Ganz schön clever - "Bildungsregion Ruhrhalbinsel" vermittelt Technik schon den Kleinen

Uwe Wischolek (l.) engagiert sich ehrenamtlich für das Bildungsprojekt und tüftelt mit Melinda (5), Simon (4) und Timo (5) von der Kita Dellmannsfeld am Mini-Wasserwerk.
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  • Uwe Wischolek (l.) engagiert sich ehrenamtlich für das Bildungsprojekt und tüftelt mit Melinda (5), Simon (4) und Timo (5) von der Kita Dellmannsfeld am Mini-Wasserwerk.
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Ob Melinda einmal Maschinenbau-Ingenieurin, Mathematikerin oder doch etwas ganz anderes werden wird, steht jetzt noch in den Sternen - schließlich ist die kleine Dame gerade mal fünf Jahre alt.

Fest steht aber, Melinda aus der Kita am Dellmannsfeld weiß bereits, wie ein Wasserkraftwerk funktioniert und bringt das Modell mit gekonnten Handgriffen zum Laufen. Kinder für Technik zu begeistern - und das schon vom Kindergartenalter an - ist erklärtes Ziel des Projektes „Bildungsregion Ruhrhalbinsel“, das ebendort 2010 von Pädagogen und Praktikern aus Wirtschaft und Handwerk aus der Taufe gehoben wurde (der RUHR KURIER berichtete).
„Es ist wichtig, Kinder spielerisch an Technik heranzuführen“, betont Dr. Ralf Brauksiepe (CDU), Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der dem „Technik-Tag“ im neuen Gebäudetrakt des Gymnasium Essen Überruhr (GEÜ) beiwohnt, an dem das Konzept erneut vorgestellt wird. An verschiedenen Stationen präsentiert hier der Nachwuchs - vom Kindergartenkind über den Grundschüler bis zum Gymnasiasten - seine Technik-Projekte. Auf den Tischen voll funktionsfähige Modelle von Wasser- und Windkraftkraftwerk, einer Solaranlage, einem Generator, einer Pelton-Turbine und einer Brennstoffzelle. Zusammen sorgen diese Aggregate für nachhaltige Stromerzeugung. „Das Ganze ist als Gemeinschaftsprojekt anzusehen“, erklärt Rudolf Hahne. Der Pädagoge vom IQP e.V. in Meerbusch hat die ausgeklügelte „Hardware“, die die Kinder und Jugendlichen zum Experimentieren, Tüfteln und selbstständigen Lernen anregt, ins Spiel gebracht.
Mit seinem Konzept von der praktischen Auseinandersetzung mit technischen und naturwissenschaftlichen Inhalten ist Hahne vor drei Jahren auf der Ruhrhalbinsel auf fruchtbaren Boden getroffen.
Sachzwänge - etwa die Notwendigkeit, umweltschonend Strom zu erzeugen - und die immer weiter fortschreitende Technisierung unseres Alltags durch neue Produktions- und Montageverfahren messen dem technischen Wissenssektor einen immer höheren Stellenwert bei. „Fachkompetenz in diesem Bereich wird immer wichtiger“, so Ralf Brauksiepe. Angesichts der bundesweit 42 Mio. arbeitenden Menschen und dem aufgrund von Altersstruktur und veränderten Anforderungen der modernen Welt absehbaren Bedarf an technischen Fachkräften in den kommenden Jahren und Jahrzehnten sei es jetzt entscheidend, den Nachwuchs entsprechend zu fördern. „Dabei ist es wichtig, die Mädchen und Jungen spielerisch an Technik heranzuführen“, erklärt der Bundestagsabgeordnete, denn sie sollen Spaß an der Sache haben. „Es geht nicht darum, die Kinder in eine bestimmte Richtung zu trimmen.“
Dr. Joachim Schneider, Technikvorstand bei der RWE Deutschland AG, die das Bildungsprojekt finanziell und inhaltlich unterstützt, zeigt den künftig drohenden Fachkräftemangel auf: „In absehbarer Zeit steht uns der Nachwuchs nicht mehr in dem Maße zur Verfügung, wie wir ihn brauchen.“ Wichtig sei, insbesondere auch Mädchen in diesem Bereich zu fördern. „Die brauchen wir, um die Herausforderungen in den nächsten Jahren zu meistern. Stichwort Energiewende.“ Der RWE-Technikvorstand lobt: „In diesem Projekt wird die komplette Bandbreite der MINT-Fächer geübt.“
Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (= MINT) bereits den Jüngsten und besonders Mädchen zu vermitteln - dafür sorgt eine Vielzahl von Projekten, Arbeitsgemeinschaften und Unterrichtseinheiten der mittlerweile sieben beteiligten Kitas und Schulen. „Neben der katholischen Kita Burgaltendorf sind nun auch die Kita Dellmannsfeld und der Suitbert-Kindergarten beteiligt; außerdem - von Projektbeginn an - die Grundschule Burgaltendorf und das GEÜ sowie jetzt auch die neue Gemeinschaftsgrundschule Überruhr und die Realschule Überruhr (Letztere eine MINT-Schule, d.h. mit besonderem Bildungsschwerpunkt bei diesen Fächern; Anm. der Red.)“, erläutert Bezirksbürgermeister Heinz-Dieter Schwarze (CDU), der sich als Privatmann ehrenamtlich für dieses Bildungsprojekt engagiert.
Ohne Ehrenamtliche, die sogenannten „Kümmerer“, kommt das Unterfangen nicht aus: Das sind Berufspraktiker wie Johannes Brauksiepe, der dem Projekt seit Anbeginn mit seinem Know How und Anwendungsbeispielen aus dem Arbeitsalltag zur Seite steht. Der Installateurmeister aus Burgaltendorf hat mitunter seine liebe Müh‘, geeignete Ausbildungskandidaten zu finden. „Firmen haben große Probleme mit unvorbereiteten Schulabgängern“, weiß auch Rudolf Hahne. Daher sei es heute ganz wichtig, Technik verstärkt in die Schulen zu bringen. Dabei ist der Pädagoge zuversichtlich: „Kinder können mehr, als man denkt“, und er betont: „Reine Theorie nützt gar nichts“, learning by doing sei der richtige Weg.

