Verkaufen? Mode? Ich? Selbstversuch: Daniel Henschke allein unter Frauen - bei Modesso Moden

„Florale Designs sind nichts für die Dame!“ Finden Gudrun Neumann und „Kollegin“ Chantal Jansen (r.) auch.
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  • „Florale Designs sind nichts für die Dame!“ Finden Gudrun Neumann und „Kollegin“ Chantal Jansen (r.) auch.
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Ein letzter Blick ins spiegelnde Schaufenster – Frisur sitzt, Hose und Hemd auch. Ich kann es also wagen. „Herzlich willkommen!“ Eine fröhliche Begrüßung – das Outfit passt also…

Da hatte Julia Urselmann diebische Freude: „Ach übrigens, Daniel, Du gehst nächste Woche Damenmode verkaufen!“ Verkaufen? Mode? Ich? Im Rahmen unserer sommerlichen Selbstversuche durchaus vertretbar, meinte die Kollegin.
Der Tag rückt näher, die Nervosität steigt. Die Kleiderordnung sei nicht so streng, „aber gepflegt schon“. Also Rasieren und Haareschneiden, die neue Jeans rauslegen…

Ein skeptischer Blick und schon geht's los

Nun stehe ich also bei Modesso Moden in der Hauptstraße und stelle mich Chantal Jansen und Heike Fischer vor: „Hallo, ich bin der Neue! Haben Sie eventuell einen Job für mich?“ Skeptischer Blick, der sich freundlich auflöst: „Naja, dann probieren wir es mal mit Ihnen!“

Puh. Erste Hürde genommen, es folgt eine kurze Einweisung: „Hier vorne ist die auslaufende Sommerware, teilweise stark reduziert. Dort drüben beginnt die Winterware, zurzeit noch viel Herbstmode.“ Das erkenne selbst ich: dünnere Stoffe, hellere Farben – Sommer. Dunklere Töne, wärmeres Gewirke - Herbst / Winter. Ist ja gar nicht so schwer. Das packe ich!

Meine erste Kundin

Da segelt schon die erste Kundin meines Lebens in die Kettwiger Filiale. Einmal kräftig durchpusten, dann mutig ran an die Frau! Gudrun Neumann wird sicherlich beneidet für ihre Figur. Norddeutsche Wurzeln, groß, schlank, vorzügliche Haltung – perfekt! Demnächst geht es an die See, da können die Abende schon etwas kühler werden. Sie hat da eine dunkelblaue Kuscheljacke - „die ist so bequem!“ - mit beigen Streifen. Wenn es dazu eine passende Hose gäbe? Gibt es, Heike Fischer eilt herbei, greift mir unter die Arme und zielsicher an die Kleiderstange. Die Größe? Da gibt es kein Vertun, für so was braucht Verkäuferin Fischer, „seit Ewigkeiten dabei“, nur einen kurzen Seitenblick. Passt!

Gudrun Neumann lässt sich nicht anmerken, ob sie so einen ungelenk dastehenden Kerl in der Boutique deplatziert findet. Für sie geht es im Urlaub öfters nach Italien – ein absolutes Modeland. Freche Schnitte, gewagte Farbkombinationen - hier hat Gudrun Neumann gelernt, ihre hanseatische Noblesse mit südländischem Flair zu kombinieren.

Die Hose hat wirklich den gewünschten längeren Schnitt, jetzt bekommt die Kundin sichtbar Spaß am „Wir tun mal so, als wäre Herr Henschke wirklich ein Verkäufer“-Spiel: „Dann helfen Sie mir mal weiter. Wenn ich nun ein Kleid suchte? Was würden Sie mir empfehlen?“

Den Instinkten folgen

Jetzt fällt mir alles aus dem Gesicht. Kleider? Wo haben wir die denn? Chantal Jansen hat schon befürchtet, dass ich mich nicht so ausführlich mit dem Sortiment beschäftigt habe, weist zur Tür: „Vielleicht im anderen Teil des Geschäfts?“ Auf dem Weg dorthin komme ich an Sommerkleidern mit „floralen“ Designs vorbei. „Nee, die sind ganz bestimmt nix für die Dame“, behaupte ich jetzt mal ganz bestimmt. Und die nickende Zustimmung von Kundin und „Kollegin“ bestätigen meinen Eindruck, da lag ich absolut richtig.

