Dominikaner wird zum Borbecker auf Zeit

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Jean legte 8.000 Kilometer Luftlinie zurück, um Borbecker auf Zeit zu werden. Foto: Winkler
 
Jeans erster Schneemann - in dominikanische Flagge gekleidet. Foto: privat

Schneeballschlachten im Frühjahr, echte Nadeln am Weihnachtsbaum und Badespaß unterm Hallendach - an so manche deutsche Alltäglichkeit muss sich Jean Carlos Sanchez wohl noch gewöhnen. Trotzdem hat der 18-Jährige in Essen-Borbeck eine zweite Heimat gefunden. Doch sein Aufenthalt ist nur auf Zeit.

Schon am 7. Juli sitzt er wieder im Flieger Richtung Karibik. Genau dort, konkret in der Dominikanischen Republik, hat sein Abenteuer Deutschland im September begonnen.

„Ein Bekannter hatte bereits Erfahrungen als Austauschschüler in einem anderen Land gesammelt und mir davon berichtet“, erinnert sich Jean zurück. Das Land hatte er sich vor allem aufgrund des geschichtlichen Hintergrundes, der beiden Weltkriege, auserwählt. „Und wegen der Mentalität. Die Deutschen, so sagt man doch, wollen alles immer richtig und ordentlich machen“, grinst der Dominikaner, der sich inzwischen in diesem Vorurteil bestätigt fühlt. Sprachlich brachte er im Grunde kein Vorwissen mit. „Drei Monate, bevor die Reise los ging, hat der Deutsch-Unterricht begonnen.“ Mehr als ein Grundwortschatz war da natürlich nicht mehr drin.

AFS bringt Jugendliche aus der ganzen Welt in Gastfamilie

Organisiert wurde Jeans Auslandsjahr durch den „AFS Interkulturelle Begegnungen“, einen gemeinnützigen Verein für Jugendaustausch und interkulturelles Lernen. „Dabei versuchen wir immer, darauf zu achten, dass der interessierte Jugendliche und die Gastfamilie auch möglichst gut aufeinander abgestimmt werden“, erklärt Paulina, die selbst ein Jahr in Venezuela verbrachte und nun ehrenamtlich für den Verein im Einsatz ist. In diesem Falle trafen die Kriterien auf Familie Weber zu. „Die Profile, zum Beispiel Hobbies wie Sport und so weiter passten zusammen. Und meine Kinder haben beide Spanisch gelernt“, so die Gastmutter. Der 17-jährige Lukas hatte bereits einen Auslandsaufenthalt in Mexiko hinter sich, die 15-jährige Anika verbrachte überschneidet mit dem neuen Gastbruder einige Monate in Chile. Auch dabei war AFS unterstützend. „Es ist aber keine zwingende Voraussetzung, ebenfalls einen ausländischen Gast in der eigenen Familie aufzunehmen“, betont Paulina Schweikert. Genauso, wie man selbst nicht ins Ausland gehen muss, um Gastfamilie zu sein. „So ist auch der Begriff Familie sehr offen“, es könnten genauso Single-Haushalte Austauschschüler bei sich aufnehmen.

Paris, Berlin, Hamburg

Für Familie Weber war die Einladung eines neuen Familienmitglieds selbstverständlich, wenn auch zunächst eine spannende Herausforderung. „Man weiß ja nicht, wer da kommt, und was einen erwartet.“ Ebensowenig, wie das Leben oft planbar ist. „Jean ist da mitten in einen unerwarteten Umzug hineingeplatzt“, lacht seine Gastmutter.
Vielleicht aber lag es gerade an solchen Umständen, dass sich der neue Mitbewohner schnell in Borbeck einlebte und ganz natürlich ins Familienleben einfügte. Die deutsche Sprache lernte er flott, anfangs mithilfe von Lückentexten in einem Lehrbuch, dann über deutsche Filme mit Untertiteln und später schlicht in der direkten Kommunikation. Mit einem Doppeldeckerbus ging es einmal quer durch die Stadt, um die Umgebung auszukunden. „Das war sogar für uns Essener interessant“, empfiehlt die Familie solcherlei Aktivitäten dringend weiter. Gemeinsam war man im Ruhrmuseum, auf Villa Hügel, in der Zeche Zollverein, auch am Baldeneysee. „Ich glaub´, er kennt sich hier bald besser aus als ich“, befürchtet Lukas sogar. Natürlich blieb es aber nicht nur bei lokalen Ausflügen. Koblenz, Nordsee und Paris stehen auf der Reiseliste der vergangenen Monate, auch nach Hamburg möchte man noch gemeinsam reisen. „Und zwei Mal war ich in Berlin“, so Jean. Einmal mit der Familie, einmal in einer 20-köpfigen Gruppe von Austauschschülern. „Das gehört zum Programm“, erläutert Paulina. Unter dem Motto Demokratie & Toleranz“ ist so allen Teilnehmern nicht nur mindestens ein Ausflug mit geschichtlichem Hintergrund garantiert, sondern sie lernen auch noch eine zweite deutsche Familie kennen, in der sie während dieser Tage untergebracht werden.

Dominikaner lernt Schwimmen im Hallenbad

„Berlin war auch die schönste Stadt hier für mich“, schwärmt Jean, und ergänzt schnell, „gleich hinter Essen“. Was er darüber hinaus in dem Jahr gelernt hat? „Schwimmen“, gesteht der von der Insel stammende Besucher, „in einem Erwachsenenkurs“. Auch Eislaufen war (natürlich) neu für ihn. Aus dem Schulunterricht am Gymnasium Borbeck - aus Sprachgründen Pflichtprogramm, wenn auch mit abgespecktem Stundenplan - hingegen konnte er wenig mitnehmen. „Meinen Abschluss habe ich zuhause ja schon, nach dem Sommer beginne ich ein Studium.“ Ob dann Zeit und Geld für einen Besuch in Borbeck bleiben, ist unklar. Gewiss aber wird „geskypt“ und „gefacebookt“, wie er es auch mit der Großfamilie in der DomRep jetzt so lange Zeit getan hat.

Austauschfamilie werden und/oder auf große Reise gehen

AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. ist ein gemeinnütziger Verein für Jugendaustausch und interkulturelles Lernen. Die Organisation arbeitet ehrenamtlich basiert und ist Träger der freien Jugendhilfe. Das Ziel von AFS ist es, die Entwicklung von interkulturellen Kompetenzen zu fördern und so die weltweite Toleranz und Völkerverständigung zu unterstützen. Die von AFS durchgeführten Programme wurden von den Vereinten Nationen ausgezeichnet. Mehr als 350.000 Jugendliche und Gastfamilien haben in den vergangenen 60 Jahren an den AFS-Programmen weltweit teilgenommen.
Mehr allgemeine Informationen sowie konkrete Wege, Gastfamilie oder Austauschkanidat zu werden, gibt es unter www.afs.de !
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1 Kommentar
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 16.06.2013 | 01:32  
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