Ein böser Reinfall

Ein Zweitliga-Kick zweier Traditionsmannschaften ohne Präsens des Fernsehens und Hightech-Gedöns wäre heutzutage schier undenkbar. Vor 37 Jahren war das durchaus noch möglich, zumal Fußball und Kommerz seinerzeit noch nicht in einer untrennbaren Ehe lebten.

Der übertragende Sender hätte sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vor Freude kaum eingekriegt, denn im altehrwürdigen Georg-Melches-Stadion in Bergeborbeck lief eine denkwürdige Partie mit allerhöchstem Unterhaltungswert ab. Wetten, dass SPORT 1-Strategen, die sich selber gerne zum Ereignis machen, mit breitestem Grinsen von einem „Wahnsinnsspiel“ gesprochen hätten? Und der niedergeschlagene RWE-Trainer Rolf Schafstall wäre bei der Analyse um tiefgründige Fragen wie „Woran hat es denn bloß gelegen?“ nicht herumgekommen…

Rot-Weiß Essen, das zweieinhalb Monate zuvor die Bundesliga-Rückkehr gegen Karlsruhe trotz eines grandiosen Heimspiels knapp verpasst hatte, empfing also Eintracht Braunschweig. Sie war wieder da, diese tolle Atmosphäre an der Hafenstraße. Mit allen notwendigen Zutaten: ein wunderschöner lauer Sommerabend, Flutlicht, die hitzige Stimmung in der legendären Westkurve und 12000 erwartungsfrohe Besucher. Der Großteil blieb allerdings nicht bis zum Abpfiff. Begünstigt durch kapitale Fehler von RWE-Torwart Schneider, der in der Tat eine indiskutable Vorstellung bot, war nach einer Stunde die Luft völlig raus. Da hatten bereits auf Essener Seite Mill (26.) und Lippens (55.) ihre Elfmeter nicht untergebracht und Bruns (60.) gerade das 5:1 für die Gäste erzielt. Klausmann (69.) betrieb etwas Ergebniskosmetik, ehe Grobe kurz vor dem Abpfiff den demoralisierten Gastgebern zeigte, wie man Elfmeter verwandelt – zum 6:2-Endstand. Für die weiteren Treffer zeichneten Worm (2) sowie Merkhoffer und Tripbacher verantwortlich. Das erste Essener Tor zum zwischenzeitlichen 1:2 schoss Meininger.

Was ist noch in Erinnerung geblieben? „Ente“ Lippens, damals 34, konnte keine Akzente mehr setzen, dribbelte sich häufig fest und machte einen müden Eindruck. Der gefeierte Außenstürmer hatte zweifelsfrei seinen Zenit überschritten. Eine ganz starke Partie lieferte hingegen Nationaltorwart Bernd Franke. Ach ja: In der Halbzeitpause krächzte „Xanadu“ von Olivia Newton-John aus den Lautsprechern…

Am Saisonende trennten sich die Wege der beiden Vereine. Braunschweig stieg in die Bundesliga auf. Essen spielte keine gute Serie, war finanziell klamm und musste seine Leistungsträger verkaufen. Das Rad ließ sich nicht mehr zurückdrehen. Der Grundstein für die etwas später startenden „Über-die-Dörfer-Touren“ war gelegt.

Autor:

Frank Kaisler aus Moers

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