, ohne daß erzählt wird, warum sie weggelaufen ist, wo sie sich aufgehalten hat und wie sie wiedergefunden hat) zu Ende erzählt werden. Man kann dies durchaus als Mangel ansehen.

Seit Maria Grappa in Rente gegangen ist, versucht sich Wollenhaupt (teilweise zusammen mit ihrem Ehemann) an anderen Themen und Geschichten. Es bleibt abzuwarten, daß das Niveau bei zukünftigen Veröffentlichungen höher ist.

An dieser Stelle sei ein Wort über den Verlag erlaubt.

Der Grafit Verlag wurde 1989 in Dortmund gegründet. Seit dem 1. Januar 2019 gehört er zum Emons Verlag in Köln.

Rutger Booß gründete 1989 in Dortmund einen Privatverlag, in dem er Sachbücher und Kriminalromane veröffentlichte, deren Rechte er vom Weltkreis-Verlag übernommen hatte. Weltkreis war ein Verlag der politischen Linken, der 1987 vom DKP-nahen Pahl-Rugenstein Verlag übernommen worden war. Im Jahr 1989 ging der Pahl-Rugenstein Verlag insolvent, für den Booß als Lektor gearbeitet hatte.

Mitte der 2000er galt Grafit als Marktführer des deutschsprachigen Krimis, mit rund zwei Millionen D-Mark Jahresumsatz und sechs Angestellten.

Im Jahre 2010 wurde Booß mit dem Glauser-Ehrenpreis für besondere Verdienste um den Kriminalroman ausgezeichnet.

Und wie sieht das Programm aus?  Veröffentlichte der Verlag am Beginn seiner Tätigkeit auch Sachbücher, wurden ab 1999 nur noch deutsche Kriminalromane verlegt. Der Verlag publizierte pro Jahr etwa 20 neue Buchtitel. Mit Jaques Berndorf veröffentlichte Grafit einen Autor, dessen Werke es regelmäßig auf die Bestsellerliste schafften. Auch Jürgen Kehrers Bücher waren erfolgreich und außerdem verkaufte der Verlag durch ihn erstmals für seine Wilsberg-Reihe Filmrechte. Mit Büchern von Horst Eckert gewann der Verlag renommierte Literaturpreise, wie 1998 den Marlowe sowie den Friedrich-Glauser-Preis im Jahr 2001. Als Grafit ausschließlich Kriminalromane veröffentlichte, wurden auch internationale Buchtitel publiziert, insbesondere Spannungsliteratur aus Finnland.[7] Mit Matti Rönkä schaffte es ein internationaler Grafit-Autor im Jahr 2007 unter die Top 10 der Krimibestenliste.

Ab 2005 veröffentlichte der Verlag historische Romane. Mit Lucie Flebbe (damals unter dem Namen Lucie Klassen) und Marc-Oliver Bischoff wurden 2009 und 2013 zwei Autoren aus dem Grafit-Verlag mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten Debütroman ausgezeichnet.

Es wäre zu wünschen, daß der Verlag zu alter Güte zurückkehrt. Und beispielsweise gut geschriebene Ruhrgebiets- oder Niederrhein.-Krimis veröffentlicht, bei denen es eine Freude ist, sie zu lesen.

Autor:

Felicia Rüdig aus Duisburg

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