Ein Videospiel erwacht zum Leben

Heiße Kämpfe bei heißen Temperaturen: So manch ein Pokémon-Gamer kam ins Schwitzen. | Foto: Antonia Heller
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  • Heiße Kämpfe bei heißen Temperaturen: So manch ein Pokémon-Gamer kam ins Schwitzen.
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Es regnet kurz, eine angenehme und frische Abkühlung bei der drückenden Hitze der letzten Tage. Was sollen wir tun, wenn das angesagte Gewitter kommt, fragt einer, doch daraufhin wird nur abgewunken. Das Wetter wird schon noch. Es muss einfach, eine Absage wäre zu deprimierend. Schließlich arbeiten alle seit Monaten an ihren Kostümen, um den knapp 300 Teilnehmer heute ein Erlebnis ohnegleichen bieten zu können.

Es ist das Wochenende der Grugapark-Pokeliga, kurz „GrugaLiga“, eines Larp-Events der Pokémonszene. Pokémon, würde der ein oder andere jetzt sagen, das hat man doch schon mal im Zusammenhang mit Videospielen und Japan gehört. Um genau zu sein ist "Pokémon" eine Videospielreihe, die aktuell für den Nintendo 3DS und Nintendo 2DS - einer Handheld-Konsole, die ungefähr das Format eines Gameboys hat und portabel ist - erscheint.  Weltweit hat das Spiel rund um die kleinen, fiktiven Monster großen Anklang gefunden, so auch in Deutschland.
Der Samstag steuert langsam auf zehn Uhr zu, die Teilnehmer der "GrugaLiga" drängen sich ungeduldig hinter die Absperrlinie. Gleich beginnt die Eröffnung, der Weg in eine andere Wirklichkeit. Denn für einen Tag lang übernehmen sie, knapp 300 Fans aus ganz Deutschland, die Rolle des Hauptcharakters ihres Lieblingsspiels: Sie dürfen kleine Rätsel und Quests lösen und in Arenen antreten, um Orden zu gewinnen. So ein Schabernack, denkt sich der Laie, so eine geniale Idee, denkt sich der Pokémonfan.

Kämpfe bestreiten und Orden sammeln 

Geschützt vom Dach des Musik-Pavillons beginnt die Eröffnungsrede. Damit niemand etwas missversteht, wird das Prinzip der Veranstaltung noch einmal erläutert. Der kleine Pass, der mit den acht vorgedruckten Lücken am Eingang verteilt wurde, den gilt es zu füllen. Die dazu benötigten Sticker - hier auch in Anlehnung an das Spiel als "Orden" bezeichnet - erhält man in den Arenen. Orte, an denen man via Drahtlosfunktion des Nintendo 2DS oder 3DS gegen Mitstreiter der Gruga kämpfen kann. Wer das Match gewinnt, erhält einen Orden. Ist der Pass gefüllt, bekommt man die Chance, sich für die Endkämpfe anzumelden.
Das Kollektiv lauscht den letzten Worten der feierlichen Eröffnung, als der sachte Regen allmählich abklingt. Die Sonne lugt wieder hinter den Wolken hervor, das Wetter bessert sich. Zum Glück der Teilnehmer, die nun in Schwärmen aus dem Musik-Pavillon in alle Himmelsrichtungen strömen und die sonst menschenarmen Wege füllen. 
Hier und da bleiben ein paar Personen stehen und blicken unsicher auf die zuvor beim Einlass verteilte Karte der Gruga. Ist dort die Archäologie-Arena? Oder ist das der Friseursalon?
Nur das Design der Orden und ein kleiner Hinweis auf der Rückseite der Karte geben Aufschluss darüber, an welchem Standort man welche Themen-Arena finden kann. Klingt es spannender, gegen die Piraten zu kämpfen, oder lieber gegen die olympischen Götter? Manch ein Teilnehmer quält sich sichtlich bei der Auswahl ab, schließlich stehen insgesamt 15 Arenen zur Verfügung. Und die Neugierde, wie diese jeweils im Einzelnen aussehen, ist groß. Denn eigens für die GrugaLiga haben die Veranstalter ihre Cosplays, wie die themengebundenen Kostüme im Fachjargon genannt werden, entworfen und umgesetzt.

Wartezeitverkürzung durch weitere "GrugaLiga" Charaktere

Auch die Passanten schauen neugierig zu der Ansammlung von Menschen herüber, die teilweise verkleidet mit ihren Konsolen in der Hand in der Gegend herum stehen. Oder warten, da der Andrang zu groß ist. 
Doch plötzlich kommen zwei dunkel gekleidete Menschen von der Seite an und werfen den Wartenden laute Sprüche um die Ohren. "Was willst du in unserer Hood?" Manche lachen, manche zeigen sich unbeeindruckt und schauen nicht einmal auf. Sie wollen eindeutig nicht gegen einen NPC kämpfen, da sie im Turnier-Modus sind. 
"Non-player character", kurz NPC, sind Figuren, die für die Haupthandlung irrelevant sind und dazu dienen, die Wartezeit zu verkürzen. Genau wie die Arenaleiter kämpfen die NPCs über den Drahtlosmodus. Wer gewinnt, bekommt ebenfalls einen Sticker, der jedoch keinen Arenaorden ersetzt. Erst wenn man fleißig genug ist und sechs Sticker sammelt, kann man diese gegen einen Orden eintauschen.

