Kurzgeschichte
Als der Schnee brannte
- hochgeladen von Thomas Ruszkowski
In den endlosen Weiten der Tundra, wo der Schnee wie ein ewiger Schleier über der Erde lag, lebte eine alte Schneeeule namens Arva. Ihre Federn waren so weiß wie der Mond, ihre Augen golden wie die Sonne über dem Eis. Arva war klüger als alle anderen Tiere des Nordens, denn sie hatte viele Winter überlebt und kannte die Sprache des Windes.
Eines Tages, als die Welt noch schlief und der Himmel sich in einem unnatürlichen Rot färbte, spürte Arva eine Unruhe in der Luft. Die Tiere versteckten sich, die Stille war drückend. Dann kam der Blitz.
Es war kein gewöhnlicher Blitz. Kein Wetterphänomen, kein Spiel der Natur. Es war ein Licht, heller als alles, was Arva je gesehen hatte – ein gleißender, weißer Schrei, der den Himmel zerriss und die Erde erzittern ließ. Arva, hoch oben auf einem kahlen Ast sitzend, sah ihn kommen. Und in diesem Bruchteil einer Sekunde, bevor ihre Augen für immer erloschen, sah sie die Wahrheit.
Sie sah die Städte, die Menschen, ihre Maschinen. Sie sah die Gier, die Angst, die Entscheidung. Und sie sah das Ende – nicht als Zerstörung, sondern als Neuanfang. Denn in der Dunkelheit, die folgte, hörte sie wieder den Wind. Er sprach von Heilung, von Zeit, von Geduld.
Arva lebte weiter, blind, aber nicht verloren. Sie wurde zur Legende unter den Tieren – die Eule, die das Licht sah und überlebte. Und wenn der Nordwind durch die Bäume flüstert, erzählen die Wölfe noch heute von ihr: von der Schneeeule, die den Atomblitz sah und die Welt verstand.
Community:Thomas Ruszkowski aus Essen-Ruhr |

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