Ohne "Kümmerer" kommt das Projekt nicht aus

Das kann auch Uwe Wischolek unterschreiben. Der Vater in Elternzeit kommt zweimal die Woche in die Kita Dellmannsfeld, um mit den Kindern am Wasserwerkmodell zu tüfteln. „Aber höchstens 45 Minuten, danach wird getobt oder etwas anderes gemacht. Die Kinder spielen zu lassen ist wichtig“, betont der ehrenamtliche Helfer. Barbara Grobe, Leiterin der Kita Dellmannsfeld, ist immer wieder erstaunt, „welche versteckten Talente in den Kindern schlummern“ und sie ist froh über diese gänzlich neue Perspektive: „Das Projekt deckt einen Bereich ab, der in den Erziehungswissenschaften eher unterrepräsentiert ist.“
Ohne Eltern, die dahinter stehen, kommt das Projekt auch nicht aus. Heinz-Dieter Schwarze ist erfreut, dass sich so viele Mütter und Väter dafür engagieren. In der Kita Dellmannsfeld will man im Frühjahr einen Aktionstag zum Thema Technik durchführen und weitere Eltern als Kümmerer gewinnen. Der Werkraum in der städtischen Kindertagesstätte ist eigens dafür zum Technikraum umgewandelt worden. Jeweils vier der insgesamt 54 Kinder kommen nacheinander in die Technikgruppe. „Wir sind momentan dabei, noch mehr Kinder dort hineinzubringen“, so Barbara Grobe, „es gibt schon viele Anfragen von Eltern.“
Infrastrukturelle Probleme dieser Art sind am GEÜ unbekannt. Der Technikraum im neuen Gebäudetrakt lässt quasi keine Wünsche offen: An jedem der Gruppentische gibt es Stromzufuhr. „Das hat den Vorteil, dass die Schüler das Projekt überall in Gruppenarbeit durchführen können“, erläutert Annelie Hegemann, Lehrerin für Mathematik und Physik am GEÜ. Interaktive Tafeln sorgen dafür, dass man das Tafelbild sichern und auch Filme abspielen kann. Ein großer Vorteil ist auch der Internertzugang in den Neubau-Räumen. „Die Schüler können schnell etwas recherchieren, denn die Arbeit soll immer selbstständiger werden“, so Annelie Hegemann.
Seit drei Jahren ist die Technik-AG fester Bestandteil im Ganztagsangebot des GEÜ. Ein gesteigertes Interesse ist deutlich spürbar und so wird seit dem laufenden Schuljahr 2012/2013 das Fach Technik auch im Wahlpflichtbereich II der Jahrgangsstufen 8 und 9 angeboten. 20 Schüler haben sich am Gymnasium an der Langenberger Straße bislang für das Fach Technik entschieden. Zurzeit sind das noch 17 Jungen und drei Mädchen. „Die Mädchen haben oft noch Scheu“, erläutert Kerstin Spieker, Lehrerin für Technik, Chemie und Mathematik der Sekundarstufen 1 und 2 am GEÜ. „Es zeigt sich aber, dass sie ihre Sache gut machen. Man muss die Mädchen immer wieder ansprechen und ihnen vermitteln, das auch einmal zu probieren“, ist die Lehrerin überzeugt. Ziel am GEÜ sei überdies, das Fach Technik ins Curriculum aufzunehmen.
Und wenn das Projekt weiterhin wächst und gedeiht, wird sich die Frage Technik ja oder nein auch für Mädchen vielleicht gar nicht mehr stellen. Ein paar Jahre noch, und Melinda wird die Antwort kennen.

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