Gedanken
🕴️ Der Mann, der seinen Schatten verlor!
- hochgeladen von Thomas Ruszkowski
Es war ein Dienstagmorgen, als Herr Theobald seinen Schatten verlor.
Er bemerkte es nicht sofort. Erst als er an der Bushaltestelle stand und die Sonne schräg über die Dächer kroch, fiel ihm auf, dass etwas fehlte. Die anderen warfen lange, dunkle Silhouetten auf den Asphalt – er jedoch stand da wie ausgeschnitten aus der Realität, ohne Umriss, ohne Tiefe.
„Seltsam“, murmelte er und trat einen Schritt zurück. Nichts. Kein Schatten.
Zuhause durchsuchte er das Internet: „Was tun, wenn der eigene Schatten verschwindet?“ Die Ergebnisse waren enttäuschend. Ein Forum für Esoterik schlug vor, dass sein inneres Gleichgewicht gestört sei. Ein anderer Artikel behauptete, Schatten seien nur Projektionen der Seele – und wenn sie sich lösten, sei das ein Zeichen für bevorstehende Veränderung.
Veränderung? Theobald war Buchhalter. Sein Leben war eine Excel-Tabelle.
Am dritten Tag ohne Schatten begann er, ihn zu vermissen. Nicht aus praktischen Gründen, sondern aus einem seltsamen Gefühl der Einsamkeit. Als würde ein Teil von ihm fehlen, der ihn sonst still begleitete, durch Licht und Dunkelheit.
Dann, eines Abends, sah er ihn wieder.
Der Schatten stand unter einer Straßenlaterne, lehnte lässig an einer Mauer und rauchte. Theobald trat näher. Der Schatten blickte nicht auf, aber sprach:
„Du hast mich nie beachtet. Immer nur geradeaus, nie nach unten. Ich war müde, dir zu folgen.“
„Aber… du gehörst zu mir.“
„Vielleicht. Aber ich wollte sehen, wie es ist, frei zu sein.“
Theobald setzte sich neben ihn. Sie schwiegen lange.
Am Ende stand der Schatten auf, warf die Zigarette weg und sagte: „Ich komme mit. Aber diesmal gehst du nicht einfach. Du tanzt. Du springst. Du lebst.“
Seitdem sieht man Theobald manchmal auf dem Marktplatz tanzen, mitten am Tag, mit einem Schatten, der sich nicht mehr nur hinter ihm hält – sondern manchmal auch vor ihm geht.
Community:Thomas Ruszkowski aus Essen-Ruhr |

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