Schiedsfrauen in Essen: Erst 30 Jahre!

Amtsschild von Ingeborg Kalipke, 1987
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Das Schiedsamt, 1879 in Essen eingeführt, war eine reine „Männerangelegenheit“. Der Gesetzgeber eröffnete Frauen erst 1926 die Möglichkeit das Amt zu bekleiden indem die „Preußische Schiedsmannsordnung“ um den Zusatz ergänzt wurde: Zu dem Amte des Schiedsmanns können auch Frauen berufen werden.
Eine tatsächliche Konsequenz hatte die Gesetzesnovellierung in Essen jedoch nicht. Schließlich führte das Gesetz sinngemäß weiter aus, dass den Frauen die Ausübung des Amtes die Fürsorge für ihre Familie in besonderem Maße erschwert [sic], welches ein Ausschlusskriterium zur Wahl als Schiedsmann darstellte.

Die ersten Frauen: Nur Stellvertreterinnen

Während der NS-Herrschaft wurde Frauen die Möglichkeit das Schiedsamt auszuüben sogleich wieder verwehrt. So sollte es bis 1951 dauern, bis mit Adele Laue und Luise Mey immerhin zwei Schiedsmannstellvertreterinnen in das Amt berufen wurden. Zum Einsatz kamen sie jedoch nie. Das Essener Schiedsamtswesen blieb eine Männerdomäne!
Schiedsmann Heinrich Loos aus Kettwig führt in seinem Tätigkeitsbericht für das Jahr 1956 neben der Zahl und Art der Schlichtungsverhandlungen auch einen Grund dafür auf, warum er nur so wenige Streitfälle schlichten konnte:
Wenn es mir nur in 10 Fällen gelang einen Vergleich herbeizuführen, so mag dieses Wohl zum Teil – und meiner Meinung nach – daran liegen, daß Frauen weniger zu einer friedlichen Bereinigung einer Sache neigen, was ich immer wieder feststellte.[sic]
Sollte daraus auch der Schluss gezogen werden, dass Frauen weniger gut geeignet sind als Streitschlichterin tätig zu werden?

1984 erschien in der NRZ-Essen ein Artikel der in der Überschrift u.a. feststellt:
„Güteverhandlungen liegen fest in 88 Männerhänden“
Weiter heißt es in dem Artikel: […] 44 Schiedsmänner gibt es in Essen, sie alle haben ein Amtsschild neben der Wohnungstür. Das auf den Faltblättern des Justizministers abgebildete NRW-Wappen unter dem in großen Buchstaben „Schiedsfrau“ steht, sucht man in Essen vergeblich. Die nächste schlichtet in Gelsenkirchen.

Drei Jahre später, vor 30 Jahren, lassen sich dann endlich unter den 44 Schiedspersonen auch die ersten Frauen finden. Es sind Brigitte Toussaint, Anne Kämper, Maria Friese und Ingeborg Kalipke. Schiedsfrau Kalipke indes weigerte sich, das Amtsschild mit der Aufschrift „Schiedsmann“ an ihre Wohnungstür anzubringen. Sie bekam schließlich ihr Amtsschild mit der Aufschrift „Schiedsfrau“.
Weitere Frauen folgten den ersten Schiedsfrauen: Ingrid Obst, Irene Arndt, Margarete Roderig, Gerda Demmler, Brigitte Schumann, Manuela Molitor und Irmgard Pieniak. Die drei letztgenannten sind übrigens noch immer als Schiedsfrauen im Dienst. Ihnen steht die Zahl von derzeit 10 männlichen Kollegen gegenüber.

1988 stellt die Bezirksvereinigung Essen im Bund Deutscher Schiedsmänner (BDS) auf Vorschlag der Schiedsfrau Maria Friese den Antrag, die Bezeichnung des Bundesverbandes in eine Geschlechtsneutrale Vereinsbezeichnung abzuändern.
Von den über 900 Schiedspersonen in der 138jährigen Geschichte des Schiedsamtes in Essen waren bis heute nur 13 Frauen als Streitschlichterin tätig.

Die heutigen Amtsschilder führen die Bezeichnung „Schiedsamt“ und die Interessenvertretung der deutschen Schiedspersonen nennt sich heute „Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen e.V.“

Weitere Informationen über das Schiedsamt in Essen findet man hier

Amtsschild von Ingeborg Kalipke, 1987
Amtsschild der Schiedspersonen, 2017

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