Das tailliert geschnittene braune Kleid vielleicht? Upps, daneben getippt: „Bloß keine Spitze!“ So Kleid-mäßig wird das nichts mit uns Beiden, aber mir liegt mittlerweile echt am Herzen, dass die Dame an der Strandpromenade gut ausschaut.

Denken wir noch einmal über das Oberteil nach. Dunkelblaue Jacke, dazu die neue Hose in beige. Was passt da? Weiß oder rot auf keinen Fall. Am ehesten noch ein Marineton wie die Jacke? Gudrun Neumann freut sich über meine - noch ein wenig unbeholfenen - Überredungsversuche, bleibt aber hart: „Bestimmt habe ich im Kleiderschrank Passendes!“ Und wenn nicht? Dann kommt sie wieder, so viel ist klar.

Was macht man(n) mit unentschlossenen Kundinnen?

Christa Bresser kann sich nicht durchringen: „Ich weiß nicht. Sie gefällt mir schon…“ Chantal Jansen weiß genau, was ihre Kundin meint. Vorerst nicht, aber vielleicht später? „Ich hänge die Jacke mal hierhin“, lächelt die gewiefte Verkäuferin, „dann können Sie gleich noch einmal einen Blick drauf werfen…“ Das Innenfutter hat es Christa Bresser angetan: „Geringelt, das ist ja absolut meins…“

Die nächste Kundin sucht noch ganz kurz vorm Urlaub - auch sie fährt an die See - eine Dreiviertelhose, „aber bloß nicht in beige!“ Rot, grün, die in braun steht ihr gut, hat aber irgendwie eine komische Länge, zum Kürzen ist aber keine Zeit mehr. Die nächste Hose ist genau die Richtige, in Royal. Eine weitere Kundin zieht hochzufrieden von dannen, Heike Fischer strahlt.

Es ist ein ganz fragiles Verhältnis zwischen Verkäuferin und (noch potenzieller) Käuferin. Chantal Jansen versucht, es zu erklären: „Wenn die Kundin Nein sagt, ist es das auch. Da könnte ich noch stundenlang rumquatschen. Anders ist es, wenn eine gewisse Unschlüssigkeit durchblitzt. Dann muss man sofort ein passendes Stück vorlegen, um die Kundin auf den richtigen Weg zu bringen!“
Es geht aber nicht nur darum, eine geeignete Kaufatmosphäre zu schaffen. Heike Fischer reicht einer Kundin Taschentücher, der anderen ein Glas Wasser: „Oft sind wir auch eine Art Kummerkasten!“ Für die Kundschaft tut man bei Modesso nämlich so ziemlich alles.

Trendsetter aufgepasst!

Welche Farben kommen im Herbst und Winter? „Im Sommer war der Megatrend grün. Jetzt drängt sich keine dominierende Farbe auf - es ist kein ‚Must Have‘ zu entdecken. Für Jüngere weiterhin bordeaux!“ Bei den Schnitten und der Optik gibt es klare Favoriten: Die Hosen bleiben nach wie vor eng, mit dezentem Schlangenprint. Gerade im jüngeren Bereich setzen sich immer mehr die „Boxy Shirts“ durch, am Ärmel eng, am Körper weit und lässig getragen. „Geuste“ Optik, also verwaschen.

Der große Hit sind weiterhin Light-Daunen, als Jacke oder Weste. Ultraleicht, aber warm: „Die sind ganz dünn und man kann sie klitzeklein zusammenknuddeln. Ideal für die Reise.“

Mit welchen Marken kann man nichts falsch machen? Chantal Jansen zählt auf: „Gerry Weber, Rabe, Erfo, Betty Barclay. Besonders interessant ist Frapp, mit großen Größen auch für Jüngere. Dazu noch Oui und S.Oliver. Das sind unsere bewährtesten Marken.“

„Probezeit“ ist vorbei

Da habe ich in zwei Stunden ganz schön viel dazu gelernt – den Job der Verkäuferin sehe ich nun mit ganz anderen Augen. Es steckt doch viel mehr dahinter, als man(n) so denkt.

Meine „Probezeit“ ist vorbei, Heike Fischer rüffelt mich freundlich: „Da müssten noch die Pullover gerichtet werden und die anprobierten Hosen zurück an ihren Platz. Wir haben hier nämlich nie Stillstand, es gibt immer was zu tun.“
Chantal Jansen ruft mir hinterher: „Ich denke über eine Festanstellung nach…“

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