Viele NPCs auf den Wegen versteckt 

Vielleicht begegnet man auf seiner Reise durch die Gruga ja noch der Holzfällerin oder der Hüterin des Waldes. Teilweise neigen NPCs nämlich dazu, einfach aus den Büschen zu springen. 
Der Kampf mit dem NPC ist vorüber, doch der Sieger schaut nicht einmal auf, als ihm der NPC-Sticker überreicht wird. Im Turnier-Modus sind Nebenaufgaben nicht wichtig. Relevant ist, in der gegebenen Zeit alle Orden zu sammeln, damit man bei den Endkämpfen mitmachen kann. Bei eben Genannten messen sich die Teilnehmer untereinander und klären, wer zu den besten Spielern des Tages gehört.
Sie sind neugierig darauf, welche Preise sie erwarten. Mit großen Sponsoren wie Nintendo, Amigo und dem ADAC, aber auch kleinen und teils privaten Unterstützern, können das nur eine Vielzahl an interessanten Produkten sein. Selbst die Organisatoren haben gestrahlt wie Honigkuchenpferde, als sie neben Plüschtieren, handgestickten Bildern und älteren Pokémonspielen auch Vorbestellungen kommender Nintendo Switch-Spiele auf die Liste setzen konnten. 
Anders ergeht es den Spielern des "Story-Modus". Sie stürzen sich regelrecht auf jede noch so kleine Nebenaufgabe, jagen den NPCs für jenen seltenen Orden nach und bekämpfen gleichzeitig das böse Team - ebenfalls eine Nebenaufgabe, bei der man eine bestimmte Gruppe im Grugapark aufspüren und bekämpfen muss. 

"Meet and Greet" mit "Lennyficate"

Eine kurze Zeit lang wird es hektisch in der Nähe der Orangerie und eine Nachricht geht in der grugaligainternen Internetgruppe umher. "Lenny ist da. Wer ein Autogramm möchte, soll mich anschreiben."
Es ist ganz klar das Highlight des Tages. Die Szene der Pokémonfans hat viele Plattformen erobert, so auch Youtube. Blogger, die Pokémon als Hauptthema für ihren Channel nutzen, nennt man "Pokétuber", und "Lennyficate" ist in dieser Szene einer der Bekanntesten. Auf das „Meet and Greet“ mit dem Star der Szene haben viele Teilnehmer hingefiebert. Doch auch die Mitstreiter der GrugaLiga sind hibbelig vor Freude, dass sie die Möglichkeit auf ein Autogramm bekommen. 

Nicht jeder bleibt bis zum bitteren Ende

Um 17 Uhr wird es leerer auf den Wald- und Parkwegen, die kampflustige Meute versammelt sich wieder am Ausgangspunkt. Die Zeit zum Ordensammeln ist vorbei, nun geht es an die Endkämpfe. Hier und da verirrt sich noch ein einzelner Teilnehmer in die Arenen, die jedoch schon abgebaut werden. Glücklich und müde zugleich begibt sich das "GrugaLiga"-Team langsam zur Basis zurück, der Stress der letzten Tage hat sich gelohnt.
Auch die Resonanz unter den Teilnehmer ist durchweg positiv. So fasst es auch eine Teilnehmerin, die 26-jährigen Jessica, zusammen: „Es macht total Spaß andere Pokémonfans zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Die Wartezeiten sind recht lang, aber ansonsten ist das ein super Event!“ 
Nun können die Veranstalter hinter der Bühne gelassen den Abend mit dem traditionellen Pizzaessen ausklingen lassen, während die Teilnehmer auf der Bühne noch etwas schwitzen müssen. Die vierte Auflage der "GrugaLiga" ist gelungen, da ist man sich einig. Bei einem kleinen Plausch lässt man den Tag Revue passieren, überlegt, was man eventuell nächstes Jahr machen kann. 
Das Ermitteln der Sieger dauert länger an, als die meisten Arenaleiter und NPCs vor Ort sind. Viele sind weit gereist, teilweise sogar von München aus, und müssen am Abend noch die Rückfahrt antreten. Der Himmel über dem Grugapark ist wolkig, leicht rosa, als die meisten sich verabschieden und die Siegerehrung nicht mehr mitbekommen. Vielleicht sieht man sich ja wieder, im nächsten Jahr, bei der fünften "GrugaLiga". Ideen sind vorhanden. Nun muss nur noch das Wetter mitspielen, doch die Sonne lächelt zuversichtlich. 

Autor:

Nikola Leinweber aus Gelsenkirchen

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